Feinmechanik der Firma Ott aus Kempten

Vom Allgäu in die weite Welt

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Das Stammhaus von Albert Ott in der Beethovenstraße beherbergte in den 1960er Jahren den Betrieb II (Straßenseite) und im hinteren Teil den Betrieb III.

Kempten – Im 18. Jahrhundert war die Industriellen Revolution auf ihrem Höhenflug. Durch die positive wirtschaftliche Entwicklung motiviert, entschieden sich viele Tüftler für ihre Erfindungen und visionären Ideen ein eigenes Geschäft zu gründen. Zu ihnen gehörte auch der gebürtige Nesselwanger Albert Ott. Er gründete 1873 das „Mathematisch-Mechanische Institut A. Ott“ in der Jägerstraße.

Als drittes Kind von Sigmund und Anna Ott wuchs er in der elterlichen Landwirtschaft auf und trat nach Abschluss seiner Ausbildung an der Gewerbeschule in die Fußstapfen seines Vaters als Landwirt und Posthalter. Als dieser 1863 die Landwirtschaft in Nesselwang gegen das Gut Eggen eintauschte blieb Albert und begann nach reiflicher Überlegung eine Lehre zum Mechaniker bei seinem Onkel Clemens Riefler. Er erlernte die Herstellung und Wartung von Hausuhren, später auch astronomischer Uhren sowie Zirkeln, auch Reißzeugen genannt. Ihre Anwendung in der Landvermessung brachte Ott den Kontakt zur Forschung und dazu, dass er sich für die Geodäsie interessierte. Er studierte an der Polytechnischen Schule in München unter Prof. Carl Maximilian von Bauernfeind, mit dem ihn nach seinem Abschluss noch eine jahrelange enge Freundschaft verband.

Obwohl er große Freude und Erfolg an der Theorie hatte, war es ihm genauso wichtig das Gelernt auch in seinem Beruf als Feinmechaniker ein- und umzusetzen. Bei der Firma Ertel & Sohn in München arbeitete er eineinhalb Jahre lang und lernte dort viele hydrometrische Instrumente kennen; unter anderem den „Woltmanflügel“, mit welchem man die Wassermenge von fließendem Wasser messen konnte. Dieser hydrometrische Flügel legte später den Grundschein der Produktpalette seiner eigenen Firma. 1881 erwarb Ott das Patent für den Bau von elektrischen hydrometrischen Flügeln von Professor Andreas Harlacher aus der Schweiz. Für seine Weiterentwicklung zum Ott’schen Flügel bekam er auf der Messe in Braunschweig eine Auszeichnung.

Von Kempten in die weite Welt 

Albert Ott gründete 1873 sein eigenes Mathematisch-Mechanisches Institut in der Jägerstraße in Kempten. Im Mai kam es mit Krach an der Wiener Börse zum ersten Knick in der steigenden Erfolgskurve der Industriellen Revolution. Glücklicherweise waren die Auswirkungen in Deutschland und im Allgäu kaum spürbar. Ereignislos war es jedoch auch hier bei weitem nicht. Im Juni der Jahres erschütterte ein starkes Erdbeben Füssen und im Folgemonat wurde Immenstadt von einem schweren Hochwasser heimgesucht, bei dem über 100 Häuser zerstört, Bäume entwurzelt wurden und sieben Menschen den Tod fanden. Diese Naturereignisse lenkten, so die Festschrift zum 125jährigen Jubiläum des Unternehmens, den Fokus der Produktpalette weiter auf Instrumente der Geodäsie. Es entstanden neue Messgeräte und Ott begann mit der Sammlung hydrometrischer Daten, für die planmäßige Hochwasserverbauung, die ab 1887 unter staatliche Regie gestellt wurde. Aus wirtschaftlichen Gründen ergänzte Ott anfangs die Produktliste aus Pantographen, Planimetern und hydrometrischen Flügeln durch die Herstellung und Reparatur von Nähmaschinen.

Zwischen 1874 und 1880 firmierte das Unternehmen unter „Ott & Coradi“ als sein ehemaliger Wiener Arbeitskollege und späterer Schwager in den Betrieb einstieg. Das noch junge Unternehmen entwickelte sich gut, weil es auf wohlwollende Förderer, wie Otts früheren Lehrer Professor von Braunschweig, bauen konnte, der selbst neukonstruierte Instrumente in Auftrag gab und in Fach- und Lehrbüchern besprach. Die Qualitätssicherung wurde durch Tests an Hochschulen gewährleistet. Um das Unternehmen wirtschaftlich erfolgreicher zu machen, musste Ott seine Kontakte ins Ausland weiter ausbauen. Gute Gelegenheit bot die Weltausstellung in Melbourne 1880. Die enorme Mühe lohnte sich; die Teilnahme war ein voller Erfolg und erfüllte die Ziele sowohl durch den Gewinn einer Medaille für die Ott’schen Instrumente als auch in der Erweiterung der Kundenkontakte.

Die Geodäsie war ein wenig einträgliches Geschäftsfeld, so setzte Ott mehr auf die Hydrometrie. Er entwickelte die Messinstrumente durch die Einbindung automatisierter Aufzeichnungsverfahren weiter. Dieser selbstregistrierende Pegel wurde beispielsweise in den Schifffahrts- und Wasserwirtschaftsämtern eingesetzt. Die Qualität der Ott’schen Instrumente brachte dem Unternehmen zwar Anerkennung und Auszeichnungen, so gewannen Ott 1893 auf der Weltausstellung in Chicago die Goldmedaille, wirtschaftlich blieb die Firma jedoch hinter den Möglichkeiten durch den guten Leumund zurück.

Eine Ära geht zu Ende

Mitten in dieser Phase war die Nachricht vom Tod des Firmengründers 1895 ein großer Schock. Seine Frau Anna hatte es nicht leicht einen Nachfolger zu finden, denn das Unternehmen hing vor allem an der Persönlichkeit und besonderen Begabungen ihres Mannes und beide Söhne, Hermann und Ludwig, waren noch zu jung. Alberts jüngerer Bruder, Max Otto, hatte dagegen die richtigen Voraussetzungen; auch durch seine Ausbildung in der Firma des Bruders. Er verlies seine eigene feinmechanische Werkstatt in München und kam nach Kempten. Viel Zeit blieb ihm jedoch nicht die Fußstapfen seines Bruders auszufüllen, denn 1898 verstarb auch er mit nur 36 Jahren. Einen Nachfolger fand Anna Ott im ehemaligen Mitarbeiter Adolf Steis, der schon seit 1895 wieder in der Geschäftsleitung tätig war. Unter ihm entwickelte sich das Unternehmen positiv und mit der Investition seines eigenen Vermögens ermöglichte er auch finanziell anspruchsvollere Projekte, die auch wirtschaftlichen Erfolg brachten.

Am 1. April 1907 zog sich Anna Ott aus dem Familienunternehmen zurück und machte ihren beiden Söhnen Platz. Gemeinsam mit Adolf Steis teilten sie sich die Aufgaben gleichberechtigt. Hermann war praktisch veranlagt und übernahm daher die Produktionsleitung, Ludwig besaß mehr Forscher- drang und hatte Freude an der Theorie, sodass er die Entwicklungsabteilung und die wissenschaftliche und konstruktive Leitung im Unternehmen einnahm. Adolf Steis war die Vaterfigur sowohl als Mentor für die Ott-Söhne als auch für die Lehrlinge, was ihm den Spitznamen „Papa Steis“ einbrachte. Wie schon bei Albert Ott generieten seine guten Kontakte zur internationalen Wirtschaft und zu Forschungseinrichtungen, einen Großteil der Aufträge für die Firma. Fast auf allen Kontinenten waren Ott-Messgeräte im Einsatz.

Der Erste Weltkrieg brachte daher für das Unternehmen einschneidende Veränderungen. Die Produktion wurde mit der Herstellung von Munition und Höhenmessgeräten für die Rüstung zu 90 Prozent auf Kriegswirtschaft umgestellt. Noch lange nach dem Krieg mussten viele der internationalen Kontakte wieder mühsam reaktiviert werden. 1919 zog sich Adolf Steis aus dem aktiven Geschäft zurück. Mit 60 Jahren fühlte er sich der Anstrengung des Wiederaufbaus nicht mehr gewachsen. Damit war die Firma seit dem Tod Alberts an der Spitze wieder ein reiner Familienbetrieb. Als Vermächtnis wurde von Steis’ großzügigem Abschiedsgeschenk eine Pensionskasse nach dem Vorbild von Carl Zeiss gegründet.

Messen und Eichen im eigenen Kanal

Mit der politischen entstand Mitte der 1920er Jahre auch wirtschaftliche Stabilität. Bei der Firma Ott wurde nicht nur wieder aufgebaut, sondern auch investiert und erweitert. Ein wichtiges Projekt war der Bau eines eigenen Messkanals, in dem die hydrometrischen Flügel nun im eigenen Haus geeicht werden konnten. In privater Hand war dies in Deutschland einmalig.

Auch auf persönlichen Terrain setzten die Brüder auf die Erweiterung des Horizonts: Hermann Ott ging ab 1925 als Mitglied des Kemptener Stadtrates seinen politischen Ambitionen nach und Ludwig hatte bereits im Jahr zuvor seinen Doktortitel an der Technischen Hochschule in München erworben.

Der Aufwärtstrend hatte mit dem New Yorker Börsenkrach im Oktober 1929 ein jähes Ende. Noch bis 1931 konnte sich die Firma Ott dem negativ Trend entziehen. Doch dann traf auch die „Ottler“ die Entlassungswelle, die die feinmechanische Industrie im Allgäu bis 1932 zwei Drittel der Beschäftigten kostete. Von den 130 Mitarbeiter blieben bei Ott bis 1932 nur noch 21 Lehrlinge, deren Meister und ein Hausmeister beschäftigt.

Die Schwächen der Weimarer Republik im Umgang mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise bot radikalen Gruppen den Nährboden, so auch Adolf Hitler und der NSDAP. Schon nach der Machtergreifung standen die Zeichen auf Krieg. Deutlich wurde das, als die Aufträge aus dem Rüstungsbereich zunahmen. Auch für Ott bedeutete dies ein Auftragsanstieg. Bis Kriegsbeginn wurden noch 60 Prozent der Produktion exportiert, wobei große Kunden wie Russland, Frankreich und China aufgrund der politischen Lage ausfielen. Danach nahm die Produktion für die Rüstung stetig zu. Von 1938 bis 1944 stieg die Belegschaft von 100 auf 700 Mitarbeiter an. Für das Unternehmen Ott brachte der Krieg damit auch positive Veränderungen. Sigmund musste für das hohe Arbeitspensum Wege finden die Arbeitsabläufe zu verbessern und effektiver zu gestalten.

Nach Kriegsende standen die Werke nur wenige Wochen still und konnten danach ohne Treuhandverwaltung ihren Betrieb wieder ungehindert aufnehmen. Das erste Nachkriegsjahr 1946 war sowohl für die Firma als auch die Familie Ott von zwei Todesfällen überschattet. Zuerst starb Dr. Ludwig Ott am 16. März 1946 nach schwerer Krankheit und schon am 13. Oktober folgte ihm sein Sohn Sigmund. Er war in seiner Karriere seinem Vater und Großvater gefolgt, genoss die Ausbildung an mehreren Hochschulen und einigen Betrieben, unter anderem in Deutschland, Schweiz, Frankreich und England. 1942 war er als persönlich haftender Gesellschafter in die Firma „A. Ott“ eingestiegen. Zu seinen Leistungen gehörte der Ausbau des Werks. Er folgte in seinem Forscherdrang dem Vorbild seines Vaters. Mit dem Tod der beiden Tüftler lag die Innovationsabteilung brach und Hermann Ott musste den Betrieb alleine durch die Nachkriegszeit lenken.

Familienbetrieb war gestern

Die Lücke von Ludwig und Sigmund Ott schloss der Ingenieur A. Landauer, so dass schon ab 1946 wieder Neuentwicklungen auf den Markt gebracht werden konnten. Dazu gehörten Hochleistung-Präzisionsmaschinen für die Textilindustrie, ein Fahrzeitrechner Conzen-Ott für die westdeutsche Bundesbahn, der noch bis in die 1980er im Einsatz war, und eine grundlegende Modernisierung der Ott-Instrumente.

Ende 1958 verließ mit Hermann Ott der letzte leibliche Nachfahre des Firmengründers Albert Ott die Geschäftsleitung. Er übergab seinen Platz an seinen Schwager Hans Neubeck. Zu diesem Zeitpunkt war das Werk auf sechs Produktionsstätten angewachsen. In der Mozartstraße befand sich der Betreib I in dem die Verwaltung, Entwicklung und die hydrometrische Montage untergebracht waren. Im Stammhaus an der Beethovenstraße war die mathematische Montage und das Lager von Betrieb II. Im hintern Teil des Hauses beherbergte Betrieb III, die Galvanik, den Werkzeugbau und Mechanikersaal, die Schreinerei, die Lehrwerkstatt sowie den Versuchsraum für die Textilmaschinen. In einer Baracke am Haus befand sich das Roh- und Holzlager und der Materialzuschnitt von Betrieb IV. Als „Hühnerstall“ wurde der Betrieb V abschätzig bezeichnet. Vervollständigt wurde das Werk durch den Betrieb VI mit der Fertigung der Großteile für die Textilmaschinen, deren Montage und die Lackiererei gelegen an der Iller. Dieser Werksteil wurde nach der Einweihung des Erweiterungsbau in der Mozartstraße 1960 aufgegeben. Unter Neubeck wurde nicht nur der Erweiterungsbau umgesetzt, sondern auch der Ruf der Firma Ott weltweit gefestigt.

1964 traf die Familie erneut ein doppelter Schicksalsschlag, als am 19. Mai 1964 Hermann Ott und im September Hans Neubeck starben. Die wichtigsten Positionen der Produktionsleitung und Entwicklungsabteilung sowie die kaufmännische Leitung wurden nun Wilhem Vahs beziehungsweise Peter Reill übertragen. Erfindung in Nachbardisziplinen fanden oft Einfluss in der Weiterentwicklung vieler Ott’schen Geräte. Ganz wichtig war da beispielsweise der Siegeszug des Computers. Es wurden bei Ott selbst keine Rechner hergestellt, aber die bestehenden Produkte wurden um eine computerisierte Datenerfassung und Datenauswertung erweitert.

In den 1970er Jahren nahm der Konkurrenzdruck aus dem Ausland zu, vor allem Japan konnte mathematische Geräte weitaus günstiger produzieren. Zum 100-jährigen Betriebsjubiläum im Oktober 1973 zählte das Unternehmen genau 300 Mitarbeiter. Die Feier musste jedoch aufgrund schwerer wirtschaftlicher Zeiten durch die Ölkrise in einem bescheidenen Rahmen ausfallen. Im Oktober 1979 übernahm Helmut Heel das Unternehmen und änderte den Namen in Heel-Messtechnik, nachdem die beiden verbliebenen Familienmitglieder Margret Ott und ihr Sohn Peter ihre Geschäftsanteile an ihn verkauften. Damit war zum ersten Mal kein Familienmitglied mehr Teil der Geschäftsführung.

In den 1990er Jahren steckte die Maschinentechnik in einer Krise. Die Lösung suchte Heel in ihrer kompletten Verlegung nach Lengenwang in Österreich. Für Kempten halbierte sich die Belegschaft dadurch um die Hälfte auf ungefähr 160 Mitarbeiter. Der verbliebene Betriebsbereich der Messtechnik entwickelte sich hingegen positiv. Dieser Produktionsteil wurde im Januar 1993 von Heinrich Baur aufgekauft und er sicherte somit den Fortbestand des alten Kerngeschäfts der Firma Ott. In die Zeit der Übernahme durch Baur fiel auch die Entscheidung den Betrieb komplett in die 1991 frei gewordenen Räume der Denzler AG an der Iller nach Sankt Mang umzusiedeln.

Neben der Büroeinrichtung und der EDV-Anlage war die wichtigste Investition die Errichtung eines neun Messkanals. Auch die Erneuerung der Vertriebsstruktur mit Hilfe von eigenen Tochterfirmen in Afrika, Fernost und den USA war ein Betriebsziel von Heinrich Baur. Mit Niederlassungen von Nordamerika bis Japan und Malaysia hatte er ein weltweit agierendes Unternehmen unter dem Namen „Ott Hydromed“ geschaffen. 2002 wurde die Firma in den Konzern „Danaher Corporation“ eingegliedert. Der Betrieb in Kempten bewahrte jedoch seine Eigenständigkeit.

Von den alten Betriebsstätten der Firma „A. Ott“ in der Stadt sind die Gebäude in der Beethoven- und Mozartstraße noch erhalten; in der Jägerstraße jedoch mussten die alten Produktionsstätten modernen Wohnblocks weichen.

Yvonne Hettich

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