Selina in der Elfenbeinküste

Wie es ist zurück zu kommen...

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Selina mit Kindern aus der Gemeinde.

"Ein Thema, das bei unserem Zwischenseminar in Ghana angesprochen wurde. Etwas, worüber ich gar nicht reden wollte. Ich hatte mich so an alles gewöhnt und Afrika lieben gelernt. Die Lebensfreude, die Leichtigkeit des Lebens, die Offenheit der Menschen, die Freiheit... Sodass ich mir gar nicht vorstellen konnte, in mein altes Leben zurück zu kehren.

Dann in den Osterferien bekam ich Besuch aus Deutschland. „Ma petite soeur“ Caro (seine Freunde bezeichnet man immer als Bruder oder Schwester) flog zu mir in die Elfenbeinküste. Wir haben eine wunderschöne Zeit zusammen verbracht. Ich habe sie in meine neue Heimat eintauchen lassen, mit den schönen Dingen, sowie mit ihren Problemen. Aber auch ich bekam ein Update, wie es eigentlich gerade in Deutschland aussieht. Brennendes Flüchtlingsheim in Kaufbeuren, Fremdenhass im idyllischen Allgäu... Das hat mich wirklich nachdenklich gemacht. Ich wurde hier überall so lieb aufgenommen. Selbst von fremden Menschen auf der Straße kam nach Monaten noch ein „Bonne arrivée“ (wörtlich „gute Ankunft“). Wieso geht das anders herum nicht? Warum muss man einen Unterschied zwischen den Hautfarben machen? Und das frage ich beide „Seiten“. Denn auch in Afrika wird da ein Unterschied gemacht. Ich als Weiße wurde oft bevorzugt und bekam Extrawürste, die ich gar nicht wollte. Ziemlich traurig, dass die Ivorer sich da selbst einem 19-jährigen Mädchen „unterwerfen“, nur weil sie Europäerin ist. Die Kolonialzeit ist bei allen noch tief ins Gedächtnis gebrannt. Etwas, das sich hier ändern müsste. Schließlich sind wir doch alle nur Menschen, nur eben mit oder ohne Melanin in der Haut. Genau das gilt für alle Flüchtlinge. Es sind Menschen, auf der Suche nach Sicherheit und Glück, genau das, was doch jeder Mensch in seinem Leben erreichen will.

Beim Thema Gastfreundschaft können wir uns eine Scheibe von den Ivorern abschneiden. Auch, wenn man selbst nicht viel hat, wird der andere mit freudigen Armen aufgenommen, darf sich erst einmal hinsetzen, bekommt Wasser und Essen und man unterhält sich. Man fühlt sich dort einfach willkommen. Anders herum gibt es natürlich Menschen, die sich Flüchtlingen annehmen und sich für sie einsetzen. Aber sogar in Afrika weiß man, dass man in Europa nicht wirklich willkommen ist. „In Deutschland würde man uns ‚Affen‘ nennen, richtig?“, Zitat eines CPAR-Schülers...

Und nun ist es wirklich so, dass ich in Deutschland bin, aufgrund von Vorkommnissen, auf die ich jetzt nicht näher eingehen möchte. Dass es schon so weit ist, habe ich erst im Flugzeug kapiert, als mich beim Start meine Gefühle überwältigt haben und ich weinen musste, weil ich wusste, dass ich jetzt die Côte d’Ivoire verlasse. Meine neue Heimat, all die Menschen, die ich kennen und lieben gelernt habe, einfach mein Leben als Adjwa (Name der Baoulé für „an einem Dienstag Geborene“). In kürzester Zeit musste ich mich von allen verabschieden. Sehr schlimm war der Abschied von den Mädels. Princesse hatte mir einen Brief geschrieben, der mich gleich zum Weinen gebracht hat, als sie diesen vorgetragen hat, Rita und Tani haben mir ein Bild von sich und einen Stoff geschenkt, Frankie hat mir etwas gemalt... So traurig es auch war, es war ein „Au revoir“ und kein „Adieu“, ich habe fest die Hoffnung, sie alle wiederzusehen.

Oh Mann war es dann komisch, in Frankfurt zu landen und aus dem Flugzeug zu steigen... Wieder in Deutschland. Und dann nochmal Tränen, diesmal aus Freude, als ich meiner Familie entgegen rannte. Es war so schön, sie wieder in die Arme nehmen zu können. Meine Schwester, meine Eltern, meinen Bruder, der in der doch so kurzen Zeit so gewachsen ist, dass ich richtig erschrocken bin. Und natürlich unseren Hund. Plötzlich war alles so wie früher, als wäre ich nie weg gewesen. Trotzdem ist Afrika irgendwie immer in meinem Kopf. „Wenn ich immer nach Abidjan gefahren bin, war alles um mich grün, die Savanne eben“, „Solche Kleinbusse sind die Gbakas oder Massas in der Elfenbeinküste. Da wird das Gepäck einfach auf das Dach gebunden.“ „In Afrika hätte man das jetzt mitgegessen“. Es ist wunderschön wieder meine Liebsten zu haben, aber gerade, wenn ich alleine bin, vermisse ich Afrika richtig. Aber naja, ça va aller (das wird schon), wie die Ivorer so gerne sagen.

Trotz der Probleme, der Korruption, des harten Lebens, fraglichen Zukunftsaussichten der Jugend, der Kriegsvergangenheit und der spannungsverursachenden Unterscheidung in die verschiedenen Ethnien, die Versöhnung schwer macht, kann ich nicht anders, als das Land zu lieben. Trotz all dieser Schwierigkeiten beeindrucken mich die Ivorer mit ihrer Lebensfreude und ihrem Optimismus. „Ça va aller“, „Das wird schon“, hört man so oft. Während der deutsche Realist in Selbstmitleid versinkt, schaut der Ivorer einfach positiv in die Zukunft. Mit echtem Gottvertrauen feiert er das Leben. Und feiern können sie richtig gut, man muss nur einmal eine Messe miterleben. Man ist total auf Gemeinschaft bedacht, nennt alle seinen Bruder oder Schwester und teilt einfach alles. Man wird immer und überall eingeladen mit zu essen, auch von dem Mann im Bus, der zwei Reihen weiter vorne sitzt. Wenn ich im Foyer saß, hörte ich bestimmt 20 mal „Selina, on mange.“, wenn die Mädels mit Essen an mir vorbeiliefen. Ebenso ein wichtiger Ausdruck ist „Yako“. Dies bedeutet so etwas wie „wir sind mit dir/wir sind zusammen“ und das hört man in allen erdenklichen Situationen. Wenn man krank ist, einen Angehörigen verloren hat, sich den Kopf anstößt oder einfach nur müde ist. Überall fühlte ich mich aufgenommen und wohl.

Ich bin so froh die Chance bekommen zu haben, ein Volontariat in Afrika zu leisten. Volontär sein, heißt ja, sich für andere einzusetzen, ohne etwas im Gegenzug zu verlangen, etwa auch keine Bezahlung. Doch, wie es mir Père Carlos schon vor meiner Ankunft in der Elfenbeinküste versprochen hatte, habe ich alles, was ich gegeben habe, 1000 mal zurück bekommen. All die Erfahrungen, die ich machen durfte, haben mich unglaublich bereichert und wachsen lassen. Wie ich schon beim „mot du jour“ (Morgengedanken) zum Abschied meinen CPAR-Schülern gesagt habe, hätte ich mir vorher nie vorstellen können, alleine vor 40 bis 50 Schülern Unterricht zu halten und respektiert zu werden, wobei der Großteil dann auch noch viel älter ist als ich. Oder eben auch ein „mot du jour“ vor dem ganzen CPAR zu geben.

Natürlich gab es auch mal Tiefen, aber ich bereue wirklich überhaupt nichts. Ich bin so dankbar, das alles erlebt haben zu dürfen. Und natürlich danke ich allen, die über die Monate hinweg fleißig meine Artikel gelesen und gespendet haben! Ihr wart mir eine große Stütze.

Eure Selina"

Teil 1: http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/selina-kettner-jahr-lang-elfenbeinkueste-5362678.html

Teil 2:  http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/bonne-arrive-5559133.html

Teil 3:  http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/jahr-sammelt-selina-kettner-erfahrung-westafrika-5673841.html

Teil 4: http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/selina-elfenbeinkueste-5906159.html

Teil 5:  http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/selina-elfenbeinkueste-6005702.html

Teil 6:http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/selina-elfenbeinkueste-teil-6074149.html

Teil 7:  http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/selina-elfenbeinkueste-teil-6156479.html

Teil 8: http://www.kreisbote.de/lokales/kempten/selina-elfenbeinkueste-teil-6309765.html

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