Schwierige Verhältnisse

Mario Patuzzi. Foto: Tröger

„Arbeitsperspektiven 2011“ hat sich der Stadtjugendring (SJR) Kempten als „Jahresimpuls“ auf die Fahnen geschrieben. Vergangene Woche stellte der SJR das Thema seinen Mitgliedern und weiteren Gästen vor. Dass besonders Leute im Alter zwischen 25 und 30 Jahren „stark Gefahr laufen in prekäre Arbeitsverhältnisse zu kommen“, wurde im Vortrag von Mario Patuzzi, Bezirksjugendsekretär des DGB Bayern, deutlich.

Minijobs, befristete Arbeitsverträge und Co. sowie der Umstand, dass junge Arbeitnehmer „nach wie vor die ersten sind, die entlassen werden“, betreffe, so Patuzzi, inzwischen alle (Aus-)Bildungsebenen. Die Unsicherheit habe starke Auswirkungen auf die Lebensplanung, wie eine eigene Wohnung beziehen zu können oder die Gründung einer Familie, was zur sinkenden Geburtenrate beitrage. Nicht so stehen lassen wollte er die offiziell 65 Prozent junger Menschen, die 2009 in Bayern nach ihrer Ausbildung vom Betrieb übernommen worden seien. Laut einer Befragung der DGB-Jugend korrigierte er die Zahl auf lediglich 38 Prozent. „Der Rest ist nur befristet“, oder sei gar nicht unter gekommen. In den letzten zehn bis 15 Jahren hätten die „tarifgeschützten Arbeitsverhältnisse“ deutlich abgenommen, zugunsten der atypischen wie Leiharbeit, Freie Mitarbeit, Praktika, befristete Arbeitsverhältnisse oder Ein-Euro-Jobs. Die Hälfte der Praktika seien sogar „schlicht und einfach unbezahlt“ – wie übrigens auch die im Bundestag – enthüllte er. Rund ein Drittel der Praktikanten müssten für den Lebensunterhalt deshalb nebenher jobben. Sei Leiharbeit vor allem im produzierenden Gewerbe Gang und Gäbe, würden in öffentlichen und sozialen Diensten befristete Arbeitsverträge bevorzugt. Mit 40 Prozent als „sehr hoch“ stufte Patuzzi den Anteil der 15- bis 25-Jährigen in atypischen Beschäftigungen ein. Bei 35- bis 45-Jährigen liege die Quote bei gut 20 Prozent. Er selbst habe in einem Krankenhaus erlebt, dass ein Krankenpfleger nach Abschluss seiner Ausbildung an gleicher Stelle über eine Leiharbeitsfirma für die Hälfte des Gehalts eingestellt worden sei. „So etwas muss skandalisiert werden“, um Politiker unter „Zugzwang“ zu bringen, empörte er sich. Kaum Geld zum Leben Im sozialen Dienst werde „maximal die Hälfte“ nach einer Befristung übernommen, im produzierenden Gewerbe gar nur knapp 40 Prozent. Dass mehr als die Hälfte der Vollbeschäftigten bis 30 Jahre „weniger als 2000 Euro brutto pro Monat verdienen“, mache ihn „sozial unruhig“. Es zeige, dass ein erheblicher Anteil der Jugendlichen im Niedriglohnbereich arbeite und Probleme habe, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Betroffen seien noch immer vor allem Frauen, wie er betonte. Viele Jugendliche seien deshalb „Aufstocker“, die trotz Vollbeschäftigung für den Lebensunterhalt Hartz IV beziehen müssten, skizzierte Patuzzi die wachsende Jugendarmut. In der „Generation ausgebrannt“ häuften sich zudem besonders psychische Erkrankungen. Häufig unterbrochene Erwerbsbiographien und geringe Aufstiegschancen nannte er als weitere Negativfolgen. Um für Abhilfe der Missstände zu sorgen, führte er beispielsweise die Abschaffung grundloser Befristungen, die Regulierung von Leiharbeit sowie Wiedereinführung des „Synchronisationsverbot“ ins Feld, wodurch Leiharbeiter nicht mehr automatisch von der Verleihfirma gekündigt werden können, sobald sie ihren Job in der Firma verlieren, an die sie verliehen wurden. Den Kampf sagte Patuzzi auch den Niedriglöhnen an und forderte zudem eine „höhere Grundsicherung“.

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