"Springen über unseren Schatten"

Das Klinikum Kempten-Oberallgäu und die Kliniken Oberallgäu werden ab dem 1. April unter einer gemeinsamen Dachgesellschaft zusammenarbeiten (der KREISBOTE berichtete). Einstimmig hat der Stadtrat am Donnerstagabend den Weg für das Modell frei gemacht. Vorläufiger Geschäftsführer des Kemptener Krankenhauses bis zum 31. März wird Andreas Ruland, Geschäftsführer der Kliniken Oberallgäu. Anschließend wird er den Vorsitz der Geschäftsführung übernehmen.

„Wenn Häuser in kommunaler Hand erfolgreich sein wollen, müssen sie in Kooperationen und Verbünden arbeiten“, fasste OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) am Donnerstagabend eingangs der Diskussion das Kernproblem zusammen. Die Kooperation der Kliniken in Stadt und Landkreis werden Netzers Angaben künftig wie folgt aussehen: Zum 1. April wird eine gemeinsame Dachgesellschaft gegründet, in der Stadt und Kreis jeweils zu 50 Prozent stimmberechtigt sind. Die gemeinsame Holding wiederum hat jeweils 51 Prozent Stimmanteile an den Kliniken Oberallgäu und Kempten-Oberallgäu. Die übrigen 49 Prozent teilen sich wiederum Stadt und Kreis. Darüber hinaus soll es künftig – zumindest in der Anfangsphase – drei Aufsichtsräte geben: Einen für die Dachgesellschaft sowie jeweils einen für beide Krankenhäuser. Diese werden jedoch nur eine überwachende Funktion haben. Realtiv unanhängig, zumindest was das Tagesgeschäft betrifft, sollen dagegen die beiden künftigen Geschäftsführer der beiden Kliniken sein. Wer als Geschäftsführer gestellt wird, muss allerdings noch mit der SANA Kliniken GmbH im Rahmen eines Management-Vertrags ausgehandelt werden. Den Vorsitz der Geschäftsführung soll ab 1. April Andreas Ruland übernehmen. "Dynamischer Prozess" Ziele der Neustrukturierung sind vor allem eine optimale Qualität der medizinischen Versorgung, eine optimale Marktabdeckung und positive Jahresergebnisse „zur Schaffung und Erhaltung der eigenen Investitionsfähigkeit“. Außerdem sollen unter anderem Image, Mitarbeiterzufriedenheit, Effektivität und Effizienz, vernetzte Versorgungsformen und die Nutzung der gemeinsamen Ressourcen künftig verbessert werden. Andreas Ruland bezeichnete die Entwicklungen der vergangenen Wochen als „überraschenden und dynamischen Prozess“. Wichtigstes Anliegen müsse zunächst sein, die Häuser rentabel zu betreiben. „Um erfolgreich zu sein, brauchen wir eine Wirtschaftlichkeit“, betonte Ruland. Im Oberallgäu habe man das geschafft, obwohl die Situation dort 2003 finanziell ähnlich desaströs wie jetzt in Kempten gewesen sei. Sanierungstarifverträge wie im Oberallgäu seien für Kempten aber derzeit nicht angedacht. OB Dr. Ulrich Netzer betonte, dass Schluss sein müsse mit dem Konkurrenzdenken zwischen beiden Krankenhäusern. „Wir werden nur erfolgreich sein, wenn die politisch Verantwortlichen es schaffen, den Schritt zu machen, um vom Einzelhaus-Denken weg zu kommen“, sagte er. In der anschließenden Debatte zeigten sich die meisten Stadträte erleichtert darüber, dass endlich eine Lösung gefunden ist. Helmut Hitscherich (UB/ödp) meinte, dass das „der richtige Schritt in die richtige Richtung“ sei. Allerdings müsse das Klinikum jetzt schnellstmöglich das Vertrauen der Patienten zurück gewinnen. „Auch bei der Stimmung des Personals besteht Handlungsbedarf“, betonte Hitscherich. "Längst überfällig" Birgit Geppert von der CSU wollte hingegen wissen, warum beide Häuser nicht gleich fusionieren. Das sei rechtlich zu kompliziert , entgegnete Netzer. Eine Dachgesellschaft sei die einfachere Lösung. Gepperts Einwand, die Stadt gebe zuviel Einfluss auf ihr Krankenhaus ab, hielt der OB entgegen: „Alle Sachen, die von strategischer Bedeutung sind, wird der Aufsichtsrat entscheiden.“ Hans Mangold (Grüne) bezeichnete das Vorhaben als „ein Projekt, dass Hoffnung gibt“. Gleichzeitig forderte er Verbesserungen im medizinischen Angebot. „Zufriedene Patienten sind die beste Werbung.“ Sein Fraktionskollege Thomas Hartmann bezeichnete den Schritt dagegen als „längst überfällig“. „Das hätte man vor zwei Jahren schon tun müssen“, kritisierte er. Außerdem verwies er auf die „miese Stimmung in der Belegschaft“, den hohen Verschleiß an Geschäftsführern und zahllose teure Gutachten, „von denen aber nichts umgesetzt wurde“. „Was hat der Aufsichtsrat in den letzten Jahren eigentlich gemacht?“, so Hartmann. Harald Platz (CSU) zeigte sich überzeugt, „dass die Dachgesellschaft der richtige Weg ist“. Ludwig Frick (SPD) gab hingegen zu, „wir Kemptener sind bereit, über unseren Schatten zu springen.“ CSU-Stadtrat Josef Leonhard Schmid lobte die Weitsicht der Verantwortlichen. „Ein ausgezeichneter Vorschlag“, sagte er. „Die Leute wollen optimal versorgt werden – und unsere Aufgabe ist es, Strukturen zu schaffen, die das ermöglichen“, appellierte er. Alexander Hold (FW) gab zwar zu, dass es Probleme gebe. „Aber unser Krankenhaus hat eine hervorragende medizinische Qualität“, sagte Hold.

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