Die Geschichte der Kemptener Eisenbahnstrecke reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück

Vom Bahnhof zum Einkaufszentrum

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Auf dem Gebiet des ehemaligen Bahnhofs in Kempten befinden sich heute unter anderem das Forum Allgäu sowie der August-Fischer-Platz.

Die erste Eisenbahnstrecke in Bayern errichtete Anfang des 19. Jahrhunderts die „Königlich privilegierte Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft“ zwischen Nürnberg und Fürth. Informationen holten sich die bayerischen Eisenbahnpioniere aus dem Mutterland dieser neuen Technik: England. Dort schob die Erfindung der Dampfmaschine durch Thomas Newcomen 1712 eine rasanten Entwicklung an. Mit den positiven Erfahrungen von der Insel begannen fränkische Kaufleute den Streckenbau voranzutreiben, der binnen vier Jahrzehnten auch den Süden des Königreichs erreichte.

Am Anfang stand der Güterverkehr 

Schon im 17. Jahrhundert wurden im Bergbau die geschürften Erze über schienengeführte Wagen durch Seilwinden gezogen. Das Prinzip wurde weiterentwickelt und fand bald in anderen Berufen, wie der Holzwirtschaft, Anwendung. Hier ersetzte die Muskelkraft von Pferden die Seilwinde. Mit der Entdeckung von Stahl wurden die aus Holz gefertigten Schienen durch Eisenschienen ersetzt. Die erste Eisenbahn – der Namen leitete sich am Anfang von den Schienen aus diesem Material ab –, die neben Gütern zum ersten Mal auch Personen beförderte war die „Stockton und Darlington Railway“ in England, die 1825 eröffnet wurde. In Bayern entstand großes Interesse an der neuen Technik, doch lag sie zunächst ausschließlich in privater Hand, denn König Ludwig I. hatte mehr Interesse an seinem Lieblingsprojekt dem Ludwig-Donau-Main-Kanal. Das Parlament entschied jedoch 1841 das Eisenbahnwesen unter staatliche Regie zu stellen, wofür der König eher missmutig seinen Namen gab.

Die „Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft“ errichtete mit der Konzession des Königs zwischen 1843 und 1854 die Ludwig-Süd-Nord-Bahn, die erste Bahnstrecke der Staatsbahn, die von Hof über Bamberg, Nürnberg und Augsburg nach Kempten und im weiteren Verlauf über Immenstadt nach Lindau führte. Zu diesem Zeitpunkt nahm auch der Personenverkehr an Bedeutung zu, während zunächst die Bewegung von Gütern und dabei vor allem von Kohle und Eisen, den wichtigsten Waren, auf denen die Industrielle Revolution gründete, im Mittelpunkt stand. Die Ursprungsländer sind England und Schottland, wo aufgrund der nötigen technischen Erfindung wie der Dampfmaschine, ausreichender Rohstoffvorkommen und – als zukunftsweisende Erwerbsmöglichkeit – die industriemäßige Fertigung von Verkaufsgütern, Wohlstand und wirtschaftlichen Aufstieg die Entwicklung anschoben. Besonders die Dampfmaschine war in der Entstehung der Bahn entscheidend. Während es öffentlichen Schienenverkehr bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab, wurden die Wagen aber immer noch von Pferden gezogen. Richard Trevithick entwickelte schließlich 1804 die erste Dampflokomotive als selbstfahrende Zugmaschine.

Zur Abwicklung der Personen- und Güterwagen entstanden die Bahnhöfe in den Städten entlang der Bahnlinien. Der Teilabschnitt der Ludwig-Nord-Süd-Bahn zwischen Kaufbeuren und Kempten wurde zum 1. April 1852 in Betrieb genommen. Im selben Jahr war auch Baubeginn des ersten Kemptener Bahnhofs. Die geographischen und städtebaulichen Gegebenheiten sorgten für eine erschwerte Streckenführung. Die Linie musste von Kaufbeuren kommend die Iller überqueren und Richtung Immenstadt weitergeführt werden können. Deshalb entschieden sich die Baumeister für einen Übergang am Illerdurchbruch durch den Bau einer doppelgleisige Holzbrücke, der König-Ludwig-Brücke, über den Fluss und den Bahnhof selbst als innenstadtnaher Kopfbahnhof. Der weitere Streckenausbau Richtung Immenstadt konnte bereits rund ein Jahr später am 1. Mai 1853 in Betrieb genommen werden.

Der erste Bahnhof 

Als Platz für den ersten Bahnhof entschied man sich für die Anhöhe auf der linken Illerhochfläche, die größere Niveauangleichung sowohl zur anderen Uferseite aus auch für den südlichen Verlauf vermeiden ließ. Der Komplex bestand aus einem so genannten Administrationsgebäude, einem überdachten Hausbahnsteig mit Einstiegshalle und einem Güterschuppen. Das Administrationsgebäude war ein dreistöckiger, schlanker Baukörper mit einem Mezzaningeschoß und einem der Region typischen Bauarten nachempfundenen Pfettendach. Manfred Berger, Architekt und Fachbuchautor, beschreibt in „Historische Bahnhofsbauten“ diesen Stil als typisch für die Zweckbauten zu Beginn der Industriellen Revolution.

Die neue Mobilität, nicht nur der Güter, sondern auch von Menschen, sorgten für einen zügigen Ausbau des Streckennetzes, sodass bereits am 1. Juni 1863 mit der Illertalbahn zwischen Neu-Ulm und Kempten ein weiterer Gleisabschnitt am Kemptener Bahnhof zusammenlief. Die Verkehrszunahme machte sechs Jahre später die ersten Umbaumaßnahmen an den Bahnsteig- und Gleisanlagen notwendig.

Die größte Veränderung erfuhr der Kemptener Bahnhof zwischen 1885 und 1888, als die Bayrische Staatseisenbahn den Bahnhof vor allem stilistisch wesentlich umgestaltete und erweiterte. Der Baukörper im Stil der Neorenaissance verfügte über zwei dreistöckige Seitenflügel, in dessen rechten das turmartige Administrationsgebäude integriert wurde, und einen zweistöckigen Mittelbau. Im Inneren fanden eine geräumige Empfangshalle, drei Wartesäle und ein Fürstenzimmer Platz. Die Gleisanlagen wurden auf drei Bahnsteige und fünf Gleise erweitert. Die Eröffnung fand am 9. November 1888 statt. In der Hochphase der Eisenbahn siedelten sich im Umfeld von Bahnhöfen Hotels für die Reisenden und Gastronomie an. Es entstanden Haltestellen für die Kutschen, später Taxistände und Parkplätze für Pkws, sowie ein Kiosk, an dem man sich mit Lesestoff und Reiseproviant versorgen konnte. Ebenfalls in der Nähe befand sich ein staatliches Postamt, denn Briefe und Pakete wurden mit der Bahn in die größeren Städte gebracht und von dort weiterverteilt.

Mit der Inbetriebnahme der Außerfernbahn am 1. Dezember 1895 und der Strecke nach Isny am 15. Oktober 1909 wurde erneut ein Ausbau der Gleisanlage nötig. Der Standort Kempten hatte sich mittlerweile zu einem Knotenpunkt entwickelt, von dem nicht nur die Stadt, sondern die ganze Region profitierte.

Der weitere Anstieg im Verkehr zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte zur Erweiterung des örtlichen Streckennetzes durch den Bau einer Umgehungsbahn südlich des Bahnhofgeländes, die am 1. Juli 1907 eröffnet wurde. Sie verband die bestehende Strecke Neu-Ulm – Kaufbeuren – Pfronten mit der Allgäubahn nach Immenstadt. Für die neue Linie musste eine weitere Brücke über die Iller errichtet werden. So entstand neben der bestehenden Holzkonstruktion eine Bogenbrücke aus Stampfbeton mit einer Länge von 155 Metern, einer lichten Weite des Hauptgewölbes von 64,5 Metern und einer Höhe von 33 Metern über der Iller. Die König-Ludwig-Brücke wurde durch zwei weitere Stampfbetonbrücken für den Schienenverkehr zum Kopfbahnhof ersetzt und von da an als Straßenbrücke genutzt. Beide Stampfbetonbrücken waren 1905 die Größten ihrer Bauart.

Die Umgehungsbahn diente zu Entlastung des Durchgangsverkehrs, der so nicht mehr den Kopfbahnhof zum aufwendigen Wenden anfahren musste. Auch für den Güterverkehr war dies eine große Erleichterung, denn an der Strecke wurde ein Rangierbahnhof errichtet, an dem bis zu 1200 Güterwagons pro Tag abgewickelt werden konnten. Mit der Verlagerung des Fernverkehrs auf die Linie Ulm – Augsburg verlor der Rangierbahnhof bis 1933 allerdings seine überregionale Bedeutung.

Der Platz wird knapp 

Auf Initiative von Bürgermeister Adolf Horchler von 1907 entstand unter seinem Nachfolger Dr. Otto Merkt im Osten Kemptens ein weiterer Bahnhof, der Anreiz zur Ansiedlung von Industrie bieten sollte, wofür reichsweit geworben wurde. Er wurde schließlich 1919 eröffnet. Zu den ersten Unternehmen, die sich hier niederließen gehörte eine Glockengießerei aus Apolda. Bis 1930 hatten sich zwölf Betriebe in Bahnhofsnähe angesiedelt. In den folgenden zwei Jahrzehnten nahm auch die Wohnungsbautätigkeit im Umfeld des Ostbahnhofs stark zu, in deren Folge die in unmittelbarer Nähe gelegene Römerstadt Cambodunum nahezu völlig überbaut wurde. Aus stadtplanerischer Sicht trägt deshalb dieser Stadtteil auch den Namen „Ostbahnhof“.

Die Spitze ist erreicht 

Ab 1912 fuhren nur noch einzelne, mit dem Winterfahrplan 1925/26 gar keine D-Züge mehr den Kemptener Kopfbahnhof an. Statt dessen wurde in Hegge eine Haltestelle installiert. Der Transfer zum Kopfbahnhof erfolgte über Pendelzüge und später durch Schienenbusse.

Schon vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges war der Höhepunkt in der Entwicklung des Bahnwesens erreicht. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg erwuchs der Bahn mit der Massenmobilisierung durch das Auto und die Verlagerung des Güterverkehrs auf Lkws große Konkurrenz. In den 1960er Jahren kamen täglich noch 10.000 Reisende am Kemptener Bahnhof an, davon waren knapp die Hälfte Durchreisende, 20 Prozent Umsteiger und der Rest entfiel auf den Ortsverkehr. In so genannten „Turnussonderzügen“ war Kempten weiterhin ein Knotenpunkt für die bahnreisenden Urlaubsgeäste. Wöchentlich kamen zwischen 5000 und 7000 Ferienreisenden über den Kemptener Bahnhof ins Allgäu.

Der zweite Bahnhof 

1961 ergab eine Wirtschaftlichkeitsanalyse, dass langfristig die hohen Kosten eines Bahnhofneubaus an anderer Stelle gegen eine reine Sanierung des Kopfbahnhofs deutliche Vorteile habe. Auch für die Infrastruktur erhoffte sich die Stadt deutliche Erleichterung und so begann 1965 der Bau des neuen Durchgangsbahnhofs an heutiger Stelle. Es konnten hierfür die bereits vorhandenen Gleise der Allgäubahn eingebunden werden. Der neue Bahnhof wurde am 28. September 1969 für den Personenverkehr in Betrieb genommen.

Der alte Bahnhofskomplex hatte ausgedient und wurde abgerissen; die Haltestelle in Hegge stillgelegt.

Platz für Neues 

Das riesige Gebiet des Bahnhofs und seiner Gleisanlagen bietet heute Platz für Wirtschaft, Kultur und Bildung. An der Stelle des Hauptgebäudes wurden 2003 das große Einkaufscenter „Forum Allgäu“ und die Veranstaltungshalle „bigBOX Allgäu“ gebaut. In südlicher Richtung entlang der Kotterner Straße schließen sich ein Komplex aus Berufsschulen, Fach- und Berufsoberschule sowie einer Wirtschaftsschule an. An die Geschichte dieses Geländes erinnert eine alte Treibachse an der Stelle der früheren Bahnhofsausfahrt.

Von Yvonne Hettich

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