Schritte in die Zukunft

Ozan (v.l.), Seyit, Beste, Selim und Silvia Rechsteiner bei der Hausaufgabenhilfe im Haus International. Foto: Kampfrath

Die Holztreppe im Haus International knarrt und ächzt bei jedem Tritt. Wenn keine Ferien sind, muss sie nachmittags viel aushalten. Für die Migrantenkinder, die sie von montags bis freitags hochsteigen, sind es Schritte in eine schulische Zukunft. Im Haus International unterstützen Silvia Rechsteiner und ehrenamtliche Helfer die Schüler bei den Hausaufgaben und Alltagsproblemen.

Es ist donnerstags um 13.15 Uhr. Nur Selim (7) wartet schon im Lernzimmer. Die meisten Kinder toben im benachbarten Spielzimmer herum. Andere sind noch auf dem Weg ins Haus International, das in der Poststraße steht. 19 Schüler sind derzeit bei der Hausaufgabenbetreuung angemeldet. Die meisten haben türkische Wurzeln. „Den Eltern ist der schulische Erfolg wichtig. Aber sie sind oft nicht in der Lage, ihre Kinder bei den Hausaufgaben zu unterstützen“, erklärt Silvia Rechsteiner. Manche kämen aber auch einfach, da der Freund den Hort besucht. Nach und nach füllt sich das Lernzimmer und die zehn Mädchen und Buben setzen sich auf einen der Stühle an den hölzernen Schulbänken. Sie kramen ihre Bücher, Hefte und Stifte aus dem Ranzen hervor. Manche blicken etwas lustlos in die Runde. Nicht alle brauchen an diesem Nachmittag Hilfe. „Ich hab’ nur Hausaufgaben in Mathe auf. Und das ist heute voll leicht“, verkündet Cem. Aus allen Ecken tönt es „Silvia, Silvia“. Esmanur steht etwas ratlos da. „Müllkorb braucht kein Hund, oder?“, fragt die Siebenjährige. Sie hat sich auf ihrem Arbeitsblatt bei dem Wort „Maulkorb“ verlesen. Darauf müssen die Kinder ankreuzen, was ein Hund benötigt. Seyit soll eine halbe Stunde Englisch lernen. Vergeblich versucht der Zwölfjährige, Silvia Rechsteiner auf zwanzig Minuten herunterzuhandeln. Deutsch-Englisch-Deutsch In seinem Buch sind sechs Digitaluhren abgebildet. Die Schüler müssen die Zeit ablesen und auf Englisch angeben, wie spät es ist. „It’s four seventeen“, schreibt Seyit mit der linken Hand in sein Heft. Kaugummikauend löst er alle Aufgaben der Übung. Zwischendrin vergewissert sich der Bub mit den nach oben gekämmten Haaren immer wieder, ob auch alles richtig ist. Die Tür geht auf und die dunkelhäutige Nadine betritt das Zimmer. Doch Silvia Rechsteiner schickt sie sogleich wieder fort, da das Mädchen einen Zahnarzttermin hat. Bei der nächsten Frage schreibt Seyit „fifteen“ versehentlich mit doppeltem F. Die folgende Aufgabe, bei der er das richtige Possessivpronomen einsetzen muss, meistert er mit Bravour. Fünf Bilder im Buch zeigen Szenen. Seyit soll zuordnen, wo sie stattfinden. Auch das bereitet ihm keine Probleme. Der Lautstärkepegel im Raum schwankt. In einem Moment reden alle Kinder durcheinander, im nächsten ist es ganz still. Bei Seyits nächster Übung geht es um die Besitztümer von Sharon und Asif. Die Dinge, die ihnen gehören, sind im Buch angekreuzt. Der Schüler soll Sätze mit „have“ oder „don’t have“ bilden. Seltsamerweise beginnt er, das englische Geschriebene auf Deutsch vorzulesen. Doch nach einer kleinen Ermahnung besinnt er sich eines Besseren. Seyit schaut an die Wanduhr über der Tür. Erfreut bemerkt er, dass die halbe Stunde Lernzeit vorüber ist. Sofort stürmt er ins Spielzimmer. Bei anderen Kindern lässt der Arbeitseifer ebenfalls langsam nach. Selim spielt an einem Heizkörper herum. Er erschrickt, als er plötzlich das obere Gitter in den Händen hält. Doch der Schaden ist schnell wieder behoben. Zeynep freut sich über die Note 3 in Mathematik. Die Achtjährige soll eine Geschichte über eine Katze in Not schreiben. Anfangs kommt sie mit ihrem Text gut voran, doch dann sträubt sie sich plötzlich dagegen. Schließlich fließen sogar Tränen. Ruckartig geht die Tür auf und Beste eilt sofort an den Computer. Dort übt die 13-Jährige das Zehnfingerschreiben. „Ich habe nicht mit zwei Fingern getippt“, antwortet sie leicht nervös auf die Frage nach ihrem Tun. Inzwischen verlassen immer mehr Kinder den Raum Richtung Spielzimmer. Bestes Bruder Ozan (11) und Seyit amüsieren sich dort mit einem Spiel fürs Handy. "Einfach nur Kinder" Die Hausaufgabenbetreuung geht auf Inge Nimz zurück. Die Pfarrerin und Gründerin des Haus International verstarb im Oktober 2009. Vor knapp 30 Jahren sprachen viele der Eltern mit ausländischen Wurzeln kaum deutsch. So konnten sie ihren Kindern gar nicht bei den Hausaufgaben helfen. Derzeit gibt es rund 13 ehrenamtliche „Lehrer“. Dazu gehören Studenten, Hausfrauen, Ruheständler und Berufstätige. Auch ein Mann im Rollstuhl zählt zu den Helfern, der sich besonders mit Emre gut versteht. „In erster Linie sind die Kinder für mich einfach nur Kinder und nicht türkischstämmig“, betont Silvia Rechsteiner. „Es sind für mich Kinder mit schlechteren Startbedingungen. Und diese Ungerechtigkeit wollen wir ausgleichen“, erzählt die Heilpädagogin.

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