System mit Eigenheiten

Es ist ein Problem, das jeden treffen kann: Da fehlt ein dringend benötigtes Medikament, man begibt sich in die Innenstadt und steht vor verschlossenen Türen. Die nächste offene Apotheke aber ist in Kißlegg oder Neuravensburg, Leutkirch oder Wangen. Das ist nicht eine willkürliche Maßnahme der Apotheker, sondern eine Folge der Gesundheitsreform. Das ergab sich aus dem Gespräch mit dem Isnyer Notarzt Dr. Wolfgang Dieing.

Die Apotheken haben eine Betreiberverordnung, nach der sie sich richten müssen, so Dieing In Absprache mit den Apotheken der Umgebung erstellen sie einen überregionalen Dienstplan, um bei Notfällen die Versorgung sicherzustellen. Auch hier machen sich die Einsparungen bemerkbar. Die Gewinnspanne der Apotheken sei stark zurückgegangen, aber aus dieser Gewinnspanne heraus sei früher die Wochenendbereitschaften finanziert worden. Eine relativ geringe Gewinnspanne und 2,50 Euro Nachtgebühr reichen jedenfalls nicht mehr für die Finanzierung wöchentlicher Nachtdienste in Kleinstädten aus, erklärte er. Der angestellte Apotheker des Notdienstes dürfe darüber hinaus nach den Bestimmungen der Arbeitszeitordnung nicht mehr als zehn Stunden am Stück in der Bereitschaft arbeiten, dann folgen mindestens elf Stunden Pause. Damit sei für die folgende Woche die halbe Arbeitszeit schon wieder abgegolten. Das sei eine gesetzliche Einschränkung, die im übrigen auch die Krankenhäuser stark treffe. Wollte man also zum alten Prinzip der ortsnahen Bereitschaft zurückkehren, müsste zusätzlich zur fehlenden Bezahlung auch noch mehr Personal eingestellt werden. Jede Apotheke in Baden-Württemberg habe vorgeschriebene Mindestöffnungszeiten und nach Möglichkeit sollte man sich in diesen Zeiten mit Medikamenten versorgen. Die Mindestöffnungszeiten sind: von Montag bis Freitag 9 Uhr bis 12 Uhr und 14 Uhr bis 18 Uhr, samstags 9 Uhr bis 12 Uhr. Weitere Öffnungszeiten, die darüber hinaus gehen, sind eine zusätzliche Leistung des jeweiligen Betriebes. Die politisch gewollten Einsparungen seien die Ursache für diese Regelung. Es gebe eine einheitlich geregelte Information des Deutschen Apothekerverbandes. Bei einem Anruf unter der Nummer 0137/88822833 werde man automatisch mit der nächsten dienstbereiten Apotheke verbunden und könne sich vor allem erkundigen, ob das Medikament vorrätig ist. Eine sms mit dem Text „apo“ an 22833 ergebe die Adresse der nächsten dienstbereiten Apotheke. Ärger mit der Finanzierung Auch bei der ärztlichen Vergütung sei es seit Januar durch die Vorgaben des Bundesgesundheitsministeriums zu starken Einschränkungen gekommen, die Notfallversorgung und Bereitschaften aber funktionieren immer noch. Auch dazu hat Dieing eine klare Meinung: „Man muss wissen, dass der gesamte Bereich ‘ambulantes Operieren’ von den Facharztpraxen abgedeckt wird und aus dem Budget der niedergelassenen Ärzte kommt“, erklärt er. Obwohl die Zahl dieser kostengünstigen ambulanten OPs in den letzten 15 Jahren zugenommen habe, sei dieses Budget im Verhältnis zum Budget der Krankenhäuser aber nicht erhöht worden, obwohl diese Operationen dort nicht mehr erbracht würden. Das habe in der Vergangenheit dazu geführt, dass die von den Ärzten erwirtschafteten Abrechnungspunkte immer schlechter vergütet wurden. Seit Jahresanfang sei das System der Abrechnungspunkte durch feste Eurobeträge ersetzt worden, so Dieing weiter. Da aus den oben genannten Gründen für die Ärzte nur begrenzte Finanzierungsmittel zur Verfügung stünden, sei den Ärzten gleichzeitig mitgeteilt worden, bis zu welchem Zeitpunkt im Quartal die von ihnen erbrachten Leistungen noch finanziert werden. Wenn die Mittel also nur bis zum Ende des zweiten Monats reichen, was dann? Dieing: „Ein Lösungsversuch eines Teils der Ärzteschaft wurde noch nicht ausgehandelt.“ Die könnte so aussehen, dass, ähnlich wie bei der KFZ-Versicherung, der Patient vom behandelnden Arzt eine detaillierte Rechnung bekommt und damit zur Versicherung geht, damit die den Betrag überweist. Das Notrufsystem sei davon aber nicht direkt betroffen. Bei lebensbedrohlichen Notfällen sei die wichtigste Rufnummer die 112, die europaweite Nummer für Notarzt und Feuerwehr auch vom Mobiltelefon. Auf dem Display der jeweiligen Einsatzzentrale erscheinen Name, Adresse und Telefonnummer des Anrufers, und selbst wenn eine Verständigung nicht mehr möglich ist, können die Hilfsdienste aktiv werden. Wer nachts oder am Wochenende den hausärztlichen Bereitschaftsdienst erreichen will solle in Isny die Nummer 01805/19292 85 wählen. Im bayrischen Umland gelte die Nummer 01805/191212. Die Entscheidung, welche Klinik vom Sanitätsfahrzeug bei akuten Problemen angefahren wird, ergebe sich aus dem Behandlungsspektrum des jeweiligen Krankenhauses. Dieing empfiehlt daher, bei lebensbedrohlichen Notfällen mit dem Betroffenen nicht selbst in die nächste Klinik zu fahren, sondern den Notarzt zu verständigen.

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