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Weitere Windräder im Allgäu wird es nach derzeitigem Stand wohl nicht geben. Wie aber soll die Energiewende gelingen?

Kempten – Die Koalitionäre von CDU/CSU und SPD und in Berlin haben sich mit Ach und Krach darauf geeinigt, dass bis 2020 40 Prozent weniger Treibhausgase ausgestoßen werden sollen.

In Kempten ist man weniger bescheiden und geht gleich in die Vollen – um nicht weniger als die Hälfte wollen die Verantwortlichen in Verwaltung und Stadtrat bis 2050 den Ausstoß klimaschädigender CO2-Emmissionen senken. So steht es im „Masterplan 100% Klimaschutz bis 2050“, den der Stadtrat am Donnerstagabend einstimmig beschloss.

Ausgearbeitet haben das 145 Seiten starke Papier der städtische Klimaschutzmanager Thomas Weiß und das Energieteam der Stadt. Zu verstehen ist der Masterplan als Konzept, wie in Kempten in allen Bereichen aktiver Umweltschutz betrieben werden kann. Dazu gehört laut Klimaschutzmanager Weiß neben allen wirtschaftlichen und technischen Prozessen vor allem auch, die Bevölkerung mitzunehmen. Daher solle künftig mit Hilfe verstärkter Öffentlichkeitsarbeit das Bewusstsein der Bevölkerung geschärft werden.

Einig waren sich die Stadträte darin, dass in Kempten in Sachen Klimaschutz bereits einiges erreicht worden sei. Viele Stadträte dagegen sahen aber auch Bundes- und Staatsregierung in der Pflicht, soll die Energiewende vor allem im Freistaat Bayern doch noch gelingen.

So kritisierten einige von ihnen insbesondere die fehlende Planungssicherheit in Bayern. Von „energiepolitischen Geisterfahrern“ in diesem Zusammenhang sprach Hans Mangold (Grüne) angesichts der H10-Regelung. Fraktionskollege Theo Dodel-Hefele sagte: „Die Rahmenbedingungen stimmen überhaupt nicht.“ Durch Ministerpräsident Horst Seehofers H10-Intervention stünden viele bayerische Kommunen mit fertigen, millionenschweren Plänen zur Windkraft, aber ohne Chance auf Umsetzung dar. „Die Staatsregierung belastet die Kommunen“, so Dodel-Hefele. Grünen-Fraktionssprecher Thomas Hartmann appellierte leidenschaftlich an seine Kollegen, den „Masterplan“ auch tatsächlich umzusetzen – „mit allen Konsequenzen“ – und nicht schon bei den ersten Schwierigkeiten den Kurs zu ändern. „Wenn wir das nicht machen, werden irgendwann im Wald stehen und unser Ziel nicht erreicht haben“, warnte er. „Aber wenn wir das so beschließen, müssen wir uns darüber klar sein, dass das zu Veränderungen in unserem Handeln und Denken führt“, sagte er.

Während bei der CSU Thomas Kiechle die bisher erreichten Erfolge beim Klimaschutz in Kempten hervor hob und eine bessere Vernetzung der einzelnen Klimaschutz-Konzepte im Allgäu forderte, kritisierte Stadträtin Birgit Geppert die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. „Die Visionen lesen sich sehr schön und klingen nach heiler Welt“, sagte sie. „Aber sind wir denn schon so weit, wie wir denken?“ Als Beispiele nannte sie das neue bigBOX-Hotel oder die neuen Wohnhäuser in der Keselstraße, wo bei der Außengestaltung auf Bäume oder Pflanzen verzichtet worden sei. „Das steht im Widerspruch zu dem, was ich hier lese“, kritisierte Geppert. „Aber im Kleinen fängt es schon an.“ Auch Michael Hofer (UB/ödp) kritisierte, dass städtische Vorhaben sich nicht immer mit den Umweltschutzplänen decken würden. „Die Halde-Nord ist kein Paradebeispiel für den Flächenverbrauch“, so Hofer.

"Ambitioniertes Ziel"

Einen realistischeren Blick mahnte SPD-Stadtrat Siegfried Oberdörfer an. „Als Stadtrat muss man aber auch einen pragmatischen Blick dafür haben, was machbar ist.“ In einigen Bereichen könne die Umsetzung des Masterplans „noch einige Jahre dauern“. „Wir müssen die Bürger mit ins Boot nehmen“, appellierte er.

Alexander Hold von den Freien Wählern sagte: „50 Prozent weniger Energieverbrauch ist sicherlich ein ambitioniertes Ziel.“ Genau wie Carolin Brög von den Grünen mahnte er daher eine Stärkung des ÖPNV in Kempten und Umgebung an. „Durch neue, bessere Radwege werden wir nicht mehr Radfahrer gewinnen“, meinte er.

Matthias Matz

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