Eine Oper im Theater

Interkulturell und humanistisch

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René Jacobs mit Mitgliedern der Akademie für Alte Musik Berlin bei der Generalprobe.

Kempten – Nach der europaweit gefeierten Interpretation der Zauberflöte, erar- beiteten sich Dirigent René Jacobs und die Akademie für Alte Musik Berlin, mit der Entführung aus dem Serail, Mozarts zweites deutschsprachiges Singspiel.

Neben Amsterdam, Brüssel und Perugia, reihte sich das Theater in Kempten (TIK) am vergangenen Donnerstag in die Liste der großen europäischen Aufführungsorte ein. Nicht nur Nikola Stadelmann, Künstlerische Direktorin des TIK, war stolz auf diese kleine Sensation, die unter anderem durch ein großzügiges Sponsoring von Annemarie Simon ermöglicht wurde.

Schon die Einführung versprach einen Abend voller Überraschungen. Konzertmeister Bernhard Forck erzählte vom verlustigen Koffer des Dirigenten; den Flöten, die nicht so recht zu Mozarts Janitscharenmusik passen wollten und der Interpretationsfreiheit, die René Jacobs seinen Solisten lässt. Zu recht, wie sich im Verlauf des Abends zeigte.

Interkultureller Mozart ohne Klischees

Ruhig dirigierte er, kommunizierte mit feiner Mimik und Gestik mit dem Orchester und brachte doch so viel Lebendigkeit in das vollbesetzte Kemptener Theater. Schnell waren die Zuhörer mittendrin, in der Entführung aus dem Serail. Einer Geschichte aus Liebesglück, Trennung, Eifersucht, und dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher kultureller Konventionen. Mozart zeichnete jedoch kein klischeehaftes Bild vom guten Abendland und bösem Orient ab. Stereotypen stellte er auf den Kopf, und verlieh am Ende dem zunächst bedrohlichen Bassa großmütige Züge. Unter René Jacobs und der Akademie für Alte Musik Berlin, spürten die Zuschauer den musikalischen Reiz, der beim Zusammentreffen von klassischem Orchester und „Mozarts Türkenmusik“ entstehen kann. Der Kemptener Chor Collegium Vocale fügte sich, als imposanter Janitscharenchor, wunderbar in das professionelle Ensemble ein.

Die Entführung aus dem Serail war in allen Partien fabelhaft besetzt. Robin Johannsen, als entführte Konstanze, erschien in der ersten Arie noch etwas zart, verlieh dann aber mit heller, bewegliche Sopranstimme ihrer „Seele bittern Schmerz“ Ausdruck. Ihren leidenden Geliebten Belmonte sang Tenor Maximilian Schmitt authentisch und gefühlvoll. Sein Zutritt zum Palast wurde vom Aufseher Osmin vereitelt. Dimitry Ivashchenko begeisterte das Publikum in dieser Rolle nicht nur gesanglich. Hinter seiner tiefen Bassstimme, mit der er brillant-schauerliche Arien sang, war stets ein weicher Kern zu spüren. Deshalb nahm ihn die emanzipierte Zofe Blonde, besetzt mit der Sopranistin Mari Eriksmoen, in den meisterhaft gesungenen Wortgefechten, nicht wirklich ernst. Gehörte doch ihr Herz Pedrillo, der, gesungen von Julian Prégardien, das Publikum als Tenorbuffo bestens unterhielt, ohne in Klamauk abzurutschen.

Dass die Flucht der beiden, vor der Janitscharenwache, unter dem Hammerklavier endete, war manch puristischem Anhänger der konzertanten Aufführung vielleicht etwas zu viel. Das Publikum ließ sich jedoch von der Spiellust der Darsteller mitreißen. Man hatte den Eindruck, dass auch René Jacobs, mittendrin im Geschehen, die Lebendigkeit genoss. In einer konzertant-szenischen Mischung flossen Übergänge von Sprache, Gesang und Musik ineinander und bildeten am Ende eine harmonische Einheit.

Humanistische Mahnung

Zu dieser gehörte auch Burgschauspieler Cornelius Obonya als Bassa Selim, den Mozart in einer reinen Sprechrolle lies. Er konnte, vermutlich gesundheitlich angeschlagen, stimmlich nicht aus dem Vollen schöpfen. Und doch hatte er am Ende der Aufführung in einem würdevollen Auftritt viel zu sagen. Mit Mozarts humanistischer Mahnung „dass es ein weit größeres Vergnügen wäre, eine erlittene Ungerechtigkeit durch Wohltaten zu vergelten, als Laster mit Laster zu tilgen“ entließ er die Entführten in die Freiheit und das Publikum auf den Heimweg. Die Zuhörer bedankten sich für diesen vergnüglichen Abend mit einem nicht enden wollenden Schlussapplaus. Circa ein Jahr müssen sie sich gedulden, ehe sie den Abend Revue passieren lassen können – René Jacobs hat die Entführung bei „harmonica mundi“ bereits eingespielt.

Cordula Amman

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