Schwerst-mehrfach behinderter Jürgen Plötz hilft bei der Computerarbeit

"Ich will nicht nur zuschauen"

Jürgen Plötz mit seiner Gruppenleiterin bei einer Computer-Arbeit.

Kempten – Konzentriert richtet Jürgen Plötz seine Augen auf seine Steuerungshilfe. Über sie setzt er langsam am Computer die Wörter zusammen, beginnend mit Hallo. Unterstützt wird er dabei von Sabine Hauch, seiner Gruppenleiterin.

Für den 48-jährigen schwerst-mehrfach behinderten Mann hat sich mit dieser neuen Tätigkeit sein Arbeitsfeld in der Förderstätte der Allgäuer Werkstätten GmbH auch nach beinahe 20 Jahren noch weiterentwickelt. Nach seiner Schulzeit im Fritz-Felsenstein-Haus in Königsbrunn und einigen Jahren in einer Werkstatt in Augsburg kam Jürgen Plötz in die Förderstätte der Allgäuer Werkstätten nach Kempten. Von seinem Schulbesuch her war bekannt, dass der Mann mit den strahlenden braunen Augen und dem ruhigen Gemüt Lesen und Rechnen kann, während er für alle alltäglichen Dinge – vom Essen bis zum WC-Gang – Hilfe benötigt. 

Ressourcen sichern und fördern

Bei den Überlegungen, wie der damals noch junge behinderte Mensch seinen Tag in der Förderstätte gut gestalten könnte, kam bald sein Elek- tro-Rollstuhl ins Spiel. Isolde Hafenmayr, Leiterin der Förderstätte, berichtet dazu: „Wir versuchen, auch die wenigen Ressourcen unserer schwerstbehinderten Menschen zu sichern und zu fördern. Es war einen Versuch wert, ihn für Botengänge innerhalb des Hauses einzusetzen.“ Denn auch wenn Jürgen Plötz in seiner persönlichen Beweglichkeit stark eingeschränkt ist, so kann er den E-Rolli doch mittels seines Helmes und einer entsprechenden Vorrichtung steuern. Der Stick als Lenkrad hat nach oben hin eine Öffnung, in die Plötz mit einem Kontaktstab hineintrifft. Dieser ist über eine Stange mit seinem Helm verbunden. Wenn man die Vorrichtung sieht, muss man unwillkürlich schmunzeln, ist sie doch „frech“ mit einem Totenkopf verziert. Die Botengänge von einem Stockwerk ins andere kann Jürgen Plötz fast ganz allein bewältigen. Einzig den Aufzug herholen oder das Stockwerk wählen, müssen die Betreuer übernehmen. 

Helfen statt zuschauen

Danach „rollt“ er seinen Aufgaben zu. Geschickt manövriert er sich in den schmalen Aufzug und rückwärts wieder hinaus… Übrigens ist ihm die Steuerung mit dem Helm schon seit seiner Schulzeit vertraut. Vor einiger Zeit kam Sabine Hauch dann die Idee, Plötz mit dem Computer vertraut zu machen. Und er signalisiert: „Ich will nicht nur zuschauen, ich will mithelfen.“ Inzwischen schreibt Plötz die eine oder andere E-Mail oder auch schon mal einen Brief ans Sozialamt. Außerdem, so fügt sie schmunzelnd hinzu, habe Jürgen für alles ein phänomenales Gedächtnis. 

In seiner Freizeit genießt der 48-Jährige gern mal ein Konzert (beispielsweise Andi Borg), mag Spezi – und hin und wieder mal ein Bier. Er redet gern mit den Menschen und kauft oft im Ortsteil St.-Mang ein. In seiner Wohngemeinschaft am Denzlerpark kommt auch er mit Saubermachen an die Reihe. Dann wird ein Besen vor seinem Rolli befestigt – und dann fegt er beispielsweise die Küche sauber. Vor kurzem hat er mit seinem Betreuer das Schwimm- bad entdeckt. „Dreimal war ich schon da. Das ist wie eine große Badewanne“, erzählt Jürgen Plötz und strahlt über das ganze Gesicht.

mori

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