Kreisboten-Redakteurin verzichtet 30 Tage lang auf tierische Produkte und industriellen Zucker

Plötzlich Veganerin – ein Selbstexperiment

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Der erste vegane Kuchen – das Highlight der ersten Woche als Veganerin.

30 Tage vegan leben? Gleichzeitig weitestgehend auf industriellen Zucker und sogar Kaffee verzichten? Für Schokoladen- und Käseliebhaber unvorstellbar, so auch für mich. Trotzdem habe ich mich an das Experiment gewagt und über vier Wochen lang Spaghetti gegen Zucchini- nudeln, Tier- gegen Sojaprodukte, Kaffee gegen Grünen Tee und Zucker gegen Agavendicksaft getauscht. Auch meine geliebte Schokolade war tabu.

Ungläubige und skeptische Blicke, große Augen und Aussagen wie „Echt jetzt? Du? Warum das denn?“ waren die Reaktionen meiner Mitmenschen, als ich meine neue Idee vorstellte, 30 Tage vegan zu leben. Also erklärte ich den Hintergrund für mein Vorhaben, schon bevor mein Experiment überhaupt begonnen hatte, gefühlte 100 mal. Auf die Idee gebracht hat mich eine Bekannte, die zusammen mit ihrem Mann diese Challenge bereits vollzogen hat. Sie würden sich fitter fühlen, ausgeglichener, die Haut wäre schöner und einige Kilos wären auch gepurzelt. Als ich dann deren Kochbuch sah, war ich doch etwas neugierig. Da ich eh seit langem an Bauch- und Magenschmerzen nach dem Essen litt, wollte ich das Experiment angehen. Mein Selbstversuch war also geboren. Omas Skepsis auch: „Des isch doch it gsund!“ Ja, über die vegane Lebensweise gibt es eben geteilte Meinungen. Mir bereitete aber eher meine bisher mangelnde Disziplin, was das Essen betrifft, Kopfzerbrechen. Aber 30 Tage sollten doch zu meistern sein, oder?

Vorbereitung muss sein 

Eine Woche zuvor wurden also Kochbuch, Zettel und Stift gezückt und erst einmal der Speiseplan für die erste Woche aufgestellt und dann die Lebensmittelvorräte zuhause überprüft. Da Hirse, Quinoa, Sojamilch und -joghurt, Mandelmus, massenweise Zucchini und Aubergine bisher doch eher selten bis nie auf dem Einkaufszettel standen, wurde die Liste für den kommenden Einkauf im Sekundentakt länger. Aber ein Grundvorrat an veganen Lebensmitteln war eben die Basis für meinen Versuch. Nach einer kurzen Bestandsaufnahme bezüglich Gewicht und Bauchumfang konnte es am nächsten Tag also losgehen.

Woche 1: Futterneid am Arbeitsplatz 

Montag, 11. April. Neue Woche, neue Ernährungsweise. Neues Lebensgefühl? Mal sehen. Ich war jetzt also Veganerin. Das Frühstück sah noch relativ ähnlich aus wie sonst auch, lediglich die Kuhmilch im zuckerfreien Müsli wurde durch pflanzliche Hafermilch ersetzt. Dazu etwas Obst und Sojajoghurt, fertig. Mittags beobachtete ich meine Kollegin dann schon, wie sie genüsslich Nudeln mit Lachs verdrückte. Ich hingegen saß mit meiner mediterranen Hirsepfanne und Gemüse vor dem Computer. Auch okay, aber eben ungewohnt und zugegebenermaßen hätte ich die Lachsnudeln dann doch bevorzugt. Normalerweise wird in der Kreisboten-Redaktion täglich ein Stück Schokolade verteilt. Das erste mal „Nein, danke!“ zu sagen, war hart. Aber auch ich musste im Laufe der ersten Woche feststellen: alles Gewöhnungssache. Schon ab Mittwoch hatte ich kaum noch Verlangen nach einem Schokoriegel und auch der Appetit auf Essen (der bei mir früher ständig vorhanden und sehr ausgeprägt war) wurde immer weniger, so dass ich mein Mittagessen sogar auf den Nachmittag verlegte. Wer hätte das noch vor wenigen Tagen gedacht?

Ich habe also grundsätzlich weniger Zeit mit Essen verbracht, dafür aber umso mehr Zeit in der Küche. Sich mittags mal schnell etwas in der Innenstadt zum Essen zu besorgen, geht als Veganer nur schwer. Und ich wollte ja zusätzlich noch auf industriellen Zucker verzichten. Also wurde am Vorabend geschnippelt, gerührt und gekocht, alles in Tupperdosen verpackt und am nächsten Tag mit ins Büro genommen.

Aber nicht nur auf tierische Produkte musste ich als neu ernannte Veganerin verzichten...auch die gemeinsame Mittagspause außerhalb des Büros mit Kolleginnen fiel für mich flach, denn die Auswahl an veganen Gerichten beim Imbiss oder im Restaurant ist eher gering. Also saß ich wieder alleine vor dem Computer. Gesellschaftsfähig war ich seit Beginn meines Experiments eher weniger. Das musste ich erneut feststellen, als eine Freundin vorschlägt am Wochenende Pizza essen zu gehen: „Kann nicht, ich lebe jetzt vegan!“. Als Trost gab es am Samstag den ersten selbstgebackenen veganen Kuchen – das geschmackliche Highlight meiner Woche. Testergebnis: sehr gut!

Woche 2: Fast-Food für Veganer 

Mit einem Highlight ging es für mich dann auch schon in Woche 2: An meinem Arbeitsplatz wartete ein veganer Schokoriegel ohne industriellen Zucker auf mich – ein Geschenk meiner Kollegin. Meine erste Schokolade seit einer Woche. Der Montag war also gerettet. Ein wahres Fest für meine Geschmacksnerven, die sich bisher schon an den Vollmilchschokoladenentzug gewöhnt hatten. Wo waren meine Gelüste hin? Verschwunden. Ich konnte nicht einmal von Heißhungerattacken auf Pizza, Döner oder Eis berichten. Mein ständiger Appetit war noch immer wie vom Erdboden verschluckt. Nur einmal hatte ich richtig Lust auf ein Käsebrot. Aber ich blieb hart.

Da sich meine Essensroutine in der ersten Woche sonst schon recht gut eingespielt hatte, wollte ich in der zweiten Woche mal das vegane „Außer-Haus-Essen“ testen. Also ging es am Dienstag zum Burgerladen. Tofu statt Rindfleisch, Korianderpesto statt Burgersauce, dazu Salat und Gurke – so sah also mein erster veganer Burger aus. Dazu Süßkartoffelpommes. Auch Veganer können also Fast-food essen, nur die Auswahl lässt zu wünschen übrig.

Und noch eine Premiere erwartete mich in dieser Woche: Nudeln aus Zucchini, sogenannte „Zoodels“. Dazu gab es Tomatensauce. Doch ich musste feststellen: Das menschliche Gehirn lässt sich eben nur doch schwer betrügen. Zwar hatten die Zucchini letztendlich die Form von Spaghetti, in puncto Konsistenz und Geschmack konnten sie richtigen Nudeln aber kaum das Wasser reichen. Ernüchterung machte sich breit. Und dann stellte sich mir noch die Frage: Darf man als Veganer überhaupt normale Nudeln essen? Das musste ich erst einmal googeln. Kurze Zeit später stieg Freude in mir auf: ja, darf man, insofern die Nudeln keine Spuren von Ei enthalten. Na dann konnte ich die Zucchini wenigstens gelegentlich von meinem Speiseplan streichen.

Was das verfeinerte Hautbild betrifft, stand ich nur kopfschüttelnd vor dem Spiegel, denn seit einigen Tagen war meine Haut im Gesicht so unrein wie noch nie. Was mir in der Pubertät erspart geblieben ist, holte mich jetzt mit voller Wucht ein. Entgiftungserscheinungen von meinem Körper? Wehrt er sich gegen die vegane Ernährung? Ich fühlte mich mehr als ein Streußelkuchen als ein Mensch. Und ich fror ununterbrochen, seit Tagen. Aber immerhin habe ich schon etwa die Hälfte meines Selbstversuchs geschafft. Auf geht‘s in die zweite Halbzeit. Fortsetzung folgt.

Von Lea Stäsche

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