Das Schicksal der "Schwabenkinder"

Die Zehntscheuer in Wolfegg: Eingangsbereich und Ausstellungsraum gleichermaßen. Foto: Schubert

Haben Sie Kinder, die zwischen neun und elf Jahre alt sind? Dann stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie haben einen Bauernhof hoch in den Bergen, die Ernte im Vorjahr war schlecht und im Winter brüllte das wenige Vieh manchmal vor Hunger, da das Heu sorgsam eingeteilt werden musste. Auch die Familie hatte kaum genug zu essen und die Kinder werden zusehends schmaler. Stellen Sie sich außerdem einen fast 200 Kilometer langen Wanderweg vor, auf den Sie die Kinder schicken, die kräftig genug dazu sind. Schnee liegt in den Höhenlagen und bei so manchem Wettersturz erreichen die Kinder nicht rechtzeitig ein schützendes Dach.

Das ist in abgewandelter und vereinfachter Form das Schicksal der „Schwabenkinder“, die aus Graubünden, Südtirol, Tirol, Lichtenstein und Vorarlberg seit dem Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert auf die Hütekindermärkte kamen und als Arbeitskräfte an die Bauern vermittelt wurden. Bis vor rund 60 Jahren wurde das noch praktiziert und erst mit dem Zweiten Weltkrieg endete diese Form des Überlebenskampfes. Eigentlich war die Erforschung dieser Familiengeschichten ein Projekt des Bauerhofmuseums Wolfegg, aber bald zeigte sich, welche Dimensionen dieses bis dahin wenig beachtete Kapitel der Geschichte annahm. Zum Ende hin haben sich 27 Museen aus fünf Ländern damit beschäftigt und aus den Archiven die Wanderwege der Kinder und ihre Schicksale heraus gesucht. Dokumentationen und Ausstellungen wurden zusammen gestellt. In Wolfegg in der Zehntscheuer ist nun eine Dauerausstellung aufgebaut, in der man einen Einblick in diese Zeit bekommen kann. Neuer Blick Audivisuell oder mit Führungen geht es durch die Ausstellung und im ganzen Außenbereich sind in den Bauerhöfen Dokumentationen über diese Kinder mit einbezogen. Ihr Leben auf den Höfen, Wanderwege, Sorgen und Nöte sind Teil des Ganzen und ermöglichen einen ganz neuen Blick auf das Leben der Landbevölkerung in den zurückliegenden Jahrhunderten. Der Start in die neue Museumssaison war jetzt Anlass für die Eröffnung der Ausstellung. Rund 300 Gäste nahmen an der Eröffnungsfeier teil. Stefan Zimmermann, Museumsleiter in Wolfegg, Christine Brugger, Kuratorin der Ausstellung und Christoph Thöny vom Vorarlberger Klostermuseum erläuterten den Werdegang und die Zielsetzung dieses Unternehmens und eines ist sicher: Das Museum wird von dieser wissenschaftlich fundierten geschichtlichen Aufarbeitung über Jahre geprägt werden. Weitere Informationen über Öffnungszeiten und begleitende Aktionen gibt es per E-Mail an info@bauernhaus- museum.de, im Internet unter www.schwabenkinder.eu oder unter der Telefonnummer 07527/95 50 10.

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