Reife Leistung zum Jubiläum

Viel musikalisches “Neuland” galt es während der Festivalwoche nicht nur für Zuhörer zu entdecken. Von morgens bis abends waren die Musiker – hier (v.li.) die Flötistin Silvia Careddu, die Oboistin Nora Cismondi, der Klarinettist Charles Neidich, Jaakko Luoma am Fagott und Hervé Joulain am Horn – mit intensiven Proben beschäftigt. Foto: Tröger

„Bravissimo“, ruft eine ältere Dame in den Schlussakkord hinein. Das Publikum im Fürstensaal ist begeistert und lässt die Musiker immer wieder zum Verbeugen aufmarschieren. Es war aber auch wirklich eine in jeder Hinsicht reife Leistung, die es gerade gehört hatte. Denn Sergei Ljapunovs Klaviersextett, das Schlussstück des Fürstensaal-Classix-Konzerts vom Donnerstag, ist nicht nur ein wirkungsvoller Reißer mit einem hochvirtuosen Klavierpart. Fast mehr noch war es die brillante Interpretation, in den schnellen Sätzen kraft- und anspruchsvoll, im elegisch zarten langsamen Satz mit schöner Wärme, die das Werk des Russen zu einem Erlebnis werden ließ.

„Russland à la carte“ hieß in diesem Sommer das Motto des Kammermusikfestivals, das zum fünften Mal stattfand und daher ein kleines Jubiläum feiern konnte. So reihte sich Ljapunows Sextett in die russischen Kompositionen ein, welche die Organisatoren Oliver Triendl und Dr. Franz Tröger für die fünf Konzerte vom 15. bis zum 19. September zusammengestellt hatten. Leitlinie dafür war, jenseits der bekannten Perlen gute Kammermusik zu finden und dabei besonders nach raren Kostbarkeiten Ausschau zu halten. Dem Publikum war im Vorfeld versprochen worden, dass die Musik „auch für ungeübte Hörer erlebbar“ sein würde, keine Experimente sollten gewagt, sondern nur „Vollblutmusik“ auf die Bühne gestellt werden. Um aber bei solcher Rücksichtnahme den Anschluss an die zeitgenössische Musik nicht ganz zu verlieren, gab es auch in diesem Sommer einen Composer in Residence. Genauer: diesmal mit Elena Firsova eine Composerin, die auch gleich ihre ganze Composer-Familie mitgebracht hatte. Firsovas Werke, mal gut instrumentierte Klangbilder, mal rhythmisch vertrackte instrumentale Gespräche, wurden in die Konzerte eingestreut. Außerdem gab es vor dem Donnerstag-Konzert einen Prolog, in dem die Tochter Alissa Firsova Werke der Mutter, des ebenfalls anwesenden Vaters Dmitri Smirnov sowie eigene Kompositionen spielte. Außer diesen dreien vertrat noch Rinat Ibragimov, der im Ljapunow-Sextett den Kontrabass gespielt hatte und dies über das Jahr als Erster Kontrabassist beim London Symphony Orchestra tut, das Russische. Ansonsten hatten die Organisatoren einmal mehr namhafte Musiker aus aller Welt zusammentrommeln können. Die Französin Nora Cismondi als erste Solooboistin des Orchestre National de France, der Ungar Máté Szücs als erster Solobratscher der Berliner Philharmoniker oder der New Yorker Charles Neidich, der als einer der berühmtesten Klarinettensolisten schon mit den besten Orchestern konzertiert hat, sind da nur ein paar Beispiele für die 24 Musiker. Großer Einsatz So etwas kann nur dank des rastlosen Engagements der Veranstalter und ihrer Kemptener Helfer stattfinden, die jedes Mal von der Beschaffung der Noten bis zur Organisation der Verpflegung logistische Meisterleistungen vollbringen. Außerdem reichen die Gelder aus den Eintrittskarten selbst bei vollem Saal nicht zur Deckung der Unkosten aus, daher geht auch ohne die regionalen Sponsoren und den in einem Verein organisierten Freundeskreis nichts. Und einen kleinen Teil trägt noch der Rundfunk bei, der inzwischen auf das Festival aufmerksam geworden ist, ein Konzert live für den Deutschlandfunk übertragen und zwei weitere für den Bayerischen Rundfunk mitgeschnitten hat. Da kann man dann die Kostbarkeiten dieses Festivals wieder hören, von Ljapunow bis Firsowa – und außerdem auch noch das begeisterte „Bravissimo“ der älteren Dame. Für die Künstler der Festivalwoche gab es am Ende des mitreißenden, bravourös gespielten Souvenir de Florence, d-moll, op. 70 von Tschaikowskji – dem letzten Klangerlebnis der fünftägigen Klangerlebnisse – tosende „standing ovations“.

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