Stimmiges Konzept

Noch spielt die Wolfsmusikermeute in „Orchestra of Wolves“ nach dem Taktstock ihres gefiederten Dirigenten. Foto: Tröger

Mit einer Steilvorlage startete der 10. Kemptener Tanzherbst vergangenen Samstag in sein Jubiläumsfestival. Der Auftaktabend mit „Gauthier Dance“ – Resident Dance Company des Theaterhauses Stuttgart – bot ein stimmiges Ganzes auf sehr hohem Niveau aus tänzerischem Können, einfallsreichen Choreographien, Musik von Beethoven bis Tom Waits, Themenvielfalt und einer frischen Prise satirischen Humors.

Als 17-jähriger aus Kanada nach Deutschland und zum Stuttgarter Ballett gekommen, habe er sich mit 30 gedacht, es sei genug mit Schwanensee, erzählte der Gründer des neunköpfigen – alle ebenfalls mit klassischer Ausbildung-Ensembles, Eric Gauthier, seinem Publikum bevor es losging. „Im Staatstheater waren die Leute immer sehr lieb, aber ein bisschen älter“, erklärte der laut Tanznetz „Erfinder des Ballettkabaretts“ fröhlich, mit dem Tanztheater auch jüngere Leute begeistern zu wollen. Das Abendprogramm verglich er mit einem Menü, beginnend mit einem Hors d’œvre und „am Ende einem Schnaps“. Das gebotene Menü aus sieben mit dem Körper erzählten, poetischen bis satirischen Geschichten, choreographiert von Gauthier und anderen international renommierten, zeitgenössischen Choreographen, war vorzüglich. Wie amüsant ein „crash course“ über – zugegebenermaßen in der Choreographie von Gauthier von fünf auf 101 erweiterten – Grundpositionen des klassischen Balletts sein können, war in „Ballet 101“ zu erleben. Nach 100, zum Teil in rasantem Tempo, mit einem Augenzwinkern meisterlich hingelegten Fuß- und Schrittpositionen zu Musik von Jens-Peter Abele, übernahm die Nummer 101 eine in Einzelteile zerlegte Schaufensterpuppe. Sicher nicht nur so manchen Orchesterbetrieb nahm das ebenfalls von Gauthier choreographierte „Orchestra of Wolves“ zu Beethovens fünfter Symphonie aufs Korn. Die Musikermeute eines rebellischen Wolfsorchesters lieferte sich darin einen herrlich komischen, nicht weniger erbitterten Machtkampf mit ihrem tyrannischen Dirigenten. Dass dieser gefiedert war, wurde ihm am Ende allerdings zum Verhängnis. Mit Wonne schleudern die Wölfe seine Federn durch die Luft. Einiges zu Lachen gab es auch bei „The Sofa“, zu Musik von Tom Waits und choreographiert von Itzik Galili. Ein überdimensioniertes Sofa und ein Beziehungsdrama, das vor überraschenden Momenten nur so sprühte und zur ironischen Komödie mutierte. Der angekündigte „Schnaps“ am Ende des Tanzmenüs, „Susto“, beschäftigte sich mit dem Thema Zeit. Nach der Choreographie von Paul Lightfoot und Sol Léon rieselte die riesige, an der Decke befestigte Sanduhr unerbittlich auf die Tänzer nieder, all ihren Versuchen die Lebenszeit aufzuhalten trotzend.

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