Rülpsen und furzen sind verboten

Gewürze waren im Mittelalter und in der frühen Neuzeit wirtschaftlich und politisch so bedeutend wie heute das Erdöl. Maria Menzel erhellte bei ihrer Schmankerl-Führung nicht nur die Historie – sie ging mit ihrer Gruppe auch in gastronomische Betriebe mit uralten Speise-Rezepten. Foto: omp

„Was rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmacket?“, soll Martin Luther nach einem üppigen Festmahl einmal gesagt haben. Damit wäre er im Kempten der Fürstäbte wohl nicht gut angekommen. „Da waren derartige Laute bei Tische verboten“, sagt Maria Menzel anlässlich ihrer Schmankerl-Führung in der Allgäu-Metropole.

Während aber fettige Hände, der Mund und auch die rotzige Nase schon mal an der Kleidung abgeputzt werden und abgenagte Knochen unter den Tisch wandern durften, so Menzel weiter. Natürlich habe die fürstliche Obrigkeit schon reichlich eindecken lassen, wobei die Fleischeslust klar dominierte: Ob Schwein, Haushuhn, Wachtel, Ente, Haubentaucher oder teils auch Singvögel – bei der Völlerei bis zu 7000 Kalorien pro Tag und Nase regierte Tierisches. Pflanzliches wie Obst und Gemüse hat laut Menzel keine so große Rolle gespielt. Brot freilich galt schon im Mittelalter in allen Schichten der Bevölkerung als Hauptnahrungsmittel. Auch Käse von meist leibeigenen Bauern fand immer mehr Freunde. Großer Wissensschatz Maria Menzel ist Stadtführerin mit großer Passion. Ohne Punkt und Komma lässt sie ihre Wortfolgen über ihre Zuhörer niederprasseln. Das sind an diesem Abend in erster Linie Mitglieder der CSU Sulzberg-Moosbach, die mit ihrer Vorsitzenden Cordula Hörmann gekommen waren, um interessante historische und kulinarische Splitter der Allgäu-Metropole aufzunehmen. Aber auch, um die Gaumenfreuden zu genießen, die in ausgesuchten Lokalitäten (je zwei in der einstigen Reichs- und Stiftsstadt) serviert werden. Natürlich ist da der Sankt Lorenzer Brauerschmaus aus dem 16. Jahrhundert schier unvermeidbar. Von einer „Art Kinderpizza“ spricht Menzel. Jedenfalls findet das mit Käse überbackene Bierfladenbrot – angereichert mit Tomatenpesto, Kräuter, Zwiebeln und Rauchfleischstreifen – den ungeteilten Beifall der Besuchergruppe. Ebenso das süffige Bier, das in einem Haus, in dem die 1394 erstmals erwähnte Stiftsbrauerei ihren Siegeszug antrat, natürlich nicht fehlen darf. Lange Brauer-Tradition Wie die Kaninchen vermehrten sich die Bierhersteller im ausgehenden Mittelalter: 20 Brauereien zählte man zu dieser Zeit in der evangelischen Reichsstadt. Verteilt auf 3000 Einwohner, denn die Reichsstadt war damals schon von der „Berliner Mauer“ umgeben, und Bier-Export in die andere Doppelstadthälfte schien kaum möglich: Da saßen die katholischen Stiftsstädter – und beide Lager standen sich über Jahrhunderte spinnefeind gegenüber. Bierherstellung im Allgäu konnte schon zur Keltenzeit nachgewiesen werden. Als die Römer kurz vor Christi Geburt kamen und rund 400 Jahre in ihrer Besatzerstadt Cambodunum auf dem Lindenberg lebten, gab es einige Hausbrauereien. Noch lieber ließen die Südländer ihren Rebenwein in Amphoren aus der Heimat ankarren. Aber es soll laut Menzel auch Weinanbau in Kempten gegeben haben. Allerdings habe man da doch mit viel Honig nachsüßen müssen, schmunzelte Menzel. Dafür jedoch mundete ihr Besuchergeschenk – ein römischer Keks mit Weizenmehl, Eiern und Honig – umso besser. Die Bäckerei Wipper sei mit Herstellung dieser römischen Spezialität beauftragt worden, sagte die Stadtführerin, die im Namen des Kemptener Tourismusbüros unterwegs ist. Und Cordula Hörmann überlegt sich schon, ob sie aus der Reihe „Kempten für Entdecker“ wieder einmal die eine oder andere Stadt-, Themen- oder Museumsführung herauszupicken sollte.

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