Zwei Theaterclubs gehen gemeinsam mit Flüchtlingen auf die Suche und – werden fündig

Heimat im Plural?

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Der Fotograf Achim Crispien (rechts, vor einer seiner Aufnahmen) hat die Probenarbeit zu „Like a mother – Heimat im Plural“ mit seiner Kamera dokumentiert und zeigt die entstandenen Bilder im Theaterfoyer.

Kempten – Eine „Heimat im Plural“? Was soll man darunter bitte verstehen? Gibt es das überhaupt?

„Der Duden sagt: Plural nicht üblich. Was heißt das? Nicht üblich? Möglich, aber nicht umsetzbar? Das Integrationsbüro der Stadt Zürich vertritt die These, dass jeder Mensch mehrere Identitäten und mehrere Heimaten hat. Heimat im Plural also!“

Aufgeworfen wird die ungewöhnliche Frage im interkulturellen Theater-Kooperationsprojekt „Like a mother – Heimat im Plural“ des TheaterInKempten (TIK) und des „Haus International“ unter Leitung von Johanna Hartmann. Die oben zitierte Antwort – eine von vielen möglichen – findet sich in der Ausstellung mit sensiblen Fotografien, die der Fotograf Achim Crispien während der Probearbeiten gemacht hat – ungestellt und „Nichts bearbeitet“, wie er betont, entstanden durch das Spiel mit Belichtungszeiten und dem „Klick“ im richtigen Augenblick. Er versuche einfach „behutsam zu fotografieren“. Das Ergebnis: klare Momentaufnahmen stehen verschwommen-bewegten Szenen gegenüber.

Was die am Ende etwa 25 Amateurdarsteller aus Mali, Eritrea, Palästina, Syrien, Russland und Deutschland im Alter von acht bis 73 Jahren seit Oktober 2015 erarbeitet haben, zeigen sie in drei Vorstellungen im THEAterOben. Die im Theaterfoyer aufgebaute Fotodokumentation ist mehr als eine sehenswerte Begleitung dazu, sie ist vielmehr eine Ergänzung. Manches Bild werde nämlich erst durch Szenen auf der Bühne tiefer verständlich und auch umgekehrt, ist Crispien überzeugt. Da ist zum Beispiel der Asylbewerber Abdoulay Fadin Koumare aus Mali, der bereits bei der Arbeit auf der Probebühne durch sein besonderes komödiantisches Talent aufgefallen ist. Auch das Lichtbild spiegelt – auf den ersten Blick – vor allem diese Seite des Mannes. Dann aber wird auch die dahinter liegende tiefe Traurigkeit in seinen Zügen wahrnehmbar. Vage Umrisse deuten eine Übung der Akteure zum Thema Begegnungen an. Deutlich umrissen ist lediglich eine Hand im Rücken einer Gestalt, die angesichts einer erkennbaren Konfrontation von vorne Sicherheit vermittelt. Drei Frauen, die ihre Hände in den Schoß gelegt haben. Keine Gesichter dazu. Sind es deutsche Frauen? Sind es syrische Frauen? Ist es wichtig? Als eines seiner „Top-Bilder“ bezeichnet Crispien mehrere sich einander entgegenstreckende Hände, „weil es viele Ebenen anspricht“: Geben, Nehmen, Begrüßen, Helfen, Kommunikation....

Wie in den Bühnenszenen, steckt in den Fotografien der „Geist des Theaterprojekts“, wie Crispien es nennt. „Leichtigkeit“, aber auch „Begegnung“, Dinge, die in einer Improvisation zusammengeführt würden. Entstanden sind sie in drei Räumen – im Haus International, im THEaterOben und in der Theaterwerkstatt. „Johanna hatte keine Vorstellung“ im Vorfeld, so dass die Dinge und Ideen einfach entstanden seien. Was motiviert die meist durch ihre ehrenamtlichen Betreuer zum Mitmachen animierten Flüchtlinge? Der Äthiopier Fseha Gebremskel findet es zum Beispiel einfach „gut“ mit all den Menschen zusammen im Theaterclub etwas zu machen. Zusammen mit dem Eritreer Henuk Testay, der seinem jüngeren Bruder nacheifert, der in Eritrea regelmäßig auf der Bühne stehe „und alle zum Lachen bringt“, kommt er regelmäßig aus Oberstaufen zu den Proben nach Kempten. Dem in Kempten lebenden Syrer Ben Yameen Alsalibi macht es Spaß auf der Bühne zu stehen, sein Deutsch dabei zu üben und – wer weiß – vielleicht ja auch „entdeckt“ zu werden, wie er scherzhaft andeutet. Sucht man nach weiblichen Flüchtlingen wird es allerdings eng. Mit Sadika Msallam findet sich lediglich ein Name auf der Besetzungsliste.

Es ist ein vielschichtiges und ambitioniertes Projekt, wie sich nicht nur in den thematisch bunten Szenen zeigt. Auch in den privaten zwischenmenschlichen Beziehungen der Darsteller untereinander hätten sich allerlei schöne Konstellationen ergeben, erzählt Crispien von Liebesbeziehungen ebenso wie von Freundschaften, dem Selbstverständnis sich gegenseitig zur Hand zu gehen oder einfach füreinander da zu sein. Seines Erachtens sollte es „auf der ganzen Welt so laufen“, dass die gemeinsamen Interessen uns „friedlich zusammenführen“.

Neben den Aufführungen am Freitag, 3. Juni, 20 Uhr; Samstag, 4. Juni, 19 Uhr sowie am Sonntag, 05. Juni, 16 Uhr, gibt es am Dienstag, 31. Mai um 18.30 Uhr ein TheaterInterKulturCafé. Achim Crispien wird dann auch durch seine Fotodokumentation führen.

Christine Tröger

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