Wo sind all die Ingenieure?

Fachkräftemangel ist ein Thema, das derzeit Diskussionsstoff liefert. Ein Grund für die Dipl. Betriebswirtin Annette Stützle, sich des Phänomens mit Fokus auf die so genannten MINT-Berufe – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – in ihrer Diplomarbeit anzunähern. Neben Analysen zu Arbeitsmarkt und Hochschulabsolventenzahlen hat sich die ehemalige Studentin der Hochschule Kempten auch mit Faktoren beschäftigt, die Studien- und Berufswahl beeinflussen. Insgesamt 173 Abiturienten an drei Allgäuer Gymnasien hat sie dazu befragt und die Antworten in Kontext zum Mangel an Fachkräften gebracht – ein Problem auch in unserer Region. Auszüge ihrer Arbeit hat Stützle dem KREISBOTE erläutert und kommentiert.

Insgesamt spielen Hochschul- und Fachhochschulabsolventen laut Stützles Recherchen bei den Arbeitslosenzahlen seit Anfang der 1990er Jahre nur eine marginale Rolle. Trotz über Jahre signifikant steigender Nachfrage an Arbeitskräften in MINT-Berufen nehme die Zahl der Studienabsolventen in Fächern wie Ingenieurswesen, Physik oder Mathematik beständig ab. Lediglich Informatik zeige einen leichten Trend nach oben. „Es ist völlig schleierhaft“, warum im Gegensatz zu anderen Ländern „Naturwissenschaften bei uns so unbeliebt sind“, ging sie auf die Abiturientenbefragung ein. Spiele die Arbeitsmarktsituation kaum eine Rolle für die Studienentscheidung, so seien finanzielle Aspekte zumindest hinsichtlich der Frage „zuerst Lehre und Geld verdienen, dann Studium“ ein Thema, erläuterte Stützle, die inzwischen im Recruiting und Personalmarketing eines international agierenden Konzerns arbeitet. Für die Zukunft sieht sie Ausbildungsmodelle wie „Hochschule Dual“, das eine Praxistätigkeit und ein Bachelor-Studium kombiniert, ganz weit oben. Nicht genügend Informationen Eigene Interessen und Neigungen sind laut Erhebung bei 85 Prozent der Teilnehmer maßgebend für die Studienwahl, wobei nur 54 Prozent ein technisch-wissenschaftliches Studium überhaupt in Betracht zogen. Warum? Rund zwei Drittel befanden weder ihre Interessen noch Fähigkeiten entsprechend. Und über ein Drittel gab an, keine zureichenden Vorstellungen zu Berufen nach dem Studium zu haben. Bedenklich empfand sie, dass sich 43 Prozent der Befragten generell nicht ausreichend über Studien- oder Berufswahlmöglichkeiten informiert fühlten, „obwohl fast alle bereits bei Berufsberatung, Girls-Day, Berufsorientierung oder Hochschulmesse waren“. Mehr Infos hätten sich sogar stolze 71 Prozent gewünscht. Für mehr Praktika oder Workshops würden die meisten von ihnen auch Freizeit opfern. „Frontalunterricht fördert eben kein selbständiges Denken“, kritisierte Stützle die daraus resultierende „Berieselungsmentalität“, die Eigeninitiative vermissen lasse und schließlich an den Unternehmen hängen bleibe. Hochschulmarketing setze zu spät an, meinte sie. Es müsse schon ergänzend in Richtung „Schulmarketing“ gehen, da die Berufsbilder immer mehr würden und eine „frühzeitige Sensibilisierung“ erforderlich sei. Die Informationsarbeit sei von Schulen, Hochschulen und Unternehmen zusammen zu leisten, machte sie deutlich, „anders geht es nicht“. Eine bewusste Berufsentscheidung helfe zudem die Zahl der Studienabbrecher und -wechsler zu senken, und führe wunschgemäß zu jüngeren Absolventen. Allein angesichts der Abwanderungsquote von 880000 qualifizierten Arbeitnehmern ins Ausland gegenüber 270000, die es vom Ausland nach Deutschland gezogen habe, müssten vor allem die für die Deutsche Wirtschaft wichtigen MINT-Berufe wieder attraktiver werden.

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