"Schuld daran ist der Mensch"

Völlig unbeeindruckt vom Trubel um sie herum genießen diese Tauben ihr Mittagessen in der Fußgängerzone – obwohl die Tiere eigentlich nicht gefüttert werden dürfen. Foto: Matz

Erschrocken ziehen mehrere Passanten die Köpfe ein oder springen zur Seite. Urplötzlich hatte der graue Vogel seinen Kurs geändert, wendete vor Reischmann scharf nach rechts und rast im Tiefflug durch die Fußgängerzone. Situationen wie diese sind mittlerweile Alltag in der Innenstadt. Fast täglich kommt es zu Beinahe-Kollisionen zwischen Tier und Mensch, wie kürzlich in der Bürgerversammlung im Haus der Senioren zur Sprache kam. Doch gegen die gefiederten Kampfflieger kann die Stadt nicht viel ausrichten, wie Stadtdirektor Wolfgang Klaus eingesteht. Experten raten der Verwaltung jedoch dringend zu handeln.

Die gemeine Kemptener Stadttaube ist etwa 31 bis 34 Zentimeter groß, hat einen auffallend kleinen Kopf, lebt meist ein Leben lang monogam und kann bereits nach einem halben Jahr den ersten Nachwuchs zur Welt bringen. Und sie frisst so ziemlich alles, was der Kemptener liegen lässt oder wegwirft – was sie zunehmend zu einem Problem macht. Denn einigen Bürgern zufolge, die sich in der Bürgerversammlung meldeten, haben die Viecher mittlerweile jegliche Scheu vor Fußgängern verloren, marschieren in aller Ruhe durch offene Ladentüren oder nehmen bei ihren Flugmanövern keinerlei Rücksichten mehr. „Wenn Tauben zahm werden, ist dieses Verhalten völlig normal“, erläuterte Anton Kollmann, Vorsitzender des Allgäuer Kreisverbandes der Rassegeflügelzüchter, vergangene Woche gegenüber dem KREISBOTEN. „Schuld daran ist der Mensch“, so Kollmann weiter, „der die Tiere füttert, denn dann werden sie zutraulich und machen irgendwann keine Unterschiede mehr bei Menschen.“ Bei der Stadtverwaltung ist das Problem ebenfalls bekannt, wie Stadtdirektor Wolfgang Klaus zugibt. Allerdings könne man nur wenig gegen die Tiere mache. Getötet werden dürfen die Vögel nicht, ein Fütterungsverbot gibt es bereits seit Jahren und den Bau eines Taubenturms habe der Ausschuss für öffentliche Ordnung in den vergangenen Jahren bereits zweimal wegen der zu hohen Kosten abgelehnt. Dabei wäre ein Taubenturm die beste Lösung, glauben sowohl Klaus als auch Kollmann. In ein solches Konstrukt könnten die Tauben zum Brüten gelockt werden. Doch statt ihrer Eier würden die Tiere lediglich Plastikeier „ausbrüten“, die Fachleute gegen die echten eintauschen. „So hätte man die Population im Griff und könnte sie steuern“, erklärte Klaus. Auch Anton Kollmann empfiehlt der Stadtverwaltung auf dieses vor allem in Basel sehr erfolgreiche Modell zurück zu greifen. „Sonst nehmen die Tauben irgendwann überhand“, betonte er und verwies darauf, dass Tauben von Februar bis Oktober etwa alle 40 Tage zwei Jungtiere bekommen. Abhilfe kann Kollmann zufolge ansonsten nur noch ein rigoroses Fütterungsverbot bringen – was es aber bereits seit Jahren mehr oder weniger erfolgreich gibt. Doch nicht nur für die Menschen, auch für die Häuser in der Innenstadt und Fußgängerzone sind die Kemptener Tauben nicht ungefährlich. Ihr Kot ist zwar pH-neutral, allerdings ein perfekter Nährboden für Pilze, die wiederum Fassaden angreifende Säuren abscheiden. Abgesehen davon ist die Beseitigung von Taubenkot von Fassaden und Dachstühlen eine teure Angelegenheit. Deshalb, so Stadtdirektor Klaus, seien städtische und andere Gebäude bereits mit Drahtspitzen bewaffnet worden, damit sich die Vögel dort nicht hinhocken und alles zukoten.

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