Teil 2: Die Zeit ab dem Dritten Reich bis heute

Kempten als Garnisonsstadt

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Prinz-Franz-Kaserne an der Rottachstraße.

Kempten – Im Dritten Reich begann mit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht am 16. März 1935 eine massive Aufrüstung, die zum Bau zweier neuer Kasernen in Kempten führte.

Der Bau der „Prinz-Franz-Kaserne“ erfolgte auf dem Areal der Orangerie, das die Stadt schon 1935 mit den dazugehörigen Grundstücken der Wehrmacht übereignete. Hier erbaute dann die Wehrmacht die Prinz-Franz Kaserne, deren Fertigstellung 1936 erfolgte. In die neue Kaserne rückte 1937 das neu aufgestellte I. Bataillon des Infanterie-Regiments 91 ein. Das I. Bataillon bestand aus einem Reiterzug, der 13. Minenwerfer-Kompanie und der 14. Panzerabwehr-Kompanie. Die Kasernenanlage mit ihrer zentralen Lage in der Innenstadt an der Rottachstraße umfasste ein 54.000 Quadratmeter großes Gelände. Die Orangerie nutzte die Wehrmacht für lange Zeit als Offizierskasino.

Im Jahre 1937 begann der Bau der Artilleriekaserne an der Kaufbeurer Straße. Mit dem Einsatz von 100 Zwangsarbeitern gelang es, diesen umfangreichen Kasernenkomplex in nur zehn Monaten zu errichteten. Die gesamte Anlage umfasste 18 Gebäude, vom Stabsgebäude bis zum Krankenrevier.

Sie erhielt den Namen Scharnhorst-Kaserne, hieß aber nach ihren ersten Benutzern meist einfach nur Artilleriekaserne. Schon 1937 konnte eine Abteilung des Artillerie-Regiments 27 die neue Kasernenanlage beziehen. Im Zuge der Aufrüstung kamen noch eine SS-Standarte, ein SS-Sturmbann sowie eine SS-Reiterstandarte hinzu.

Die Kemptener Truppen hatten in der Nähe der Kasernen geeignete Übungsplätze. Für ihr Schießtraining konnten die Soldaten den Schießplatz an der Riederau nutzen. Größere militärische Übungen führten die Einheiten auf dem Truppenübungsplatz am Bodelsberg durch.

Der 2. Weltkrieg begann am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen, das schon knapp sieben Wochen später am 6. Oktober 1939 kapitulierte. Ein gutes halbes Jahr später begann am Freitag, 10. Mai 1940, der Frankreichfeldzug, der am 25. Juni 1940 mit der Kapitulation Frankreichs endete. Am Morgen des 21. Juni 1941 erfuhren die Kemptener im Rundfunk und am 23. Juli 1941 vom „Allgäuer Tagblatt“ vom Angriff der Wehrmacht auf Russland. Bei dieser Nachricht stellten sich viele Kemptener die Frage: Wird das gutgehen?

Im Laufe des Krieges kamen die verschiedenen Kemptener Einheiten an allen Kriegsschauplätzen zum Einsatz. Die gesundheitliche Betreuung der Soldaten übernahm das Standortlazarett am Haubensteigweg im Haubenschloss. Während des Krieges nutzte die Wehrmacht auch Räume im Distriktsspital an der Memminger Straße als Reservelazarett.Für die Kemptener Garnison endete der Krieg am Freitag, 27 April 1945. Kurz vor Kriegsende marschierten alliierte Verbände von zwei Seiten gegen Kempten. Die Amerikaner kamen über die Kaufbeurer Straße, französische Truppen rückten von Westen über Buchenberg herkommend in Richtung Innenstadt. Während die Franzosen auf keinen Widerstand stießen, kam es bei beim Einmarsch der Amerikaner In der Nähe der noch notdürftig zur „Festung“ hergerichteten Artilleriekaserne zu einem sinnlosen Gefecht, bei dem es auf beiden Seiten Tote gab.

Die Kemptener Bundeswehrgarnison

Kurz nach der Gründung der Bundeswehr kamen Soldaten wieder nach Kempten und die Stadt wurde wieder Garnisonsstadt. Viele militärische Anlagen aus früheren Zeiten ließen sich dafür hervorragend nutzen. Die Bundeswehr übernahm am 1. August 1956 die Prinz-Franz-Kaserne. Dort begann die Aufstellung und Stationierung des Luftlande-Jägerbataillons 19 der Bundeswehr.

Am 3. Juni 1957 gegen 11 Uhr kam es zum Iller-Unglück bei Hirschdorf. Bei einer Überquerung der Iller kamen 15 Soldaten des vierten Zuges der 2. Kompanie ums Leben. Eine Gedenkstätte an der Illerbrücke bei Hirschdorf erinnert noch heute daran.

Nach einer Umgliederung zum Gebirgssanitätsregiment zog die Einheit in die freiwerdenden Gebäude der Artillerie Kaserne, die nach der Ausbesserung der Kriegsschäden von der Bundeswehr wieder benutzt werden konnte. Ab 1970 bis April 1993 war hier u. a. das Gebirgsartilleriebataillon 8 kaserniert und nach Abzug des Gebirgsartilleriebataillons 8 das Gebirgssanitätsregiment 42 „Allgäu“ der Bundeswehr stationiert, das um die 1.200 Personen sanitätsdienstlich betreute. Der Zusammenbruch des Ostblocks und des Warschauer Paktes führte zu einer Neuordnung der Bundeswehr und in den Jahren 1993 bis 1995 folgte die personelle Reduzierung der in Kempten stationierten Einheiten von ca. 3000 auf 1200 Soldaten. Diese Strukturveränderungen führten am 1. Juli 1993 zur Auflösung der Prinz-Franz-Kaserne.

Die Bundeswehr benötigte nicht nur Kasernen, sondern auch eine gut entwickelte militärische Infrastruktur, deren Betreuung von der 1956 eingerichteten Standortverwaltung übernommen wurde. Die Musterung der damals noch Wehrpflichtigen übernahm seit 1962 das Kreiswehrersatzamt am Berliner Platz. Das bestehende Bundeswehrdepot und ein Neubau für Materialwirtschaft der Bundeswehr, beide in der Nähe der Artillerie-Kaserne, sowie ein Beratungszentrum für Wehrpflichtige kamen 1988 dazu.

Das Verteidigungskreiskommando „612 Allgäu“ mit seinen Stabstellen, die sich an der Immenstädter Straße befanden, übernahm ab 1965 wichtige Aufgaben in der Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr. Im Jahre 1971 eröffnete die Bundeswehr an der heutigen Prälat-Götz-Straße ein Soldatenheim, das „Haus Hochland“ als Stätte der Begegnung zwischen Angehörigen der Bundeswehr und der Kemptener Bevölkerung. Heute hat das Gasthaus seine Funktion für die Bundeswehr verloren.

Die gesundheitliche Betreuung der Bundeswehrsoldaten aber auch für alliierte Soldaten, die im Allgäu ihre Übungen abhielten, übernahm das Lazarett, später Fachsanitätszentrum am Haubensteigweg.

Am Donnerstag, 10. Dezember 2015, hielt das Gebirgssanitätsregiment 42 „Allgäu“ auf dem Hildegardplatz seinen feierlichen Auflösungsappell ab. Dadurch kommt es im September des Jahres 2016 zur Schließung des Fachsanitätszentrums im Haubenschloss, zur Auflösung der Artilleriekaserne am Berliner-Platz und der sonstigen militärischen Einrichtungen in der Stadt. Der Schießplatz in der Riederau wird wahrscheinlich noch bis Mitte 2017 genutzt. Damit endet offiziell die Ära der Bundeswehr in Kempten und damit eine jahrhundertelange Garnisonstradition in der Stadt.

Verwendete Literatur u.a.: Vachenauer Wilhelm, „Kempten eine Zeitreise durch die Geschichte der Stadt.“,Kempten 2015.

Dr. Willi Vachenauer

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