Selina in der Elfenbeinküste

54 kleine Schwestern

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Selina (rechts) zusammen mit der zwölfjährigen Marie, die im CPAR eine Ausbildung zur Schneiderin macht.

"Dieser Artikel gehört nun ganz allein den Mädels, die mein Leben hier in Duékoué ja ausmachen und die meiste Zeit meiner Arbeit beanspruchen. Diese 54 Sonnenscheine versüßen mir wirklich jeden Tag und haben dafür gesorgt, dass ich mich hier so schnell eingelebt habe.

Das Alter reicht in unserem „Internat“ von elf bis 20. Die Mädels gehen auf die verschiedenen Lycées in Duékoué oder machen eine Ausbildung im CPAR (Centre Professionnel Artisanal et Rural). Die Unterrichtszeiten variieren ziemlich, sodass zu jeder Tageszeit Mädels im Foyer sind. Jeden Tag ab etwa 8 Uhr gehe ich zu ihnen. Der Großteil ist da dann schon in der Schule, der zweite Schwung bricht auch langsam auf. Für den Rest stehen nach dem Frühstück bis 11 Uhr „Etüden“ an. Dabei helfe ich den Mädels bei ihren Hausaufgaben, erkläre, frage ab oder stelle Matheaufgaben. Dieses Angebot wird auch ziemlich ausgenutzt. Während den Etüden bin ich eigentlich nie arbeitslos, sondern eher überfordert. Meistens gehört es auch dazu, die Mädels leise zu bekommen, sie zum lernen zu motivieren oder sie wieder aufzuwecken.

Nach der Lerneinheit fangen die Mädels an zu kochen. Auf Holzkohle bereitet sich jede, auch die Jüngsten, ihr Essen. Mit den Spendengeldern unserer Vorgängerin Franzi konnten ihnen als Alternative Gaskartuschen angeschafft werden. Ich weiß noch nicht genau warum, aber immer wenn sie dann essen gehen, erzählen sie es mir: „Selina, on mange“ (man isst). Ich wünsche ihnen darauf dann meistens einen guten Appetit. Manchmal werde ich auch eingeladen, zu probieren. Oft machen sie sich Reis oder Grillbanane, oder aber arbeiten richtig hart für ihr Essen, etwa wenn sie Foutou machen: Dabei werden Kochbananen und Maniok zu so etwas wie einem „Teigpflatschen“ gestampft. Schmeckt richtig gut, ist aber harte körperliche Arbeit, bis man das hat. Alles was den Haushalt angeht, so auch kochen, hat jede schon früh von ihrer Mutter gelernt. Dass eine Frau kochen kann, ist hier total wichtig. Ein vierzehnjähriges Mädchen hat es damit nicht so drauf. Für die anderen ist das unvorstellbar. „Wie macht sie das dann bloß, wenn sie verheiratet ist?“

Sonntags essen wir bei den Schwestern meistens Hühnchen. Ein paar Tage vorher lief das meistens frei bei uns rum. Bis dann ein Mädchen, wie letzte Woche, es an den Füßen packt und ausgerüstet mit einem Messer verschwindet. Als ich dann später bei ihr vorbei gelaufen bin, war der Kopf schon ab und der noch zuckende Körper halb gerupft… Ich war leicht entsetzt, hätte das nie übers Herz gebracht. Für sie war das aber alles ganz normal.

Ebenso selbständig erledigen die Mädels alle ihre Wäsche – mit der Hand versteht sich. Jede von ihnen könnte jetzt schon einen eigenen Haushalt führen. Geputzt wird das Foyer auch regelmäßig, wobei jede genau weiß, was sie zu tun hat. Ist schon beeindruckend. Die Mädels können da teilweise mehr als ich… Auffällig ist auch, was für Oberarme sie alle haben. Da gibt’s natürlich so kraftbeanspruchende Dinge, wie Foutou machen. Während den Ferien, wenn sie zu Hause sind und man sich in Deutschland ausruhen würde, steht für die meisten Mädchen aber stattdessen Plantagenarbeit an. Die meisten Eltern besitzen nämlich Plantagen. Kaffeeernten macht laut den Mädchen überhaupt keinen Spaß.

Im Foyer erwartet sie dann auch ein straffes Programm – diesmal für den Kopf. Wenn sie nicht gerade in der Schule sind, stehen dreimal am Tag Lerneinheiten an. Vormittags von acht bis elf, nachmittags von drei bis fünf und abends nochmal von 8 bis viertel nach 9. Dass sie hier bei den Schwestern wirklich lernen müssen, ist auch das, was die Eltern erwarten. Abends merkt man dann schon immer, wie müde sie vom ganzen Tag sind. Es ist immer total putzig, wenn man sie wieder aufweckt und sie einen dann mit roten Augen ganz grimmig anschauen.

Am Anfang des Schuljahres, als sie noch nichts zu lernen hatten, habe ich mit ihnen während den Etüden alles Mögliche wiederholt. Das war immer so süß, wenn sie beim Kontrollieren der Aufgaben alle unbedingt an die Tafel schreiben wollten. „Selina, danach bin ich dran!“ Auch wenn sie dann vorne standen und nichts wussten, Hauptsache sie konnten irgendwas hinschreiben.

Alphabetisierungsunterricht 

Für eine kleine Gruppe steht auch am Wochenende noch eine Einheit an: unsere Analphabeten. Ja richtig gelesen. Unter den im Durchschnitt 15-jährigen Mädels haben wir fünf (!), die anfangs nicht einmal alle Buchstaben kannten. In meiner Anfangszeit habe ich das gar nicht realisiert, als ein Mädchen 20 Minuten für das halbe Alphabet gebraucht hat oder ein anderes irgendwelche Wörter gelesen hat, die gar nicht da standen. Erst, als mir ein drittes bei der Aufforderung zu lesen nur den ersten Buchstaben des Wortes gesagt hat und sonst nichts mehr, kam mir die Idee, dass sie nicht lesen kann und wurde auf meine Nachfrage auch bestätigt. Die Analphabeten-Rate liegt in der Elfenbeinküste tatsächlich bei 56,1 Prozent! Mehr als die Hälfte der über 15-Jährigen kann weder lesen noch schreiben… Das ist aber so wichtig! Nachdem ich Marie, die Hauptverantwortliche fürs Foyer, darauf angesprochen habe, die sehr wohl darüber Bescheid wusste, haben wir nun endlich regelmäßigen Alphabetisierungsunterricht eingeführt. Marie, Nora und ich wechseln uns damit ab. Mittlerweile sind wir schon beim Silbenbilden. Und mit jedem Mädchen habe ich jetzt schon angefangen so einfache Sachen, wie „Ada, abi, didi,…“ zu lesen. Sogar „radio“ hat mit fast jeder geklappt. Mann, das hat mich unglaublich stolz gemacht und auch den Mädels hat man ihre Freude angesehen. Die Motivation, lesen zu lernen, ist auf jeden Fall da, sodass ich große Hoffnung habe, ihnen das bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland beibringen zu können.

Viel Spaß in der Freizeit 

Natürlich dürfen die Mädels hier aber auch mal Kinder sein. Vormittags nach den Etüden dauert es meistens nicht lange, bis ich nach den UNO-Karten gefragt werde. Jeden Freitagabend findet die „récréation“ statt. Etwa ab halb acht gehen wir mit allen Mädels ausgerüstet mit Tam-Tam und Fußball auf den Sportplatz der Mission. Die eine Gruppe spielt Fußball – richtiges süßes Mädchenfußball, wo alle beim Ball sind, das Spielfeld über den ganzen Sportplatz geht und die Freude über ein Tor riesig ist –, die anderen tanzen und singen zur Tam-Tam, wieder andere machen Klatschspiele. Es ist echt schön zu sehen, wie viel Spaß sie alle dabei haben. Samstags sehen wir uns immer zusammen einen Film an. Am liebsten haben die Mädchen dabei was zum Lachen. Wenn der Film ernst ist, lachen sie halt über die Menschen darin.

Von unserer Haustüre aus 100 Meter vor zur Garage gehen meine Mitvolontärin Nora und ich ab und zu laufen. Am Anfang hatten wir dabei eine Horde von Beobachtern. War schon peinlich, wenn man da mit rotem Kopf wie ein Depp vor ihnen hin und her rennt. Aber die Mädels fanden das toll und das nächste Mal haben um die zehn mitgemacht. Mittlerweile haben sie es aufgehört, kommen aber trotzdem fast immer, um zu zuschauen. Was ihnen auch unglaublich Spaß macht: Fotos machen. Wenn du bei ihnen mit Kamera auftauchst, ist der Stress schon vorprogrammiert. Von allen Seiten wirst du gerufen, um ein Foto zu machen und jede will dann ihres anschauen. Zweimal nach der Messe haben wir mit ihnen ein richtiges Fotoshooting gemacht. Dabei haben sie alle möglichen Klamotten ausgepackt: Sonntagskleidung, Schuluniform, Sportkleidung, traditionelle Stoffe… Und sich auch alles geteilt.

So aufgeweckt, wie sie sein können, so schüchtern werden die meisten vor ihren Vätern. Letztens war eine Versammlung für alle Eltern, wo sie über alles Wichtige informiert wurden. Komplett gegensätzlich zu deutschen Elternabenden, waren fast nur Väter da. Es sind nämlich sie, die die Schulausbildung zahlen. Marie hat sie über die Rolle der Eltern in der Schulbildung aufgeklärt. Unweigerlich kam man auf die Mütter zu sprechen: Zu ihnen haben die Mädchen normalerweise ein engeres Verhältnis und sie seien eher dahinter, dass die Aufgaben der Mädchen korrekt ausgeführt werden, im Haushalt etwa. Von den Vätern kam dann der Vorschlag, so eine Veranstaltung extra für Mütter zu organisieren – die Rollenverteilung ist hier noch fester verankert. Sr. Françoise (kommt aus Ruanda) hat stattdessen aber an sie appelliert, sich doch mal für den Alltag der Mädchen zu interessieren. „Es war für mich das größte, wenn mein Vater mich nach meinem Tag gefragt hat!“ Ebenso sollen die Mädchen offener ihren Vätern gegenüber werden, nicht nur kurze Ja-Nein-Antworten. Ist schon etwas komisch, wie unterwürfig sie auf einmal werden. Ein Mädchen hat einen Knicks gemacht, als sie ihrem Vater die Hand gegeben hat und als sie geredet haben, konnten sie sich beide nicht in die Augen schauen. Da bin ich gleich ein bisschen wehmütig geworden. Ich bin so froh, dass ich dich umarmen kann, Papa!

Zum Schluss eine kleine Sammlung von süßen Aussagen der Mädels:

– „Selina, gibt es bei euch in Deutschland die Sonne?“

– „Was heißt „sich bräunen“?“

– Etwas weniger süß ist es, wenn dir jeder sagt, dass du Pickel hast.

– Sonnenbrand finden sie auch interessant, vor allem wenn man drauf drückt…

– Dass wir auch so rot werden, finden nicht nur die Mädels lustig.

– Meine Muttermale wurden schon inspiziert.

– Ein Mädchen hat sich darüber beschwert, dass man hier in Duékoué „schwarz“ wird, weil die Sonne so runterknallt.

– Lustig fand ich es auch, als mal im Foyer eine Flasche mit gefrorenem Wasser lag und diese von allen ganz erstaunt begutachtet wurde.

– Wusstet ihr schon, dass wir Europäer „wahre Haare“ haben?

– Ein Mädel hat sich mal ein einzelnes Haar von mir an ihre kurzgeschorenen Haare gebunden.

– Bei einem „Mot du soir“ (guter Gedanke zum Abend) hat ein Mädchen auf die Frage, was sie später werden will, „eine weise Frau“ geantwortet.

– Als einmal eine Schlange im Garten der Schwestern war, haben die Mädchen ganz mutig große Steine geholt und auf die Schlange geschmissen. Die hatte keine Chance.

Zuletzt wollte ich mich noch bei allen bedanken, die so fleißig gespendet haben! Dank euch kommt den Mädels jetzt schon sicher etwas zu! Vielen Dank! Mehr Bilder findet ihr auch auf meinem Blog: https://blogs.strassenkinder.de/selinainderelfenbeinkueste/

Eure Selina"

Teil1: http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/selina-kettner-jahr-lang-elfenbeinkueste-5362678.html

Teil 2: http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/bonne-arrive-5559133.html

Teil 3: http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/jahr-sammelt-selina-kettner-erfahrung-westafrika-5673841.html 

Teil 4:  http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/selina-elfenbeinkueste-5906159.html

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