Wirtschaftsministerium bringt Experten und Praktiker zusammen

Auf dem Weg zur digitalen Stadt

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Live aus Berlin wollte Franz Müller (Bayerisches Wirtschaftsministerium) die Teilnehmer des Städtemarketingtags grüßen. Die Übertragungsqualität war jedoch so schlecht, dass Moderator Roland Wölfel (Mitte) die Grußworte dolmetschen musste. OB Thomas Kiechle (re.) hatte sich mit der analogen Begrüßung für die sichere und verständlichere Variante entschieden.

Kempten – Im Kemptener Kornhaus trafen sich am Donnerstag Verantwortliche aus dem Bereich Stadtmarketing aus zahlreichen bayerischen Kommunen. Der vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie veranstaltete 12. Stadtmarketingtag stand dieses Jahr unter dem Motto „Der Weg zur digitalen Stadt – Handlungsstrategien für Handel und Stadtmarketing“.

Organisiert und moderiert wurde die Veranstaltung von Roland Wölfel von der CIMA Beratung + Management GmbH. In seinen einleitenden Worten zeigte sich Wölfel sehr angetan von der Begrüßung am Vorabend und dem guten Zusammenwirken von City Management Kempten und dem einmaligen Allgäu-Kommissar Kluftinger. Kemptens Oberbürgermeister Thomas Kiechle freute sich in seinem Grußwort über die zahlreichen Veranstaltungen zum Thema Digitalisierung, die in letzter Zeit in Kempten stattfanden: Der Blogger Sascha Lobo, der im „Zukunftsforum“ des Allgäuer Überlandwerks über die Zukunft der Digitalisierung sprach, und die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft (DGT), die sich vom 12. bis 14. November mit den Herausforderungen und Trends der Digitalisierung im Tourismus beschäftigte. Kiechle betonte die Bedeutung von „attraktiven Innenstädten“ und stellte mit Blick auf die Digitalisierung die Frage „Welche Veränderungen kommen da auf uns zu?“ Den Teilnehmern am Stadtmarketingtag im Kornhaus wünschte Kemptens OB „Antworten auf die Fragen, die sich Städte in der Digitalen Welt stellen“ und gesellte sich anschließend unter die Tagungsteilnehmer, um den Vorträgen und Diskussionen zu folgen. Die real existierende Lücke zwischen digitaler Vision und dem wirklichen Leben wurden beim live aus Berlin via Skype übertragenen Grußwort von Franz Müller aus dem Wirtschaftsministerium deutlich: Die Bildübertragung war stockend und die Tonübertragung war so schlecht, dass Moderator Wölfel die digitalen Grußworte dolmetschen musste. Dieses Beispiel für langsames Internet war von dem Moment an die willkommene Beilage an Ironie für die Referenten der Tagung.

Den Anfang machte Andreas Reiter vom ZTB Zukunftsbüro Wien. Am Beispiel des Ruhrgebietes machte er deutlich, welche Bedeutung der Wandel für Städte und ganze Regionen haben kann. „Aus postindustriellen Räumen werden Orte für Kreativität und Freizeit“, so Reiter. Was im Ruhrgebiet besonders ausgeprägt erscheine, werde aber auch in Bayern Veränderungen nach sich ziehen. Reiter bezeichnete diesen Wandel als „Hybride Lebens- und Arbeitskonzepte“ und umschreibt damit die Auflösung der starren Abgrenzungen zwischen privatem Leben und Erwerbstätigkeit. Die Digitalisierung trage dazu bei, diese Grenzen durchlässig zu machen. Reiter, der Lehrbeauftragter für Trend- und Innovations-Management an der Donau-Universität Krems ist, prophezeite eine Entwicklung, in der „der digitale Nomade zur Leitfigur wird.“ Der wachsenden Bedeutung der Digitalisierung stehe aber als Ausgleichs- und Erholungsfaktor die Lebensqualität der nichtdigitalen Welt gegenüber. Diese weichen Standortfaktoren, die Reiter als „Feel-Good-Faktoren“ bezeichnet, seien für Städte im Wettbewerb genau so wichtig wie eine leistungsfähige Digitale Infrastruktur. „Je virtueller die Welt wird, desto mehr sehnen sich Konsumenten nach Emotion und sinnlich-realen Erlebnissen“, fasste Reiter seinen Vortrag zusammen.

Welche Bedeutung die Digitalisierung für das Stadtmarketing hat, machte Christian Kramer von der CIMA Beratung + Management GmbH am Smartphone-Boom deutlich. Die leistungsfähigen und dank der Software vielseitig einsetzbaren Mobilfunkgeräte dienen nur noch nachrangig dem Telefonieren. Überwiegend und zunehmend werden die Geräte als Informationsquelle genutzt. Ob als Navigationsgerät für Fußgänger, aktueller Fahrplan für Bahnfahrer oder Ratgeber für gastronomische Angebote. Aber nicht nur das Angebot an Informationen, auch die Nutzung dieser Informationsquellen trage dazu bei, dass tagtäglich eine gigantische Datenflut erzeugt werde. Um die relevanten Daten für das Stadtmarketing nutzbar zu machen, brauche es aber eine klare Strategie. Und neben einer leistungsfähigen Breitbandversorgung bedürfe es da auch entsprechender personeller Ressourcen. Als positiv bewertete Kramer, dass das Kemptener Kornhaus über ein W-LAN-Netz verfüge – dass die Nutzung aber kostenpflichtig sei, kommentierte er mit „Da gibt’s noch was zu tun!“

Um allen Beteiligten einen Eindruck zu vermitteln wie die Zukunft des Stadtmarketings in der Zukunft aussehen könnte, hatten die Organisatoren der Veranstaltung den Geschäftsführer des Instituts für eTourismus, Florian Bauhuber, eingeladen. Er stimmte der These zu, dass der Tourismus in vielen Bereichen ein Vorreiter sei. So etablierten sich um die Jahrtausendwende Online-Bewertungsportale, die inzwischen eine größere Bedeutung haben als Siegel und Klassifizierungen. Im Einzelhandel, in der Gastronomie und in öffentlichen Einrichtungen seien derartige Bewertungen noch die Ausnahme. Auch die Tatsache, dass die Nutzer von sozialen Netzwerken mit ihren Online-Urlaubsbildern für Urlaubsregionen, Hotels und touristische Highlights werben, werde von nicht-touristischen Branchen erst ganz allmählich erkannt und genutzt. Ein weiterer wichtiger Meilenstein „auf dem Weg nach Digitalien“ war die Verknüpfung von Handy und Internet. Die ununterbrochene Verbindung ins weltweite Netz, die Suche nach Orten per Navigationsapp und die Bilder und Kommentare bei Facebook und Whatsapp machen aus den Menschen den Gläsernen Kunden. All diese Daten gelte es abzuschöpfen, auszuwerten und nutzbar zu machen. Das Thema Datensammelwut wurde von Bauhuber positiv und als unverzichtbar gedeutet und dass wir in Zukunft digitale Sensoren eingepflanzt bekommen, ist für Bauhuber die Vision einer schönen neuen Welt. Auf das Thema Datenschutz und digitale Bürgerrechte angesprochen, konnte kein Referent eine befriedigende Antwort geben.

Michael Schropp

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