Luther mieten und ihm etwas bieten

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„No TV, no press“, sagt Maria Zuckerberg, die angebliche Großmutter des Facebook-Gründers Marc Zuckerberg, beim Entstehen dieses Fotos am Grillstand.

Kempten – Er trägt einen langen Mantel und in beiden Händen seine Bibelübersetzung, er ist nur etwa einen Meter groß und ständig blau: die Kunststoffplastik des Reformators Martin Luther.

Beim Gemeinde- und Erntedankfest der St.-Mang-Kirche Kempten startete damit am Sonntag die Aktion „Verleih uns Luther!“.

Im kommenden Jahr feiern die evangelischen Christen am 31. Oktober das Reformationsjubiläum. An jenem Tag im Jahr 1517 begann der Augustinermönch Martin Luther mit dem Anschlag seiner insgesamt 95 Thesen an das Tor der Schloßkirche zu Wittenberg. Darin prangerte er unter anderem den Ablasshandel der römischen Kirche an, bei dem jede Sünde nach dem Bezahlen von Geld als vergeben galt.

Das Finanzielle spielte beim Festgottesdienst in der St.-Mang-Kirche dennoch eine Rolle. Für eine Gebühr von 20,17 Euro – der Betrag ist eine Anspielung auf das Jubiläumsjahr 2017 – können sich die Pfarrgemeindemitglieder den blauen Plastik-Luther jeweils eine Woche lang ausleihen. Das Geld soll den Sanierungsmaßnahmen in der Kirche zu Gute kommen, die unter dem Motto „Gebäude mit Geschichte sucht Menschen mit Herz“ stehen. Interessierte müssen sich in eine Liste mit den Terminen eintragen.

Außerdem wird es ein Onlinetagebuch zu der Luther-Mietaktion geben, in dem die Ausleiher Bilder und Texte über ihre Erlebnisse mit dem Kunststoffreformator berichten können. „Luther war wohl nie im Allgäu, da hat er etwas verpasst. Jetzt kann er es nachholen“, sagte Pfarrerin Andrea Krakau im Gottesdienst. Als sie erklärte, dass man die blaue Plastikfigur schon jetzt mit nach Hause nehmen könne, erklärte sich Christa Falke spontan dazu bereit. Voller Freude trug sie den rund einen Meter großen Kunststoff-Martin an ihren Platz. Neugierig verfolgten die Anwesenden in der gut gefüllten Kirche das Geschehen.

Der Festgottesdienst bot den Großen und vor allem den Kleinen viel. Pfarrer Hartmut Lauterbach erzählte mit Hilfe eines Beamers und einer Videoleinwand eine Bildergeschichte über einen reichen Kaufmann. Selbiger besaß laut der Erzählung einen lustigen Hut, ein Haus mit fünf Stockwerken und zahlreichen Designermöbeln, vier Tiefkühltruhen und noch Vieles mehr. Eines Tages sah er in einem Schaufenster eine weiße Perle, die er unbedingt haben wollte. Doch der Verkäufer verlangte dafür den stolzen Preis von 1,5 Millionen Euro. Da der reiche Kaufmann die Perle trotzdem erwerben wollte, verkaufte er alles außer seinem geliebten Hut. Da ihm dann immer noch 50 Euro für den Perlenkauf fehlten, veräußerte er schließlich auch die Kopfbedeckung. Schließlich konnte sich der Kaufmann die teure Perle leisten, die er überglücklich in Empfang nahm.

„Die Geschichte ist eine Nacherzählung eines Gleichnisses aus dem Matthäusevangelium“, erklärte Pfarrerin Krakau. Im Kapitel 13, Verse 45 bis 46 sei mit der Perle, über die Jesus berichtet, der Himmel gemeint. Plötzlich stürmte eine schlanke, rothaarige Dame mit rotem Hut, roter Federboa, roten Samthandschuhen und langem, schwarzem Kleid auf Andrea Krakau zu und rief: „Halt, halt.“ Verdutzt fragte die Pfarrerin die Dame nach deren Namen.

„Ich bitte um Respekt. Ich bin Maria Zuckerberg, die reichste Frau der Welt und die Oma von Marc. Ich möchte diese Perle unbedingt kaufen“, antwortete die vermeintliche Lady auf Deutsch und Englisch mit einem starken fränkischen Akzent. „Sie sind die Oma von Marc Zuckerberg? Da sind Sie ja schon Uroma. Dafür sehen Sie ja noch ganz gut aus“, meinte Krakau in Anspielung auf den Facebook-Gründer und jungen Vater Zuckerberg.

Die angebliche US-Amerikanerin wollte die Perle jedoch unbedingt kaufen und bot Krakau ihre Aktienpakete, ihr Auto und ihren Thermomix an. Dabei kramte sie aus ihrem schwarzen Trolley einen Stapel Zeitungen (Aktienpakete), einen gelben Weihnachtsstern (Autoschlüssel für „my car“) und ein Küchengerät hervor. Sie duzte die Theologin und redete diese mehrfach mit „Schätzchen“ oder „Mäuschen“ an, bis es Krakau zu bunt wurde: „Wie reden Sie denn mit mir? Ich bin schließlich Pfarrerin.“

Dessen unbeirrt bot die Dame ihr für die Perle das Wertvollste an – ihre Kuscheltiere. Da Krakau sich immer noch nicht erweichen ließ, gab die Lady ihr am Ende auch ihren roten Hut und die Federboa. Als selbst das nicht genügte, meinte die Pfarrerin: „Die Perle kann man nicht sehen, und auch nicht kaufen. Diese Perle ist unser Glaube an Jesus Christus. Dieser Glaube ist unendlich wertvoll.“ Verzweifelt stand die rothaarige Frau da und fragte leicht grammatikalisch inkorrekt: „Mäuschen, du willst mich sagen, man kann den Glauben nicht kaufen?“ – „Genau das hat Martin Luther gesagt“, so Krakau. „Ihr Ostdeutschen überrascht mich immer wieder“, meinte Maria Zuckerberg. Die Pfarrerin kommentierte das mit einem verwunderten „Häh“. „Na, Martin Luther kam doch aus Ostdeutschland“, sagte die vermeintliche US-Amerikanerin. Das Publikum lachte, denn längst hatten sie erkannt, dass sich hinter Maria Zuckerberg in Wirklichkeit Pfarrer Klaus Dotzer verbarg.

Als Geschenk erhielten die Anwesenden ein Büchlein mit dem Titel „Wie Martin Luther auf den Reformationstag kam“. Die KiSi-Kids, ein Kinderchor aus Dietmannsried und Leutkirch, sang und tanzte Lieder wie „Ich glaube an den Vater“.

Mit Essen und Trinken, Kinderschminken, dem Formen riesiger Seifenblasen sowie Springen in einem aufblasbaren Hüpfhubschrauber ging das Gemeinde- und Erntedankfest bei strahlendem Sonnenschein auf dem St.-Mang-Platz weiter. Dort spielte KMD Frank Müller auf dem Keyboard und sang mit den Feiernden geistliche und vor allem lustige Lieder („Gummibärlied“). Denn auch Luther soll meist kein Kind von Traurigkeit gewesen sein.

Franziska Kampfrath

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