"Sicherheitsrelevante Gründe"

Mit der Feststellung, dass mindestens drei Bordelle in Kempten baurechtlich nicht genehmigt sind und eigentlich geschlossen werden müssten, sorgte die Kemptener Bauverwaltung vor Jahresfrist für Aufsehen. Geändert hat sich seitdem jedoch nichts – und wird es auch nicht. Wie Bauordnungsamtsleiterin Dr. Franziska Renner diese Woche auf Anfrage erklärte, wird die Stadt entgegen den damaligen Ankündigungen „aus sicherheitsrelevanten Gründen” bei der Regierung von Schwaben keine Änderung der Sperrbezirksverordnung beantragen. Heißt: In der Kemptener Rotlichtszene bleibt alles beim Alten.

Das Erstaunen war groß, als im Herbst 2010 der Verdacht aufkam, dass manches Bordell in Kempten seine Dienstleistungen eigentlich gar nicht anbieten dürfte (der KREISBOTE berichtete mehrfach). Eine baurechtliche Genehmigung konnten zumindest drei Betreiber nicht vorlegen, wie anschließende Überprüfungen der Bauverwaltung ergaben. Da diese jedoch jahrelang stillschweigend geduldet wurden und es auch keine unmittelbaren Beschwerden von Seiten der Bevölkerung gab, einigte sich der Bauausschuss im Juni vergangenen Jahres auf eine Novellierung der Sperrbezirksverordnung von 1985 um endlich Klarheit zu schaffen. Ausgelöst hatte die Debatte damals eine Gersthofener Firma, die seinerzeit ein neues Bordell in der Hirnbeinstraße einrichten wollte. Obwohl in unmittelbarer Nachbarschaft bereits ein Freudenhaus betrieben wird, lehnten Verwaltung und Bauausschuss das Unterfangen ab. "Nie Probleme gehabt" Nun steht das Thema wieder auf der Tagesordnung: Ein Anwohner hat bei der Regierung von Schwaben in Augsburg Aufsichtsbeschwerde gegen die Stadt eingereicht, da diese nicht gegen ein baurechtlich nicht genehmigtes Bordell in der Innenstadt vorgehe. „Es geht um eine rechtsaufsichtliche Überprüfung”, erklärte deshalb Regierungssprecher Karl-Heinz Meyer am Donnerstag. Derzeit werde die Stellungnahme der Bauverwaltung geprüft. Wann die Regierung zu einem Ergebnis komme, sei derzeit noch völlig offen. Konkreter wird man in der Stadtverwaltung: „Es wird von uns keinen Änderungsantrag zur Sperrbezirksverordnung geben”, erklärte Wolfgang Klaus, Leiter des Referats für Recht, Finanzen und Sicherheit. Darauf habe sich die Verwaltung gemeinsam mit der Kemptener Kripo geeinigt. Aus Sicht beider Behörden ist die Kemptener Szene, so wie sie sich derzeit darstellt, „unproblematisch und sozialverträglich”, so der Stadtdirektor. „Die machen keinerlei Probleme, da ist nichts im Graubereich eines Industriegebiets.” Das habe das Bauordnungsamt so auch der Regierung von Schwaben mitgeteilt. Diese Einschätzung bestätigt Albert Müller, Chef der Kemptener Kripo. „Wir haben die ganzen Jahre über nie Probleme gehabt”, berichtete er am Mittwoch gegenüber dem KREISBOTEN. Das liege vor allem an dem überschaubaren Kreis der Szene, der sich meist in der Innenstadt angesiedelt habe und somit der „Sozialkontrolle” durch Anwohner usw. unterliege. Unter Sozialkontrolle Dazu komme, dass man sich untereinander kenne. „Die Konkurrenz passt gegenseitig aufeinander auf”, erklärte Müller. Außerdem würden seine Beamten – Stichwort „Ausbeutung” – regelmäßige Kontrollen vornehmen. Würden nun aber größere Freudenhäuser sich beispielsweise im Gewerbegebiet ansiedeln, sieht Müller Gefahren für das Kemptener „Rotlicht-Idyll”. „Sobald große Häuser kommen, kommt auch Konkurrenz, kommt auch Kriminalität und kommt auch Ärger mit den Anwohnern”, so der Kripo-Chef weiter. „Da fehlt dann die Sozialkontrolle.” Außerdem seien solche Bordelle für seine Beamten schwerer zu überprüfen. „Wir würden uns nur aus dem Bereich des Kontrollierten heraus bewegen”, sieht auch Stadtdirektor Wolfgang Klaus diese Gefahr. Das heißt allerdings auch, dass es ansiedlungswillige Bordelle künftig sehr schwer in Kempten haben werden. „Man muss zwar immer den konkreten Antrag sehen”, so Bauordnungsamtsleiterin Dr. Franziska Renner, „aber es wird sicherlich schwierig.” Andererseits: „Der Markt scheint gesättigt”, wie es Wolfgang Klaus am Donnerstag formulierte.

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