Druckerei- und Verlagswesen gebündelt in der Kemptener Salzstraße

"Ferd.Oechelhäuser’sche Druck- und Verlags-GmbH"

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Die Salzstraße mit den Gebäuden (v.l.) Hausnummer 35, 37, und 39. Anhand der Straßenfassade und dem Mansardendach sind die Zwillingshäuser 35 und 39 gut zu erkennen. Die Aufnahme stammt vom 3. Juni 1920.

Die Geschichte der Kemptener Zeitungen und Verleger ist sehr komplex. Ähnlich verhält es sich mit der Recherche zur Baugeschichte der hier relevanten Häuser in der Salzstraße mit den Nummern 35a und 37a. Denn es gibt im Stadtarchiv teilweise falsche, zumindest aber irreführende Dokumente.

So erschien bei der Suche nach Bildern auf einem Foto der Zusatz „Salzstraße Ecke Feilbergstraße”, die in Wirklichkeit – zumindest heute – so überhaupt nicht existiert. Eine andere Akte lokalisiert die gesuchten Gebäude „Salzstraße Ecke Lindauer Straße” und verweist damit auf das falsche Ende der Straße. Die nächste Schwierigkeit ergibt sich dadurch, dass die genannten Hausnummer, teilweise samt der dazugehörigen Gebäude heute gar nicht mehr existieren. Doch auch dieser Holzweg führt – mit genügend Geduld – ans Ziel, nämlich zu einem Parkplatz zwischen einem Geschäft für Goldschmiedekunst und Chronometrie, mit der Anschrift Salzstraße 35, und einem Optiker, dessen Ge-schäft die Hausnummer 39 trägt. Die noch übrige, dazwischen liegende Nummer 37 ist heute nurmehr ein Wohnhaus, das nicht mehr direkt an die Straße angrenzt. Die Gebäude mit dem Zusatz „a“ sind gänzlich verschwunden. 

In den Abrissakten zu Salzstraße 37a des Stadtarchivs finden sich zwei Bauplänen für diese Gebäude zu Bau- beziehungsweise Abrissmaßnahmen aus den Jahre 1902 und 1924. Beim ersten handelt sich um die „Anlage einer Abortgrube im Hause Lit: H. No. 16 der Hartmann’schen Buchdruckerei“. Im zweiten geht es um den „Anbau eines Lagerhauses am Anwesen H 16½“ durch den Besitzer Otto Oechelhäuser. Beide Pläne sind noch mit den ältesten Hausnummern versehen und die Namen der jeweiligen Besitzer oder der Name des Geschäfts sind auf dem Gebäudegrundriss eingetragen. So ist auf dem Plan von 1902 unter der Nummer H 16 mit einem dazugehörenden Nebengebäude das „Tag- und Anzeigeblatt“ vermerkt. Im Plan von 1924 trägt das Nebengebäude nun die Nummer H 16½ und es ist der Name des Besitzers Oechelhäuser für beide Gebäude eingetragen. In der Adresse im Briefkopf der Firma aus den 1920er Jahren gehört auch das Gebäude mit der Nummer H 19 zum Besitz der Druckerei. 

Das Haus mit der Nummer H 16½ taucht mit der neuen Nummerierung 35a im April 1963 in der Geschäftsanschrift der Oechelhäuser Druckerei auf dem Abrissgesuch für das Gebäude 37a auf. Dabei handelte es sich um ein Wohn- und Bürogebäude mit zwei Werkwohnungen, das auf den alten Plänen die Nummer H 16 trug. Wie lange das Haus mit der Nummer H 19 zu Druckerei und Verlag gehörte, lässt sich nur schwer feststellen. Eventuell wurde der Besitz im Rahmen der Demobilmachung bei der aktenkundigen Betriebsstillegung im Herbst 1923 aufgegeben. Denn noch zu dem Zeitpunkt trägt die Druckerei die Geschäftsanschrift „Salzstr. H 19 und 16“. Das deckt sich mit der Aussage von Joachim Rall, nachdem die Gebäude Salzstraße 35 und 39 „Zwillingsgebäude“ mit einer identischen Fassade waren und an letzterem – zumindest zeitweise – der Schriftzug „Allgäuer Tag- und Anzeigenblatt“ zu lesen war. Mit Hilfe der beiden Pläne lässt sich das nicht verifizieren, denn keiner trägt an dieser Stelle je den Namen Oechelhäuser oder „Allgäuer Tagblatt“. Es bleibt also nur, sich mit dem Wissen zu begnügen, wo die Druckerei und der Verlag einmal gestanden haben. 

Drei Zeitungen für Kempten 

Weniger chaotisch, aber nicht minder spannend, ist da die Unternehmensgeschichte der in diesen Gebäuden beheimateten Druckerei mit Verlag. Sie ist Teil der Blütezeit des Kemptener Verlagswesens. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen in Kempten allein drei Zeitungen größtenteils gleichzeitig. Dazu gehörte der bereits zweite Anlauf eines Blattes mit dem Namen „Allgäuer Zeitung“, das wie der Namensvorgänger der katholischen Publizistik nahe stand und im Kösel-Verlag erschien. 

Das zweite zu nennende Blatt, die „Kemptner Zeitung“, ging 1841 aus den bei Tobias Dannheimer verlegten „Neuesten Weltbegebenheiten“ hervor. Sie hatte ihre Hochzeit hauptsächlich in den Jahren der Revolutionzeit von 1848. Vor allem spiegelte sie die große Bewegung in Kempten wieder, die eine „Tradition couragierter Einforderung politischer Mitbestimmung“, beginnend mit dem Bauernkrieg, fortsetzte, so Stadtarchivar Dr. Franz-Rasso Böck in seinem Beitrag zur Jubiläumsschrift zu 225 Jahre Verlag und Buchhandlung Tobias Dannheimer. Nach genau 50 Jahren wurde die Publikation 1891 eingestellt. 

Damit bleibt noch das „ Tag- und Anzeigenblatt für Kempten und das Allgäu“ zu nennen, im Volksmund kurz „Tagblatt“. 1862 begann der Litzenfabrikant Matthäus Ahr gemeinsam mit seinem Schwiegersohn, Josef Hartmann, einem gelernten Buchdrucker, die Herausgabe des „Tagblatt“. Gegen die konservative „Allgäuer Zeitung“ auf der einen Seite und der liberalen „Kemptner Zeitung“ auf der anderen, konnte sich der Verlag mit einen ausgedehnten Anzeigenteil die wachsende Nische der Handwerker und Geschäftskunden sichern. Nicht nur der wirtschaftliche Erfolg stellte sich trotz der Konkurrenz, vermutlich aber gerade wegen dieses Geschäftsmodells schnell ein und setzte sich bis ans Ende 1945 fort. Nach über 30 Jahren ging die Zeitung 1895 in den Besitz Ferdi-nand Oechelhäusers über; das Blatt hatte 25.000 Abonnenten und der neue Inhaber baute das Verhältnis von Text zu Anzeigen von 1:2 auf 1:5 weiter aus. Die Hartmann’sche Druckerei (später gleichnamige Metzgerei in der Salzstraße 37) blieb aber – laut Bauplan von 1902 – noch ein paar Jahre bestehen. 

Aus einem unter dem Titel „An frischen Gräbern“ am 12. Oktober 1939 im „Tagblatt“ erschienenen Nachruf für kürzlich Verstorbene erfährt man etwas über die frühe Geschichte der Familie und deren eigentliche Heimat. Die genannte Tote, Lina Oechelhäuser, geboren am 21. Dezember 1854 „im Westfälischen“ stammte aus dem Haus des Papierfabrikanten Ferdinand und seiner Frau Emma Oechelhäuser. 1874, im Alter von 20 Jahren, folgte sie mit ihren Eltern, den zwei Brüdern nach Kempten, „wo ihre Brüder unterdessen sich verheiratet hatten.“ Die Familie ließ sich in Hegge nieder und Ferdinand gründete vielleicht im Zuge der Übernahme des „Tagblatt“ 1895 sein Unternehmen „Ferdinand Oechelhäuser Buchdruckerei und Verlag“ (die Bezeichnung variiert über die Jahre leicht). 1875 kam ein weiterer Sohn, Ernst Alois Josef, zur Welt. Über dessen beeindruckenden Lebensweg berichtet die Grabrede des Pfarrers der alt-katholischen Gemeinde F. H. Hacker zu seiner Beerdigung 1945. Auf Wunsch seines Vaters brach er sein Chemiestudium ab und begann eine Lehre im Papierfach. Diese Ausbildung führte ihn in bedeutende Unternehmen, über Österreich und England sogar bis in die Vereinigten Staaten. Im Ersten Weltkrieg diente er hochdekoriert an der Westfront. Als Direktor und Aufsichtsratsmitglied arbeitete er bis zu seinem Ruhestand unter anderem in den Papierfabriken in Hegge und Ravensburg. Papier blieb auch durch seine Ehefrau Paula in der Familie: sie war ebenfalls das Kind eines Papierfabrikanten aus Ravensburg. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor. Gesellschaftlich hatte sich Ernst vor allem als Gemeindevorstand der alt-katholischen Gemeinde in Kempten engagiert. 

Mit Otto Oechelhäuser, dem vierten Bruder, ist die nunmehr siebenköpfige Familie vollständig. Er trat 1903 in die Geschäftsführung des väterlichen Druck- und Verlagshauses ein. Zu welchem Zeitpunkt Ferdinand die Geschäfte ganz an Otto übergab, ist nicht bekannt. In der Ausgabe des hauseigenen „Tagblatt“ ist am 3. Juli 1943 eine Laudatio zu seiner „40jährigen Tätigkeit als Betriebsführer vom ‚Allgäuer Tagblatt’ und der Ferd. Oechel- häuserschen Buchdruckerei“ zu lesen. Der Beitrag, verfasst von einem Betriebsangehörigen, skizziert die Anforderungen an einen Zeitungsverleger in Zeiten der Diktatur und mangelnder Pressefreiheit sehr nüchtern: „...was es bedeutet, insbesondere als Zeitungsverleger in solchem, Dinge und Menschen umwälzenden Zeitgeschehen die Verantwortung zu erfassen, die getragen werden muß [sic!] im Interesse von Betriebsangehörigen und der Volksgemeinschaft überhaupt.“ Weiter attestiert ihm der Autor „ein(en) unbedingt klare(n) Blick für die Geschehen der Zeit, ein schnelles Erfassen der Belange, ..., aber auch ein offenes Herz für die Nöte der Zeit und der Menschen.“ 

Das „Tagblatt“ im Dritten Reich 

Rückblickend scheint das Festmachen der Gesinnung von Presseschaffenden anhand ihrer Publikationen nach dem 30. Januar 1933 unpräzise, wenn nicht sogar falsch, denn freie Meinungsäußerung war ab diesem Tag ausgelöscht. Mit der Reichstagsbrandverordnung und dem Ermächtigungsgesetz konnten die Nationalsozialisten den Staat bereits seit Frühjahr 1933 im dauerhaften Ausnahmezustand regieren. Ferner ebneten diese Maßnahmen den Weg zur Gleichschaltung der Länder, aller Organe, Organisationen, Vereine und Gruppierungen bis in die unterste Ebene. Wichtige Bereiche, die vor allem für die Propaganda nutzbar gemacht werden konnten, wie Presse, Rundfunk und Film, ließen sich somit von allen unliebsamen Stimmen säubern. Bis Mitte 1933 war die Konsolidierung der nationalsozialistischen Herrschaft weitestgehend abgeschlossen. Aus diesem Grund scheint das „Tag- und Anzeigenblatt“ mit dem weitgefächerten Leserkreis und dem Fokus auf die Wirtschaft aus propagandastrategischer Sicht das potentere Ziel zur Umgestaltung in eine Parteizeitung gewesen zu sein. Die Maßnahmen begannen im August mit der Gründung des „Allgäuer Nationalverlages“ unter der Leitung des Parteimitglieds Georg Bögner. Im Rahmen der Gleichschaltung er- hielt der „Augsburger Nationalverlag“ 51 Prozent Anteile am neuen Verlag. Otto Oechelhäuser, dessen eigener Verlag nun scheinbar aufgehört hat zu existieren, musste sich hinter Bögner mit dem Posten des zwei- ten Geschäftsführers mit 49 Prozent zufrieden geben. Sollte er nicht regimefreundlich eingestellt gewesen sein, blieb ihm nicht viel Spielraum. Ab dem 1. September 1933 erschien das Blatt unter dem neuen Namen „Allgäuer Tagblatt vereinigt mit der Allgäuer Nationalzeitung“ mit einem Hakenkreuz auf dem Titel. Am 31. März 1934 wurde die „Allgäuer Zeitung“ schließlich auch eingestellt und damit jegliche anderslautende Pressestimme zum Schweigen gebracht. 

In diesem Licht betrachtet, bekommt die Laudatio von 1943 einen anderen Ton. Als verantwortungsvoller Unternehmer nahm er die Herausforderung an, machte gute Mine zum bösen Spiel, um das Erbe seines Vaters und das Wohl seiner Beschäftigten so gut wie möglich zu beschützen. Die Konsequenzen kamen allerdings nach Kriegsende. In einem offenen Brief, adressiert „An die verehrte Einwohnerschaft der Stadt Kempten/Allgäu“, meldete sich Otto Oechelhäuser 1952 selbst zu Wort und erklärte, dass er nun nach „siebenjähriger Zwangsverpachtung ... im Juli dieses Jahres (s)einen Druckereibetrieb wieder aufgenommen“ habe. Die Zwangsverpachtung seines Besitzes und vermutlich ein zeitweiliges Berufsverbot kamen im Zuge der Entnazifizierung auf jeden Geschäftsführer einer regimekonformen Zeitung zwangsläufig zu. Während dieser Zeit musste er zusehen, wie seine Druckerei „zum Entstehungsort der neuen Lizenzzeitung „Der Allgäuer“ wurde. Böck bemerkt in seinen „Anmerkungen zur Kemptener Zeitungsgeschichte“ weiter, dass es schwierig war, „geeignete Persönlichkeiten für die verantwortungsvolle Gestaltung einer neu ausgerichteten Presse zu finden, denn die Altverleger wurden aufgrund ihrer Verflechtung in das Nazi-Regime als zukünftige Lizenzträger ausgeschlossen.“ Otto Oechelhäuser, ließ es sich in seinem Werbeschreiben jedoch nicht nehmen, die Kemptener noch einmal daran zu erinnern, dass aus seinem Hause „das früher so beliebte ‚Allgäuer Tagblatt’“ kam, dass er heute zwar nicht mehr drucke, „aber sonst alles, von der Besuchskarte bis zum illustrierten Werk, Drucksachen für Industrie, Handel, Gewerbe und alle Privatdrucksachen.“ Mit diesem Schreiben setzte der Verleger zwischen den Zeilen selbst den Schlusspunkt hinter die fast 90jährige Ge- schichte der bis heute erfolgreichsten Zeitung „für Kempten und das Allgäu“.  Yvonne Hettich

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