Die einen gehen... die anderen kommen

Flüchtlingsunterkünfte in Bewegung

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Aus Afghanistan sind Mohammad (l) und Farzane (r) mit ihren drei Kindern geflohen und derzeit in der Dornstraße 7.

Kempten – Abschied nehmen hieß es für die Flüchtlinge, die in der Notunterkunft im ehemaligen Bauamt in der Maler-Lochbihler-Straße untergebracht waren.

Zahlreiche Helfer vom Helferkreis waren zur Verabschiedung vor Ort und konnten manch Ängste, Sorgen und Ungewissheiten der Flüchtlinge abbauen, die auf Unterkünfte in ganz Schwaben, unter anderem Donauwörth und Lindau, verteilt wurden.

Am Abend zuvor sei ein Zettel an der Tür gehangen, dass die Flüchtlinge am folgenden Morgen um neun Uhr abgeholt würden, tatsächliche Abreise sei dann gegen Mittag gewesen, erzählte Michael Schropp, Mitglied des Helferkreises. „Im Prinzip, so chaotisch wie sie gekommen sind, sind sie wieder gegangen,“ kritisierte er sowohl die Informationspolitik als auch Organisation der Regierung von Schwaben. Bei den Flüchtlingen habe die Verlegung zudem große Unsicherheit und Ängste ausgelöst, da sie davon ausgegangen seien, dass hier in Kempten vorerst Ende der Odyssee sei. „Wir mussten ihnen erst einmal erklären, dass es sich nur um eine Notunterkunft handelt“, schüttelte er den Kopf. Von mangelnder Information konnte auch Benedikt Mayer, Referent für Jugend, Schule und Soziales, ein Lied singen. Nach seiner Information hätten die Flüchtlinge nach Sonthofen gebracht werden sollen.

... die anderen kommen

Am gleichen Tag wurden erste Wohnungen in der Dornstraße 7 unter anderem mit einer syrischen und einer afghanischen Familien belegt, erstere mit drei noch kleinen Kindern. Noch Ende Oktober hatte Karl-Heinz Meyer von der Pressestelle der Regierung von Schwaben gegenüber dem Kreisboten betont, dass „für die Anmietung des Objekts Dornstraße in Kempten bisher lediglich ein Angebot vorliegt“ und über den Abschluss eines Mietvertrags noch nicht entschieden sei, zumal „notwendige Sanierungsarbeiten nach unseren Erkenntnissen noch nicht weit fortgeschritten“ seien.

Seinerzeit ging es um die Einrichtung einer Gemeinschaftsunterkunft. Jetzt wurde auf die Schnelle eine Notunterkunft eingerichtet, wofür die Stadt Kempten ein Obergeschoss kurzfristig angemietet hat. Weiter fortgeschritten dürften die Sanierungsarbeiten zwischenzeitlich kaum sein, wie ein Besuch des Kreisboten vor Ort vermittelte. Die Eindrücke machen das Protokoll, das Carmen Cremer, Rahel Hagspiel und Dirk Patermann, Bewohner des Hauses gegenüber seit Ankunft der Flüchtlinge verfasst haben nicht nur glaubwürdig, sondern auch sichtbar. Die Liste der darin aufgeführten Mängel ist lang. Die drei engagierten Nachbarn kritisieren nicht nur die ihres Erachtens unhaltbaren Zustände der Wohnungen, wie zum Beispiel „keinerlei Kochmöglichkeiten“, denn die Küche in der einen Wohnung ist komplett leer, die andere zwar mit Schränken, aber ohne Herd, unbeheizten Sanitärbereichen, stark verschmutzter Räume bereits beim Bezug oder das Fehlen von Sitzmöglichkeiten sowie einem Tisch. Kritik üben sie neben einer Reihe weiterer Punkte auch an der mangelhaften Ausrüstung der Menschen, die weder Wechselkleidung hätten noch eine Möglichkeit zum Wäsche waschen. Woher sie Essen bekommen ist den Dreien völlig schleierhaft, erzählen nur, dass sie am Wochenende in der Gaststätte im gleichen Haus mehrmals um Brot gebeten hätten.

Bei unserem Besuch vor Ort ist Hagspiel gerade dabei Windeln und Reinigungstücher für Babys zu verteilen, die sie auf eigene Rechnung für die Familien besorgt hat. Nicht die ersten „Hilfsgüter“ die sie und ihre Mitstreiter in die Dornstraße 7 bringen. Dank ihrer Hilfe können die Flüchtlinge wenigstens heißen Tee trinken, denn auch die Wasserkocher und Teebeutel stammen von dem Trio. „Insgesamt ein erschütternder Gesamteindruck der Unterbringung, für die wir uns als Bürger der Stadt Kempten, Region Schwaben, Bayern und Deutschland schämen!“, heißt es am Ende des Protokolls.

"Akzeptable Lösung"

„Wir wissen, dass es nicht zufriedenstellend ist, haben es aber aus der Not heraus als akzeptable Lösung empfunden und werden sie so schnell wie möglich umsiedeln“, betonte Claudia Faust, Leiterin des Amtes für soziale Leistungen und Hilfen, auf Nachfrage des Kreisboten. Auch sei man „sensibilisiert, die Situation ständig zu verbessern“, aber „manchmal sind uns seitens der Regierung von Schwaben auch die Hände gebunden“. Ihre Antwort auf die Frage des Dornstraßen-Trios, warum die Flüchtlinge nicht in der zeitgleich frei gewordenen Notunterkunft Maler-Lochbihler-Straße unterge- bracht worden seien: „Das war auch unsere spontane Idee, als wir vergangenen Dienstag erfuhren, dass am Donnerstag 20 „dezentral zugewiesene“ Flüchtlinge ankommen sollen.“ Allerdings sei das Gebäude in der Maler-Lochbihler-Straße eine andere Zuständigkeit und „da haben wir als Kommune keinen Zugriff drauf“, bezeichnete sie die Alternative in der Dornstraße als „absolute Notmaßnahme“.

Man habe den Flüchtlingen erklärt, dass es ein paar Tage dauern könne, bis eine geeignete Gemeinschaftsunterkunft zur Verfügung stehe und „sie waren sehr dankbar überhaupt unterkommen zu können“. Dass sie völlig unversorgt abgesetzt worden seien, kann Faust allerdings nicht bestätigen. Die Neuankömmlinge hätten eine Einführung und einen Stadtplan bekommen, dazu eine finanzielle Grundversorgung um einkaufen gehen zu können. „Wir sind sensibilisiert, die Situation ständig zu verbessern“, betonte sie, dass täglich Mitarbeiter dort seien, um die Unterkünfte wohnlicher zu machen.

Christine Tröger

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