Gesamtverlauf des neuen Kanalsystems vom Eschacher Weiher bis zum Eggener Berg und in die Stadt

Stadtgeschichte: Der Schlangenbach in Kempten Teil 2

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Bei den Umbaumaßnahmen am Hildegardplatz wurden noch Teile des dortigen Kanalsystems freigelegt und dann überbaut.

Kempten – Es ist ein Versuch, dieses komplexe Kanalsystem möglichst detailliert darzustellen. Da es aber seit dem Beginn des Schlangenbachs, seiner weiteren Ausbaustufen und dem heutigen Kempten viele bauliche Veränderungen gab, lässt sich eine exakte Lokalisierung der einzelnen Wasserläufe nicht mehr in allen Einzelheiten bestimmen.

Vom aufgestauten Eschacher Weiher floss das Wasser in einem angelegten Kanal durch den Steckenrieder Tobel. Vor dem Bau dieser künstlich angelegten Wasserscheide nahm das Wasser seinen Weg zur Argen. Es floss dann unter dem Hahnenmoos in einer zunächst 775 Meter langen unterirdischen Rohrstrecke und dann auf einer Länge von 125 Meter in einem überirdisch angelegten Kanal. Von da ab mündete das Wasser in einen kleinen Bach, der sich aus den „Brutscherischen Quellen“ speiste. Der Bach ging ca. 1,8 Kilometer weiter bis zur Pflaumenmühle (Pflumermühle). Von da gelangte das Wasser in einem ca. 975 Meter langen künstlichen Wasserlauf bis nach Wegscheidel. Ohne diesen Kanal hätte das Wasser seinen Weg ins Kürnachtal genommen. Danach ging das Wasser in einem angelegten Kanalbett mit 1175 Metern Länge am Fuße des Blenders bis zur Masersmühle, die um 1730 entstanden sein dürfte. An der Ostseite der Masersmühle mündete es in den Kollerbach, nahe der Straße Ermengerst-Wiggensbach. Nach 900 Metern gelangte der Kollerbach in ein 400 Meter langes künstliches Bett mit einer Wehranlage und ging in den Ermengersterbach, der auf einer Länge von 1250 Metern durch Ermengerst bis zur Ermengerstermühle (um 1730 entstanden) lief. Von da aus nahm der Bach seinen Weg in den Herrenwieser Weiher. Dessen Wasser mündete zunächst in die kleine Rottach, dann bei Ahegg in die große Rottach, die dann bei der ehemaligen Ziegelei „Johannisried“ (spätere Käserei Grünland, ­Rothkreuz) aus dem Gemeindebezirk Buchenberg in den Bezirk St. Lorenz eintrat.

Die Rottach floss bis unterhalb der ehemaligen Pulverfabrik auf einer Strecke von ca. 3,5 Kilometern in ihrem Bachbett, wo sie dann auf das He(h)lenwehr traf. Hier wurde ein Großteil des Wassers abgeleitet und über einem 750 Meter langen angelegten Kanal, davon 450 Meter unterirdisch, durch einen bis zu 12 Meter tiefliegenden Stollen unter dem Höhenzug im Gebiet der heutigen Leutkricher Straße geführt. Über die städtische Allmay floss es in den nunmehr leicht begradigten Greyenbach (Göhlenbach), der aus dem Stadtweiher kommt. Sein Wasser ging dann durch den Hügel von Eggen durch einen angelegten 550 Meter langen Kanal, davon verliefen 300 Meter unterirdisch weiter. Nach Plänen des Wasserwirtschaftsamtes Kempten teilte er sich dann auf in einen – wie es Horchler nennt – „neustädtischen“ Bach, der 5/9 des Wassers führte und in einen „altstädtischen“ Bach der die restlichen 4/9 aufnahm.

Der neustädtische Bach, der durch den Eggener Berg in die heutige Stadt führte, hatte mehrere Abzweigungen. Sie alle stellten aber keine natürlichen Wasserläufe, sondern künstlich Kanäle dar. In den Skizzen sind diese mit Frabe blaurot und der Eggener Tunnel mir roter Farbe dargestellt.

Der „Südkanal“ kam von der Calgeeranlage und lief in die Gegend des heutigen Adenauerrings zur Poststraße in Richtung Altstadt.

Der zweite Bacharm (blaurot eingezeichnet), der mehrere Mühlen antrieb, bog nach der Calgeeranlage, noch vor dem Feilbergweiher, ab und ging in einem weitgehend unterirdischen Kanal weiter in die Rottach. Kurz nach dessen Abzweigung ging ein Bacharm über den Feilbergweiher in Richtung Schleienweiher bis zur damaligen Brachsäge. Dabei floss er teilweise durch die „Obere Hofmühle“ und trieb wie in der „Unteren Hofmühle“ ein Mühlrad und ein anschließendes Sägewerk an. Vor und zwischen den beiden Mühlen, trat er offen zutage.

Nach dem Schleienweiher lief er dann ab Adenauerring/­Stiftskellerweg in östlicher Richtung und von da ab floss der Bach in einem schlangenartigen Verlauf (Schlangenbach) in der Gegend des neuen Friedhofs und der Nordbrücke in die Iller. Ob er ab dem Stiftskellerweg über eine direkte zusätzliche Verbindung zur Rottach verfügte (blaurot gestrichelt), bleibt ungewiss.

Vor dem Schleienweiher zweigten die zwei nördlicher gelegenen Seitenkanäle in Richtung Osten zur Iller ab. Der südlichere von beiden führte in unter der Salzstraße an der Südseite der Lorenzkirche und am Hildegardplatz vorbei, dessen ehemaliger Bacharm bei den Umbauarbeiten freigelegt wurde. In der Höhe des ehemaligen Klostertores zweigte er in die Altstadt ab. Hier vereinigte er sich mit dem Bacharm, der von der Calgeeranlage herkam.

Auf einem Plan des Wasserwirtschaftsamtes Kempten ist zwischen den beiden noch ein weiterer Kanal eingezeichnet, der bis kurz vor die Lorenzkirche ging. Es könnte sich dabei um den Bräuhauskanal gehandelt haben, der damals noch nicht das Stiftbräuhaus, sondern die fürstäbtlichen Ökonomiegebäude und die Stallungen im heutigen Entenmoos versorgte. Ob, er weiterging oder dort endete, ist nicht bekannt. Später wurde die Bräuhausleitung und der Hofgartenkanal zusammengelegt.

Der nördlichere dieser Kanalärme – die dann so genannte Hofgartenleitung – bog vor dem Schleienweiher in Richtung Hofgarten auf der Nordseite der Residenz ab. Er diente zur Bewässerung der Gärten und zur Füllung der fünf runden Wasserbecken. Von da ab ging er mit verminderter Wassermenge gegenüber dem Illerstadion weiter in die Iller. In der Höhe der heutigen Stadtbibliothek führte ein in Richtung Norden gehender Seitenarm dieses Baches Wasser dem neustädtischen Bach zu. Auf seinem Wege kam er am späteren Distriktsspital (ehemaliges Krankenhaus an der Memminger Straße) und am ehemaligen Eislaufplatz vorbei. Das Spital nutzte den Kanal um die Waschräder anzutreiben, das schmutzige Waschwasser einzuleiten und die Spitalaborte auszuspülen! Erst mit dem Bau einer Kläranlage im Jahre 1907 änderte sich diese Situation. Nördlich des Distriktkrankenhauses erreichte er den Seitenarm des vom Schleienweiher herkommenden Baches, um dann in seiner geschlängelten Form der Iller zuzufließen.

Mit Eintritt in die „ehemalige Reichsstadt“ in Höhe des Klostertores, teilte sich das Bachsystem weiter auf. Der nördliche Seitenbach ging unter dem ehemaligen Schlachthaus durch (heute Kaufhof Galeria), wo die Metzger ihre Schlachtabfälle entsorgten. Von da ab nahm er seinen Weg über den ehemaligen Stadtgraben vorbei – an der dort stehenden Zündholzfabrik (Gegend um das heutige AÜW) – in die Iller. An der Einmündung in die Iller standen noch in den 1950er Jahren große Fische, die sich von den Schlachtabfällen mästeten. Auf einem alten Stadtplan, der in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhundert entstand, sieht es so aus, als ob ein Teil des Schlangenbaches, den Stadtgraben ab der Höhe des Fischertores, (Gegend der heutigen Diskothek Parktheater bis in die Höhe des Klostertores) mit Wasser gefüllt hat.

Der mittlere Kanal führte durch die Gerberstraße und ging dann in die Iller. Der neu angelegte künstliche Bach in der Gerberstraße verweist auf den ehemaligen Gerberkanal. Das Mühlrad, das sich heute dort befindet, symbolisiert die ehemalige Kotzenmühle, die das Kanalwasser zum Antrieb ihres Triebwerkes benötigte. Der südlich gelegene Kanal ging von der Brandstatt durch die Burgstraße zur Illerstraße und mündete in der Nähe des „elektrischen Werkes“ (heutiges AÜW) ebenfalls in die Iller.

Nur ein Teil dieser Bacharme lief offen in künstlich angelegten Kanälen durch die Stadt. Der weitaus größere Teil floss in unterirdischen Kanälen, wobei deren Boden aus Holzbohlen und die Seitenwände aus großen Nagelfluhblöcken bestanden.

Das Ende des Schlangenbaches

Nach dem Jahr 1802 ging das Kanalsystem an das bayerische Kurfürstentum. Ab da fehlte sowohl das Geld als auch der Wille, dieses Kanalsystem zu erhalten. Schon 1804 wies das Hehlenwehr große Schäden auf und der Tunnel östlich des Wehres stürzte im Laufe der Zeit immer mehr ein. Gegen 1809 floss deshalb kein Rottachwasser mehr in das städtische Kanalsystem. In der Folge blieb von dem umfangreichen Kanalsystem wenig. Da neue Techniken und die Entwicklung neuer Energien die Wasserkraft immer mehr verdrängten, gab es kaum mehr eine Notwendigkeit das Kanalsystem in Stand zu setzen. Nur einzelne Personen, wie z.B. Müller „Bertele“, beschwerten sich im August 1811, weil er kaum noch genügend Wasserkraft hatte, um sein Mehl auszumahlen. Daraufhin wurden 1814 und 1816 das Hehlenwehr und der Tunnel erneuert. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts blieben mangels Pflege aber vom Kanal nur noch Fragmente übrig. Trotzdem konnten noch bis nach 1960 einige Betriebe das Wasser des Bachsystems als Antrieb nutzen.

Mit dem Bau des Mittleren Rings/Adenauerrings wurden die Wasserzuführung in die Stadt weitgehend unterbrochen und die übrigen Kanäle entweder zugeschüttet oder mit Abwasserleitungen verbunden. Bei den Umbaumaßnahmen am Hildegardplatz wurden noch Teile des dortigen Kanalsystems freigelegt und dann überbaut.

Aus dem heutigen Bild der Stadt ist der Schlangenbach längst verschwunden. Zwar gab es bei der Neugestaltung des Hildegardplatzes Überlegungen, Teile des Kanals wieder entstehen zu lassen; es blieb aber bei diesen Plänen. Heute gibt es nur noch wenige Hinweise in der Stadt, die an dieses historische Bachsystem erinnern. An der Feilbergstraße in Richtung Calgeeranlage steht eine Schautafel, die mit Wort und Bild über den Verlauf des Schlangenbachs informiert. Ein danebenstehendes eisernes Wasserrad der ehemaligen Schreinerei Eiband, die ab 1904 mit dem Wasser des Schlangenbachs ihre Säge betrieb, zeigt, welche Bedeutung das Wasser dieses Kanals als Antriebskraft für die vielen Mühlen und Betriebe in Stift und Stadt einst hatte.

Am Hildegardplatz erinnern nur noch eine Gedenktafel mit Plan und Beschreibungen und eine Reihe von Steinplatten an Kemptens historisches Kanalsystem. Vor der Residenz weisen ein Wasserbecken und ein eingefasster offener Kanal auf den einstigen Bachverlauf hin.

Es gibt auch stadtgeschichtlich interessante Ereignisse um den Schlangenbach, an den sich lebende Zeitzeugen gerne erinnern. Als der Schlangenbach noch teilweise in einem offenen Bachbett in der Gegend des Feilbergs und der Hofmühle floss, nutzen die Kinder das Wasser zum Spielen und badeten gerne in seinen Becken. Wenn man den man den Bach für Wartungsarbeiten abgelassen hat, sind die Kinder in den Tunneln unter der Straße durchgekrochen. Mitten im Krieg gab es im Jahre 1942 in der einstigen Allgäuer Seifen- und Sodafabrik in Bucharts bei Steufzgen einen technischen Defekt, durch den ein Bassin mit waschaktiven Substanzen überlief. Da es in dieser Gegend noch keine Kanalisation gab, floss das Abwasser in den Schlangenbach und führte dazu, dass sich im Wasser Seifenschaum bildete. In den Kriegszeiten ließen sich viele Frauen diese Gelegenheit nicht entgehen und nahmen das Seifenwasser in Eimern mit, um ihre Wäsche damit zu waschen, und die Kinder des Stadtteils plantschten vergnügt im schaumigen Bachwasser.

Von Dr. Willi Vachenauer

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