Stadtgeschichte: Von den Anfängen und Ausbaustufen des einstigen verzweigten Kanalnetzes der Stadt Kempten

Der Schlangenbach in Kempten Teil 1

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Verlauf des Baches um 1200.

Kempten – Mit dem Schlangenbach, in den Quellen auch als Mühlbach oder Stadtbach bezeichnet, existierte in Kempten ein verzweigtes Kanalnetz, das bis in die 1960er Jahre die Stadt durchzog. Es versorgte sowohl die Reichsstadt als auch das Stift mit Brauchwasser für alle ­Zwecke. Der Name Schlangenbach kam daher, weil er in einem schlangenartigen Verlauf zwischen der heutigen Rottachstraße/Weidacher Weg und der Nordbrücke in die Iller floss.

Seit dem Spätmittelalter wurde das Kanalsystem immer weiter ausgebaut und mit neuen Zuflüssen verbunden. Stift und Reichsstadt benötigten das Wasser für verschiedene Zwecke, wie zum Beispiel zur Entsorgung der Abwässer und als Energiequelle, zum Antrieb für verschiedene Mühlen, Sägen und Stampfen. Daher kommt der Name Mühlbach. Letztendlich begann dieses Fernwasserversorgungssystem am Eschacher Weiher und führte nach einer Laufstrecke von 14,5 Kilometern bis hinein in die Reichsstadt Kempten, deshalb der Name Stadtbach. Dabei wurden natürliche Wasserläufe mit künstlich angelegten Kanälen verbunden. Die künstlichen Kanäle umfassten rund ein Drittel der gesamten Kanallänge. Drei große aufgestaute Weiher, der Stadtweiher, der Herrenwieser Weiher und der Eschacher Weiher, sowie kleinere Stauweiher, der kleine Feilbergweiher und der Schlei(y)enweiher, dienten als Wasserreservoir für das Stift und die Reichsstadt.

Dieser Beitrag in zwei Teilen bezieht sich im Wesentlichen auf den Vortrag von Bürgermeister Adolf Horchler, den Artikel von Bruno Steinmetz und die Arbeit von Bischofberger. Der erste Teil beschreibt die Anfänge und die Ausbaustufen des Kanalsystems. Der zweite Teil zeigt dann Ende November den Gesamtverlauf des Fernwassersystems vom Eschacher Weiher bis in die Stadt.

Die Anfänge

Die Anfänge des Schlangenbaches dürften im sogenannten Wiesenbach gelegen haben, der aus dem Gebiet des Haubenschlosses kam. Weitere Zuflüsse aus dem Bereich Feilberg, Reichelsberg haben diesen Bach gespeist. Dieser Wiesbach floss dann über den Feilberg und den Reichelsberg weiter, wo es im 12. Jahrhundert zur Ableitung in die werdende Stadt Kempten (Stadtrecht ab 1289) kam und gelangte schließlich in der Nähe der Rottachmündung zur Iller. Wahrscheinlich kam es schon im 12. Jahrhundert zum Bau eines Stollens durch den Hügel von Eggen, der teilweise den selben Verlauf nahm, wie der spätere Kanal des Schlangenbaches. Wer diesen damaligen Stollen durch den Moränenhügel getrieben hat, lässt sich heute nicht mehr sagen.

Da im Laufe der Zeit sowohl die Ansprüche der Reichsstadt als auch die der Stiftssiedlung wuchsen, brachte dies einen erhöhten Wasserbedarf mit sich. Die Wassermenge, die der ursprüngliche Stadtbach mit sich führte, reichte für die gestiegenen Bedürfnisse nicht aus. Daher gab es schon im Jahre 1456 Überlegungen, den von Wirlings und Albris herkommenden Wildmoosbach und den von Bucharts und Steufzgen fließenden Weiherbach, die zusammen den Göhlenbach bildeten (früher Geyrenbach), aufzufangen, um ihn durch einen unterirdischen Kanal durch den Hügel von Eggen zum Feilberg in die Stadt zu leiten. Die dazu nötigen Bauarbeiten zur Untertunnelung des Hügels, die im Jahre 1493 abgeschlossen waren, gelang nur mit Hilfe von ausländischen, angeblich italienischen Fachleuten. Nach Abschluss der Tunnelarbeiten konnte das Wasser durch einen 300 Meter langen Stollen und einen davor gebauten 250 Meter langen künstlichen Kanal in die Reichsstadt gelangen. Dabei entstand wahrscheinlich schon um 1485 mit Zustimmung der Stadt ein kleiner Stauweiher auf dem Feilberg, der damals noch „Weiher bei der Schaumühle“ hieß.

Um auch in Trockenperioden die städtische Wasserversorgung zu sichern, kam es wohl um 1442 zur Aufstauung des Wildmoosbaches zu einem kleinen Weiher, der dann um 1494 zum Stadtweiher im Bereich Steufzgens vergrößert wurde. Die Erlaubnis zur Anlage des künstlichen geschaffenen Stadtweihers erhielt die Reichsstadt wahrscheinlich schon im Jahre 1484 durch ein Privileg von Kaiser Friedrich III, nach anderen Angaben im Jahre 1494 durch König Maximilian. Für den Unterhalt des Stadtweihers musste nach einem Vertrag des Jahres 1567 die Stadt das Bauholz liefern, das Stift, der Schaumüller und der Kotzenmüller (er stellte Deckenstoff aus gröberen und langen Wollfasern her, die gewalkt, d.h. durch Stampfen verdichtet wurden) die restlichen Kosten übernehmen.

Auch der ausgebaute Stadtbach führte keine allzu große Wassermenge. Sie weckte aber schon bald die Begehrlichkeiten der Fürstäbte, denn sie erkannten die Bedeutung fließenden Wassers für die weitere Entwicklung ihrer Stiftsiedlung. Deswegen kam es um die Nutzungsrechte des Stadtbaches in den folgenden Jahrhunderten ständig zu Auseinandersetzungen zwischen der Reichsstadt und dem Kloster. Sie verliefen oft zum Nachteil der Reichsstadt, die wie eine Insel im stiftischen Gebiet lag. Daher verlief die Kanalanlage bis zum Eintritt in die Stadt beim Klostertor durch das Territorium des Stifts. Auch wenn die vom Stadtbach durchflossenen Grundstücke zum Teil der Stadt oder zumindest städtischen Bürgern gehörten, saß das Stift am längeren Hebel. 1566 und 1571 versuchte der Fürstabt vergeblich von der Stadt die Zustimmung zu erhalten, die Rottach durch das Allmay – den städtischen Gemeinbesitz – umzuleiten, um die Durchflussmenge des Baches zu erhöhen. Ebenso lehnte der Rat im Jahre 1626 den Antrag des Stifts ab, den „Feilberg“ Stauweiher zu vergrößern. Es kam auch zur Anlage des

Schlei(y)enweihers, der auch als Wasserreservoir gedient haben dürfte. Wann genau dieser Weiher angelegt wurde, ist nicht mehr festzustellen.

Ausbaustufen

Nach der völligen Zerstörung des Klosters durch den 30-jährigen Krieg gingen ab 1652 die Fürstäbte daran, die Lorenzkirche mit Residenz zu erbauen und den Ausbau der Stiftsiedlung voranzutreiben. Im Zuge dieser Maßnahmen kam es auch zur Ansiedlung verschiedener Betriebe im Stiftsgebiet. Da sie auf Wasserkraft angewiesen waren, bedeutete dies einen größeren Wasserverbrauch. So entstand auf stiftischer Seite der Wunsch, den Stadtweiher ganz zu erwerben sowie auf der Allmay (der städtischen Weide) einen neuen Weiher anzulegen. Da die Stadt Nachteile für ihre Wasserversorgung befürchtete, lehnt der Rat diese Ansinnen ab. Damit das Stift an mehr Wasser kam, ließ es um das Jahr 1657 eigenmächtig den neustädtischen Bacharm ausbauen, der aus dem Stadtbach Wasser zu Lasten der Reichsstadt abführte. Zu verschiedenen Zeiten, so 1601, 1652 und 1675 sperrte das Stift den Stadtbach ganz und entzog so der Bürgerschaft zeitweise dessen Wasser. Der massivste Eingriff in die städtische Wasserversorgung erfolgte beim Bau der fürstäbtlichen Residenz. Dabei wurden die Kanalwände des Stadtbaches zerstört und das ganze Wasser abgeleitet oder es floss auf Wiesen, die sich in der Umgebung befanden. Beschwerden der Stadt über diesen misslichen Zustand, die sich über fünf Jahre hinzogen, blieben aber vergeblich. Denn der Abt vertrat die Meinung, dass er das Wasser des Stadtbaches erst nach Fertigstellung des Baues wieder in die Stadt leiten könne, da er es für den Bau der neuen Gärten und die Spülung der Aborte dringend benötige. Der Abt beanspruchte sogar das Alleineigentum am Stadtbach, weil sich die Zuläufe des Baches auf stiftischem Grund befinden. Er interpretierte die Sachlage auch so, als sei die Durchquerung des „Eggener“ Hügels durch Abt Eucharius von Wolfurt (1616 – 1631) erfolgt, der so für mehr Wasser gesorgt habe, als der Stadtbach jemals führte.

Der vom Stift des Öfteren geäußerte Wunsch, den Stadtweiher zu erwerben, lehnte der Rat immer wieder ab. Unter Fürstabt Eucharius von Wolfurt kam es auf Kosten des Stadtbachs zum Bau eines Seitenkanals an der Nordseite der Residenz, der zur Iller führte. Der hohe Wasserbedarf des Stiftes führte zu Überlegungen, die Durchflussmenge des Baches durch Zuleitung von Wasser aus der Rottach zu erhöhen. Die Stadt stimmte diesem Plan zu, denn die so vergrößerte Wassermenge sollte zur Hälfte der Stadt zustehen. 1677 kam es unter Fürstabt Bernhard Gustav von Baden-Durlach an der Rottach zwischen der „Brugge“ und des „Georg Helen Gut“ zum Bau des sog. Helenwehrs, später „Hehlenwehr“. Hier wurde ein Großteil des Rottachwassers abgezweigt und dann durch die Kemptener Viehweide, die städtische „Allmey“ durch den Hügel von Eggen in den nunmehr leicht begradigten Greyenbach (Göhlenbach) geleitet, von wo es dann weiter in die Stadt floss.

Um den steigenden Wasserbedarf zu decken, ließ Fürstabt Rupert von Bodman im Jahre 1693 eine bedeutsame Erweiterung des Kanalsystems vornehmen. Durch den Bau einer kleinen Staumauer kam es bei Eschach zur Aufstauung des dortigen Baches und es entstand der Eschacher Weiher. Durch mehrere angelegte Kanäle wurden natürliche Wasserscheiden umgangen und das Wasser floss nunmehr in Richtung Stift und Stadt. Beim Bau dieser Wasserstrecke ging das Stift recht rücksichtslos gegen seine Untertanen vor. Denn es enteignete die Bauern, ohne ihnen einen entsprechenden Ausgleich zu gewähren. Als sich die Eschacher dagegen wehrten, wurden sie mit folgenden Worten zur Räson gebracht: „Man könne mit den leibeigenen Leuten nach Belieben umgehen und ihnen die Kutteln aus dem Leibe heraushaspeln“ oder ihnen gar die „Fußsohlen vom Fuß schneiden“.

Am fertiggestellten „Fernwassersystem“ siedelten sich im Laufe der Zeit im Stiftsgebiet über 33 verschiedene Mühlen, Stampfen, Sägewerke und andere Betriebe an: Kornmühlen mahlten Getreide zu Mehl, Bohrmühlen bohrten Holzrohre, Ölmühlen pressten Lein, Raps und Mohn zu Öl, Lohmühlen zerkleinerten Baumrinden zum Gerben von Häuten, Sägewerken sägten aus Holzstämmen Bauholz, Pulvermühlen stellten Schwarzpulver her, Walkmühlen stampften Gewebe, um es zu verdichten und zu verfilzen, Knochenstampfen zerstampften Knochen zu Dünger, Schmiedehämmern schmiedeten verschiedene Eisenprodukte und in Schleifmühlen wurden Schneidewerkzeuge scharf geschliffen. Das Bachwasser diente aber auch der Fischzucht, der Löschwasserversorgung, der Wiesenbewässerung, der Abwasserbeseitigung (z.B. im Bereich der Residenz der Spülung der Aborte). In der Reichsstadt versorgte es auch Färbereien und die Gerber nutzten einen Seitenbach, den sog. Gerberbach, (er führte durch die heutige Gerberstraße), für die Spülung der Häute und des Leders und er entsorgte den Abfall der dort ansässigen Mälzereien.

Die gelegentlich vertretene Meinung, dass der Schlangenbach auch die Trinkwasserversorgung verbessert haben soll, dürfte dagegen eher unwahrscheinlich gewesen sein. Denn die Reichsstädter konnten ihren Bedarf an Trinkwasser aus ungefähr 33 öffentlichen und etlichen privaten Brunnen schöpfen. Besonders die untere Stadt hatte, wie Karrer schreibt, ein „sehr gesundes Quellwasser“, während die Wasserqualität der oberen Stadt nicht immer den Ansprüchen entsprach.

Am 19. April 1728 erhielt die Stiftssiedlung von Kaiser Karl VI. das Stadtrecht verliehen. Die neue Stiftsstadt hatte in dieser Zeit circa 330 Gebäude und 2900 Einwohner, die Reichsstadt ungefähr 3000 Einwohner, die alle einen großen Bedarf an Brauchwasser hatten. Kein Wunder also, dass trotz Ausbaus des Kanalsystems das Wasser kaum für die gewachsenen Bedürfnisse von Reichsstadt und Stift ausreichte. Daher kam es zu erneuten Streitereien wegen der Wasseraufteilung. 1701 beanspruchte das Stift mehr Wasser als die Stadt mit der Begründung, dass ja durch die Umleitung des Eschacher Weihers mehr Wasser zugeführt wurde als zuvor. Um 1735 kam ein Vergleich zustande, nach dem die Stadt 4/9 und das Stift 5/9 des Wassers erhalten sollte. Seit 1769 ist auch der Herrenwieser Weiher als dritte künstlich angelegte Staustufe erwähnt, der die Wasserversorgung vor allem in Trockenzeiten verbessern sollte. Zu dieser Zeit kam es zur Errichtung der sog. „Wiedervergeltungsdohle“. Damit sollte aus dem neustädtischen Bacharm so viel Wasser in den altstädtischen Bach zurückfließen, als aus dem altstädtischen Bach vom Residenzplatz weg in Richtung der Residenz floss.

Von Dr. Wilhelm Vachenauer

Der zweite Teil zur Historie des Schlangenbachs erscheint in unserer Ausgabe vom 30. November.

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