Führung erinnert an die besondere Geschichte Kemptens

Frei, fromm, frech

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Karin Schaber (2.v.r.) von der Bibliothek der St.-Mang-Kirche erklärt auch das Stadtwappen, das hier über dem Brunnen an der Freitreppe zu sehen ist und seit 1819 die beiden ehemals getrennten Städte vertritt: links die Hälfte des Adlers vom ehemaligen Wappen der Reichsstadt, rechts die Burghalde die fälschlicherweise als frühester Standort des Klosters angenommen worden sei.

Kempten – Treffpunkt war am St.-Mang-Platz und somit Start für die letzte Entdeckungsreise auf evangelischen Spuren mit Karin Schaber von der Bibliothek der St.-Mang-Kirche für dieses Jahr. Der Kreisbote hat sich mit auf die Reise in eine spannende Vergangenheit gemacht.

Bis 1525 war Kempten rein römisch-katholisch und wurde erst durch den „Großen Kauf“ in genanntem Jahr zur geteilten Stadt – katholische Stiftsstadt und evangelische Reichsstadt – mit einer ziemlich bewegten Geschichte. Den Titel „frei, fromm, frech“, habe sie bewusst gewählt, so Schaber. Denn „die Kemptener waren schon in vorreformatorischer Zeit frech“ – eine „Voraussetzung dafür, auch frei zu werden“, versicherte sie den rund 20 Interessierten, die sich der Tour durch die ehemals evangelische Reichsstadt, heutige Altstadt, angeschlossen hatten. 

Es wurde ein zweistündiger Streifzug mit Stopps an Gebäuden, Hinweistafeln und Fassadenmalereien, die manch Einheimischer sicher schon hundert Mal gesehen hat. Aber auch wirklich wahrgenommen oder gar über die Hintergründe Bescheid gewusst? Zum Beispiel die Bedeutung des aus Slowenien geflohenen Primus Truber, der von 1553 bis 1561 im ursprünglich katholischen, dann evangelischen, 1328 erbauten Pfarrhaus neben der St.-Mang-Kirche gewohnt hatte: Er habe die Aufgabe gehabt, das Neue Testament in die slowenische Sprache zu übersetzen, die er dadurch „überhaupt erst zur Schriftsprache gemacht hat“, erklärte Schaber. Mit ihren Geschichten lies sie manche historische Begebenheit förmlich aufleben. Man konnte sich vorstellen, wie die Menschen ehrfurchtsvoll die Legende vom Kampf, und natürlich Sieg, des Heiligen Magnus über den Drachen und die Schlangen weiter erzählten, von denen er die Bewohner Kemptens bei seiner Ankunft hier befreit hatte. „Dann der erste freche Akt“ der Kemptener, als sie die romanische St.-Mang-Kirche zum Dom nach Vorbild des Doms in Straßburg machen wollten – und auf ihre Art machten. 

Die eigenmächtige Erweiterung der Kirche sei natürlich „nicht nur Ausdruck ihrer Frömmigkeit gewesen“, sondern auch ihres Unmuts. Da die Annäherung an den großen Dom „im Widerspruch zum Fürstabt gestanden“ habe, „mussten sie dafür Strafe zahlen“, schmunzelte sie. 

 30 000 Gulden 

Thema war auch das Wirken der Agnes Wyssach, die ihr Vermögen erst in das „heruntergekommene“ Seelhaus – heute Haus Lichtblick der Diakonie – gesteckt hatte und später in den Bau des St.-Anna-Klosters am Fuße des Freudenbergs. Wichtige Figuren zur Kemptener Geschichte zeigen auch Häuserfassaden auf dem Rathausplatz, unter anderem Kemptens Bürgermeister Gordian Seuter, der 1525 durch den „Großen Kauf“ das Gebiet der Reichsstadt „für 30 000 Gulden in Gold“ vom Stift frei kaufte. Eine Summe, für die, laut Schaber, die Bewohner alles verkauft hätten, was sie nicht mehr zu brauchen glaubten, um dafür endlich zusammenzulegen. 

 Von Friede in der Reichsstadt war allerdings noch immer keine Spur: Lutherianer und Zwinglianer trugen auch hier den Streit ums Abendmahl und natürlich die Vorherrschaft aus und auch der „Bildersturm“ ging an Kempten nicht spurlos vorbei. Als Glück bezeichnete Schaber die Entscheidung der Stadt, sich 1533 zumindest offiziell dem Lutherbekenntnis angeschlossen zu haben. „Zwar habe während 20 Jahren „zwinglianische Frömmigkeit geherrscht“, aber „außenpolitisch ist der Rat immer auf der Lutherlinie“ gewesen, wodurch die Stadt mit Wirkung des Passauer Vertrages „reichsrechtlich anerkannt“ wurde. An der Freitreppe räumte Schaber mit einer hartnäckig verbreiteten Falschinformation auf: es sei nicht, wie oft behauptet, die einzige Verbindung zwischen den verfeindeten Rivalen Reichs- und Stiftsstadt gewesen, sondern rein städtebaulicher Natur. Es ist eine wahrlich reiche Geschichte, diese Geschichte der evangelischen Reichsstadt Kempten, die noch weit mehr zu bieten hat. Sie ist sicher auch im nächsten Jahr eine Entdeckungstour wert, wenn wieder neue Termine dafür im Programm der St.-Mang-Kirche angeboten werden.

Christine Tröger

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