Kemptener Stadtgeschichte: Vom "Zahnprecher" (oder vom "Aderlasser") bis zum Kernspintomographen

Geschichte der Ärzte und Bader in Kempten – Teil 1

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Treiben im Badehaus.

Kempten – Wer heute erkrankt ist, findet in der Stadt Kempten ein breites Angebot an verschiedensten medizinischen Hilfeleistungen. Dank neuer Erkenntnisse und technischer Entwicklungen kann die Medizin heute Heilerfolge vorweisen, die man sich früher nicht vorstellen konnte. Dieser zweiteilige Artikel beleuchtet in einem Überblick die Geschichte der medizinischen Versorgung in Kempten von den Anfängen bis heute.

Das neue Kempten entstand im 8. Jahrhundert, als die Benediktinermönche Magnus und Thomas hier eine kleine Klosterzelle gründeten. Sie nahmen sich auch der Pflege von Kranken an, denn bei den Benediktinern hatte die Krankenpflege einen hohen Stellenwert. Daher hatte das Kloster St. Gallen ­extra Räume für kranke Menschen und es gab Mönche, die sich mit der Pflanzenheilkunde auskannten. Obwohl Magnus und Thomas aus St. Gallen kamen, dürfte die medizinische Fürsorge im kleinen Kloster Kempten nicht das Niveau ihres Stammklosters gehabt haben.

In der späteren Stadt Kempten waren für die Behandlung von kranken und verletzten Menschen die in Zünften organisierten Bader, bzw. Balbierer, später auch Chirurgen und Wundärzte genannt und einige „studierte“ Ärzte zuständig. Zwischen beiden Berufsgruppen gab es seit dem Konzil von Tours im Jahre 1163 eine Aufteilung der Heilkunst. Während die studierten Ärzte für die innerliche Arzneimittelbehandlung, für die Urinschau und die Säftelehre zuständig waren, übernahmen die Bader die medizinisch-chirurgische Versorgung, die Zahnbehandlung und verschiedene „kosmetische Dienstleistungen“ für die Kemptener.

Die Bader mussten Mitglied in einer Zunft sein. Da dieser Berufsstand aber in Kempten zu wenige Mitglieder für eine eigene Zunft hatte, durfte er sich der Schmiedezunft von 1419 anschließen. 1691 konnten die Bader eine eigenständige Abteilung innerhalb dieser Zunft bilden. Zur Ausübung ihrer Tätigkeit benötigten die Kemptener Bader in der Regel eine eigene Badestube. Die erste Badestube, die seit dem Jahre 1415 bekannt ist, dürfte sich im Seggers, in der Nähe des Siechentores befunden haben. Dann gab es vermutlich zwei Bäder an der Iller, eines davon trug den Namen „Bullenbad“. Eine weitere Badestube stand hinter dem Wirtshaus zum Schwanen, daneben gab es das „Radbad-Bad“ am gleichnamigen Radbad-Tor. Ferner existierte ein Bad im Hause der Wirtschaft zu den sieben Hansen in der Gerbergasse (-straße) und ein Bad bei der Stadtfärbe auf der Griesinsel. Dann gab es wahrscheinlich noch ein Bad im Ankergässele und eines an der Fischersteige.

Die Bader benötigten kein Studium, sondern eine zünftische Berufsausbildung mit einer dreijährigen Lehrzeit, einer mehrjährigen Gesellenzeit und einer anschließenden Wanderzeit. Erst danach durfte die Meisterprüfung abgelegt werden, deren Inhalte im Zunftbuch der Kemptener Schmiedezunft von 1564 genau beschrieben sind. Eine Prüfungskommission, bestehend aus dem „Physicus Dr. Samuelen Miller, Herrn Paulo Föhr, Consul und Magister Bartholomeo Holdenried protoscriba (Protokollführer und Stadtschreiber) und dem Pharmacologen Jacob Burgauer“ wachte darüber, dass der Kandidat auch alle Anforderungen erfüllte. Abgeprüft wurde das Gebiet der Wundarznei, also die Behandlung von Geschwüren oder Geschwulsten und der verschiedenen Wundarten, einschließlich des „Heftens“ (Nähen der Wunden). Dazu kam das Stillen von Blutungen, die Abätzung von „überwachsenem Fleisch“, die Versorgung von Brandwunden (Brandlöschung), die Behandlung von Tierbissen „wann ein schad von ainem wietenden Hund oder vergifften thür gescheche“, von Ausgliedungen (Luxationen) und von Knochenbrüchen (Frakturen). Zu jedem Prüfungsbereich gehörte die Fähigkeit zur Diagnose: „Waß unterschid darunder“ und zur Behandlung bzw. Therapie „Wie dem zuehelfen“. Dabei musste der Prüfling den fachgerechten Umgang mit den verschiedenen medizinischen Instrumenten demonstrieren.

Am Schluss musste der Prüfling zeigen, wie man verschiedene Salben, also Zug- und Reinigungssalben sowie Salben, die „flaisch ziechen“ und verschiedene Pflaster also „Haubtpflaster, stich pflaster und Ziech pflaster“ herstellt und anwendet.

Nur das bestandene Examen berechtigte zum „arzneyen und aderlassen“. Bestand der Kandidat die Prüfung nicht, durfte er die Prüfung nach zwei Wartejahren wiederholen.

Zum Behandlungsgebiet der Bader gehörten auch die verschiedenen Arten des Schröpfens, also trockenes und blutiges Schröpfen und das „zur Aderlassen“, das als sog. Allheilmittel galt. Beim blutigen Schröpfen setzten die Bader Saugglocken über Hauteinritzungen an, um dem Körper Blut zu entziehen. Zu größeren Blutverlusten führte der Aderlass, bei dem die Bader meist die Armvenen ihrer Patienten öffneten. Mit diesen blutigen Verfahren sollte das Gleichgewicht der Körpersäfte (Blut, gelbe oder schwarze Galle, Schleim) wiederhergestellt werden. Oft wurde dabei aber zum Schaden der Patienten zu viel und zu häufig Blut entzogen.

Ob Kemptener Bader auch die schon damals praktizierten Eingriffe vornahmen, wie Amputationen, Korrekturen von Hasenscharten, Behandlung von Nabelbrüchen und des grauen Stars durch den Starstich, die Entfernung von Blasensteinen mittels Blasensteinschnitt oder gar Schädeloperationen, bleibt ungewiss.

Das allgemeine niedrige Niveau der Chirurgie krankte bis in 18. Jahrhundert daran, dass Eingriffe ohne Anästhesie (Betäubung) durchgeführt werden mussten. Zwar gab es schon Vollnarkosen, durch einen sog. „Schlafschwamm“, der mit verschiedenen Drogen getränkt war. Trotz seiner betäubenden Wirkung verstarben etliche Patienten durch Atemstillstand.

Neben diesen „chirurgischen“ Verfahren nahmen die Bader auch Zahnbehandlungen vor, wobei sie sich fast nur auf die Entfernung (Extraktion) der kranken Zähne beschränkten.

Ein wichtiges Standbein für die Kemptener Bader waren kosmetische Behandlungen wie Reinigungsbäder, Bartrasuren und verschiedene Arten der Haarpflege. Die Körperreinigung erfolgte in einer Badewanne oder durch ein Schwitzbad, aber ein Wannenbad kostete mehr als ein Schwitzbad. Im Bad konnte man gegen eine extra Gebühr die Dienste einer Reiberin, also einer Bademagd in Anspruch nehmen. Beim Wannenbad saßen Frauen und Männer nackt im selben Zuber und genossen das gesellige Leben bei Essen, Musik und Wein. Daher gerieten manche Badehäuser in den Ruf, heimliche Bordelle zu sein und dürften auch eine Quelle von Geschlechtskrankheiten gewesen sein.

In Kempten kannte man schon im 16. Jahrhundert den Zusammenhang zwischen Sauberkeit und Hygiene und der Vermeidung von Krankheiten in den Badestuben. Im Jahre 1564 beschlossen Zunft und Rat, dass in den Badehäusern „sonderlich zu zeiten der Schweren leufen“ keine Wäsche mehr gewaschen werden durfte und man Personen die mit „ainicherlai Krankhait geprechen oder schaden behafft und befleckht were, davon andere möchten Inficiert und beschediget“ werden, gegen Androhung einer Geldstrafe den Zutritt zu den Badehäusern verwehren mussten.

Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen stellten die in unregelmäßigen Abständen wiederkehrenden Seuchenepidemien (wie die Pest) das Kemptener Gesundheitswesen vor unlösbare Probleme. Ihnen sollen in den Jahren 1429 und 1482 tausende Menschen zum Opfer gefallen sein. Dann haben drei Pestwellen der Jahre 1521, 1536 und 1564 die Stadt heimgesucht. Die nächste Pestepidemie trat im Jahre 1609 und während des 30-jährigen Krieges auf. Auch daran sind viele Menschen gestorben. 1859 brach in der Stadt eine Blatternepidemie aus und zwischen 1861 und 1862 kam es in Kempten zu einer Typhusepidemie, an der 167 Personen erkrankten. Diese Kranken wurden jetzt aber schon im neuen Spital an der Memminger Straße behandelt.

Die Kemptener Stadtobrigkeit garantierte den heimischen Ärzten und Badern eine Art Beschäftigungsmonopol. So verwehrte sie im Jahre 1613 gegen Androhung ernstlicher Strafe fremden Badern das Aderlassen und Balbieren, damit sich die einheimischen Bader, „desto weniger zu beclagen haben“. Dann verbot sie allen nicht examinierten „Winckhel Arzten, Mann und Weibs personen, und all denen, so die Kunst nit rechtmessig erlernet (haben)“ zu „Arzneyen, Tränkhlin“ einzugeben und „pflaster“ aufzulegen.

Ausnahmen erlaubte der Rat nur, wenn es die „schiere“ Not erforderte und wenn ehrliche Frauen oder andere Personen, umsonst und aus christlicher Nächstenliebe mit „usserlichen Arzneien“ Hilfe leisteten. Diese Kemptener Verordnung kann als sehr tolerant gesehen werden, da andernorts solche Personen, die sich der Pflanzen- und Heilkunde verschrieben, oft als Hexen verfolgt wurden und vielleicht sogar auf dem Scheiterhaufen landeten.

Eine Ausnahme gewährte der Rat auch fremden Zahnbrechern, dann den „dry ackhes Krämern“ (Theriakhändler die den sog. „Theriak“ eine Kräutermischung als Arznei, gegen alle möglichen Krankheiten und Gebrechen anpriesen) und „andere(n) Schreyer und Kelber Arzet“. Ihnen wurde das Praktizieren, „allein auf den Jar und Wochenmärckten, auch allein an dem offnen marckt und sonst kainem andern Orth, bey aines Ersamen Raths straff“ gestattet. Im Gegensatz zu den heimischen Badern behandelten sie ihre Patienten auf offener Straße zur Belustigung oder auch Abschreckung der Zuschauer.

Vielleicht waren diese Ausnahmen auch in der doch recht geringen Zahl der Kemptener Bader begründet. In der Zeit von 1570 und 1800 praktizierten in Kempten zwischen zwei und acht Bader und das bei circa 3000 Einwohnern! Um ihre Dienstbereitschaft anzuzeigen, ließen die Bader ein „Aderlasszeichen“ vor ihrer Badestube anbringen. Bei ihren Tätigkeiten mussten sich Bader und Barbiere im 16. Jh. an „nachvolgender belonung halten“:

- von ainer aaderzuschlagen (zur Ader lassen): 1 Kreutzer

-von ainem Zan auszuprechen: 2 Kreutzer usw.

- von ainem part zuscheren2 Pfenning

- wann sich ainer Kolben last (Haarlocken mit Brenneisen drehen lassen): 1 Kreuzer

- vom Har abschneiden 1 Kreuzer

- vom Haar zue Ebnen (Haare glätten) 3 denar (Pfennig)

- Badlon von ainer Manns oder Weibsperson die in bad schrepfen: 6 Denar

- vom druckhen schrepfen: 2 Kreuzer

- von einem Kind zu baden: 5 Denar

Im Jahre 1517 stellte die Stadt Kempten ihren ersten akademisch gebildeten Stadtphysicus (Stadtmediziner) an. Neben seinen ärztlichen Aufgaben bekam er auch Weisungs- und Aufsichtsrechte über das gesamte Medizinalwesen, also über alle Heilberufe der Stadt. Dazu zählte die Prüfung der Bader, die Kontrolle der Stadtapotheken und die Überwachung der Badestuben und auch die medizinische Betreuung der städtischen Spitäler (Krankenhäuser) und des Siechenhauses. Er musste auch sein wachsames Auge auf zweifelhafte Wanderärzte und deren Wundermittel richten und hatte die Siechenschau durchzuführen. Dafür erhielt er von der Stadt eine Bezahlung von einem Taler bzw. 10 Gulden pro Woche. Neben dem Stadtmediziner beschäftigte die Stadt auch einen Stadtwundarzt, der aus dem Berufsstand der Bader kam.

Schon damals gab es das Recht der freien Wahl des Behandlers innerhalb der einheimischen Ärzte und Bader, d.h. „das ain jeder ainen arzet suchen und erwüllen möge, wo er lust und willen zu hatt, verhoffendt das Ime an seinem Schaden und anligen möge geholfen werden“.

Ihre Arzneimittel konnten die Kemptener Bürger in zwei Stadtapotheken erwerben, die seit 1538 dokumentiert sind. Sowohl die „obere Apotheke“, wie auch die „untere Apotheke“ standen am Rathausplatz. Die Apotheker gehörten der Kemptener Kramerzunft an.

Sogar Hebammen sind in Kempten tätig gewesen. Diese Frauen wurden vom Stadtphysikus examiniert. Die Prüfungsfragen bezogen sich hauptsächlich auf religiöse Inhalte, wie z.B. dem Durchführen der Nottaufe. In den Jahren 1603 bis 1642 dürften zwischen drei und sechs Hebammen praktiziert haben.

Eine Änderung im städtischen Gesundheitswesen ergab sich nach der Eingliederung Kemptens in das bayerische Kurfürstentum nach 1802 (Königreich ab 1806). Als Leiter des städtischen Gesundheitswesens ernannten die Behörden den bisherigen Stadtphysicus Dr. Christoph Jacob Mellin zum königlich bayerischen Medizinalrat. Die praktische medizinische Versorgung der Stadtbevölkerung lag aber noch in den Händen der Bader bzw. Wundärzte und Chirurgen. Allerdings mussten sie die Haarpflege und das Rasieren an die Perückenmacher abgeben. Im Laufe des 19. Jahrhunderts gab es immer strengere Anforderungen an die Ausbildung der Wundärzte. Zu ihren Lehrinhalten gehörten jetzt auch anatomische, physiologische und pathologische Grundlagen. Als man an den Universitäten Lehrstühle für Medizin einrichtete, bedeutete dies das Ende der zünftisch ausgebildeten Bader und Chirurgen. Wer nun in diesem Berufsfeld tätig sein wollte, musste ein universitäres Medizinstudium absolvieren. Nur in Ausnahmen durften manche Bader noch zahnmedizinisch als sog. „Dentisten“ tätig sein. Einer der letzten Bader der Stadt – Bader Winkle – hatte seine Praxis in einem Gebäude an der Ecke Kronenstraße/Rathausplatz.

Dr. Willi Vachenauer

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