Von den Anfängen im Jahr 1802 bis zu ihrer Rolle im 1. Weltkrieg

Kempten als Garnisonsstadt - Teil1

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Die Ari-Kaserne im Jahr 1937.

Kempten – Der Beginn der Kemptener Garnison ist mit dem Übergang des Stiftsgebietes und der Reichsstadt Kempten an das Kurfürstentum Bayern verbunden. Am 1. September 1802 besetzten bayerischen Truppen mit 14 Offizieren, elf Unteroffizieren und 595 Soldaten das Stiftsgebiet und schon am 2. September 1802 zogen kurbayerische Truppen in die Reichsstadt ein.

Durch diese Ereignisse verloren beide Gebietskörperschaften ihre Autonomie und wurden in das Bayerische Kurfürstentum (ab 1806 Bayerisches Königreich) eingegliedert. Kurze Zeit später begann der Aufbau einer ständigen Garnison in Kempten. Ab 1803 bezogen Soldaten einer „Eskadron Chevau(x)legers“ (leichte Kavallerie) im Marstall (heutiges Alpinmuseum) und das I. Bataillon des Kurbayrischen Feldjägerregiments im Nordflügel der Residenz (Schlosskaserne) ihr Quartier. Im Laufe der Zeit gab es verschiedene Umgruppierungen in der Garnison, die auf Tafeln am Marsstall und am Osteingang der Residenz niedergeschrieben sind.

Nach der Gründung eines Stadtwehrkorps kam es immer wieder zu Disziplinproblemen in den verschiedenen Einheiten. Diese führten 1851 schließlich zur Auflösung der Kemptener Garnison. Erst 1855 rückten mit dem 12. Bayerischen Infanterieregiment samt Stab wieder Soldaten in die Kemptener Kasernen ein.

Zur Zeit des „ersten Jägerbataillons“ ab 1866 waren die 500 bis 600 Soldaten im Nordflügel der Residenz, in der sogenannten Schlosskaserne, und im ehemals stiftischen Marstall (Reitstallkaserne) an der Memminger Straße einquartiert. Mit diesen Kasernen in der Mitte der Stadt lebten die Soldaten in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Bürgern. Deshalb entwickelte sich zur Truppe, in der ja auch Allgäuer und Kemptener ihren Dienst leisteten, ein gutes, ja inniges Verhältnis zwischen Bürgerschaft und Soldaten. Noch heute erinnert die Kemptener Jägerstraße an diese beliebte Einheit. Ihre Übungsplätze hatten die Truppen im Hofgarten und bis 1874 an der nur 15 Tagwerk großen Schwaigwiese.

Da die Schwaigwiese in unmittelbarer Nachbarschaft zur königlichen Realschule lag, kollidierte der militärische Exerzierdienst des Öfteren mit dem Schulbetrieb. Der Kommandant beschwerte sich beim Bürgermeister, dass die Schüler mit ihrem Spiel- und Nachahmungstrieb die Soldaten so bedrängten, dass sie manchmal ihre Übungen einstellen mussten. Die Schulleitung dagegen bemängelte den lauten Drillbetrieb, zum Teil mit Marschmusik untermalt, der den Unterricht doch erheblich störte. Es kam zu einem Kompromiss, in dem sich das Militär verpflichtete, den Übungsbetrieb nach Schulschluss einzustellen, um von den Schülern Ruhe zu haben, während sich die Schulleitung verpflichtete, mäßigend auf die Schüler einzuwirken. Um diese Probleme aus der Welt zu schaffen und die Garnison in der Stadt zu halten, tauschte die Stadt 1880 das bisherige Übungsgelände gegen einen „Schiessplatz“ mit 91 Tagwerk in der Riederau.

Die gesundheitliche Betreuung der in Kempten stationierten Soldaten fiel in den Zuständigkeitsbereich der Militärverwaltung. Für diese Zwecke übernahm sie in der „Hohen Gasse“ ein Gebäude, das als Sitz der stiftkemptischen Landstände im späten 17. Jahrhundert erbaut wurde. Dieses dreigeschossige Haus, das heute noch steht, diente bis 1898 als Lazarett. Da es den gestiegenen Anforderungen nicht mehr entsprach, kam es später im Haubensteigweg zum Bau eines neuen Militärspitals. Dieses „Königliche Garnisonslazarett“ bildete die Basis für die Militärlazarette der Wehrmacht und später der Bundeswehr.

Die Truppe hatte in Kempten ein weiteres Reservelazarett, das in zwei verschiedenen Gebäuden untergebracht war und der Sanitätsabteilung Augsburg unterstand. Das Hauptlazarett befand sich im Institut der „Englischen Fräulein“ in der Fürstenstraße 33, das Teillazarett im Distriktspital in der Memminger Straße. Im Oktober 1900 hatte das Hauptlazarett eine Kapazität von 85 Betten und das Teillazarett verfügte über 60 Betten.

Als die Militärverwaltung 1897 beschloss, das 1. Jägerbataillon nach Straubing zu verlegen, wurde diese Entscheidung von den Kemptenern sehr bedauert.

Am 1. April 1897 nahmen viele Stadtbürger wehmütig Abschied von ihren Jägern, begrüßten aber gleichzeitig die einmarschierenden Einheiten des „Zweiten Bataillons“ des 20. Infanterieregiments, das an ihre Stelle nach Kempten kam. Auch zu dieser Einheit bauten Bürger ein gutes Verhältnis auf. Nicht umsonst sprachen die Kemptener dann sogar von ihren „Zwanzigern“. An dieses Regiment erinnert die heutige „Zwanzigerstraße“ im Kemptener Haubenschloss.

Im Krieg zwischen Preußen und Österreich rückten Kemptener Truppen am 19. Juli 1866 nach Forchheim ab. Schon fünf Tage später wurden sie bei Roßbrunn in Unterfranken in ein Gefecht verwickelt und hatten dabei zehn Tote zu beklagen. Kemptener Bürger sammelten für die Soldaten Zigaretten und Lebensmittel, die ein Landgerichtsassessor ins Truppenlager brachte.

Am 29. Juli 1870 zog die Kemptener Truppe mit 24 Offizieren und 850 Soldaten in den Deutsch-Französischen Krieg. Bei Beaumont hatten sie ihre Feuertaufe. Bei den Gefechten um Sedan am 1. September 1870 musste die Einheit Verluste von über 90 Mann an Verwundeten oder Gefallenen hinnehmen. Ein knappes Jahr später kehrten die Soldaten des Bataillons am 23. Juli 1871 wieder in ihre Kasernen zurück. Die Gesamtverluste der Kemptener Garnison betrugen in diesem Krieg 52 Tote, zwölf Mann galten als vermisst und 269 Soldaten erlitten Verwundungen.

Das Militär übernahm auch im Zivilleben wichtige Aufgaben, so z.B. bei der Hochwasserhilfe im Jahr 1910 als die Iller über die Ufer trat.

Im Jahre 1912 erhielt die Garnison eine deutliche Verstärkung durch eine neue Waffengattung in Form einer Maschinengewehrkompanie, deren Kaserne am östlichen Ende der Residenz lag (früheres Gesundheitsamt, heute Polizeiverwaltung).

Die Garnison im ersten Weltkrieg

Mit dem Eintritt in den ersten Weltkrieg, der am 1. August 1914 um 19 Uhr begann, erfuhren die Kemptener Bürger schon am Freitag, 31. Juli 1914, um 19.30 Uhr durch ein „Extra Blatt der Allgäuer Zeitung“ (mit falscher Monatsangabe) und Plakatanschlägen.

Ab diesem Zeitpunkt gab es in der Stadt eine Welle der Begeisterung und viele Familien waren stolz, wenn möglichst viele ihrer Söhne den Dienst in den Streitkräften antraten. Welche Form dies annehmen konnte, zeigt das Beispiel eines Familienvaters aus dem Oberallgäu. Er brachte mit seinem Pferdewagen seine neun Söhne zum Waffendienst nach Kempten und gab als Zugabe sogar zwei seiner Pferde für den Kriegsdienst hin.

Am Abend des 2. August 1914 zogen Soldaten der Kemptener Garnison in den Krieg. Untermalt von Marschmusik folgten viele Kemptener mit großer Begeisterung und Siegeszuversicht den abrückenden Soldaten vom Residenzplatz zum Hauptbahnhof.

Damit der Transport der Truppen an die Front reibungslos verlaufen konnte, hatte die Bahnverwaltung der Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen (die Deutsche Reichsbahn gab es erst seit April 1920) extra Kriegsfahrpläne ausgearbeitet. Dabei hatten die Militärtransporte absoluten Vorrang vor den Friedensfahrplänen des Ziviltransports.

Die Anfangserfolge der deutschen Streitkräfte wichen bald einem gnadenlosen Stellungskrieg, der unzählige Opfer forderte. Schon am 25. August gab es die ersten gefallenen Soldaten aus Kempten und Kottern. Als am 26. August der erste Zug mit 365 deutschen Verwundeten ankam, erhielt die Begeisterung in der Bevölkerung einen deutlichen Dämpfer. Eine feindselige Stimmung schlug den einhundert verwundeten Franzosen entgegen, die per Bahn nur wenige Tage später in der Stadt eintrafen. Sie wurden auf dem Weg ins Lazarett mit Steinen beworfen und bespuckt. Daraufhin rief Kaplan Aubele in seiner Predigt am Grab der ersten französischen Verstorbenen die Bevölkerung zur Barmherzigkeit auf.

Die verschlechterte Stimmungslage kann man am Gesicht des noch recht jungen Kemptener Soldaten ablesen, der im Jahr 1916 sein Erinnerungsfoto machen ließ.

Die medizinische Versorgung von verwundeten Soldaten erfolgte zunächst im Standortlazarett am heutigen Haubensteigweg. Als die Zahl der Verwundeten stieg, musste Heeresverwaltung schon ab dem 11. September 1914 Reservelazarette zunächst im Distriktsspital in der Memminger Straße und später in anderen dafür geeigneten Gebäuden, wie im Institut der Englischen Fräulein in der Fürstenstraße und in der Kemptener Illerschule und der Schwaigwiesschule einrichten.

Bedeutende Rolle von Frauenverbänden

Bei der Pflege der verwundeten Soldaten spielten Kemptener Frauenverbände eine bedeutende Rolle. Sie übernahmen auch andere Versorgungsaufgaben für die Truppe. So stellten sie zum Beispiel in Kemptener Nähstuben im Jahr 1916 wegen der herrschenden Materialknappheit – auch bedingt durch die englische Seeblockade – sogar aus Zeitungspapier Decken für die Soldaten an der Front her.

Die Bilanz am Ende des Krieges stellte sich für die Kemptener Garnison dramatisch dar. Neben vielen Verwundeten hatte sie insgesamt 1127 gefallene Soldaten zu beklagen, davon kamen 530 aus der evangelischen und drei aus der jüdischen Gemeinde.

Nach dem Waffenstillstand am 11. November 1918 kamen die Reste des Kemptener Garnison in Kempten an, wo sie ab dem 16. Dezember demobilisiert und aufgelöst wurde.

Zwischen Weimarer Republik und dem dritten Reich war von 1921 bis 1934 das III. Gebirgsjäger-Bataillon des 19. Bayerischen Infanterie-Regiments in Kempten stationiert. Dieses Gebirgsjägerbataillon gilt als Vorläufer der späteren Gebirgstruppen der Wehrmacht und der späteren Bundeswehr.

In unserer Ausgabe am 10. August lesen Sie in Teil II über die Garnison im Dritten Reich bis zur Auflösung.

Dr. Willi Vachenauer

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