"Im Theater ist was los"

Schade für alle, die nicht dabei waren, denn im Theater in Kempten (TiK) war was los. Knapp 400 begeisterte Zuschauer erlebten die Premiere von Georg Kreislers legendärem Musical für eine Schauspielerin „Heute Abend: Lola Blau“. In der gelungenen Inszenierung von Peter Baumgardt, Künstlerischer Direktor des TiK, führte die brillante Claudia Graue als Lola das Publikum durch ein Wechselbad von Komödie bis Tragödie, voll des typisch Kreisler’schen schwarzen Humors. In spielerischer Interaktion mit dem hervorragenden Markus Syperek am Piano bewiesen beide ihre Fähigkeit, den Spannungsbogen des in jeder Hinsicht anspruchsvollen Musicals bis zum Ende zu halten.

Wenngleich das Stück im Theatermilieu in der Zeit des Dritten Reichs angesiedelt ist, mangelt es ihm weder an Aktualität noch an Parallelen zur Welt jenseits der Bühne: Der Freude der jüdischen Schauspielerin Lola über ihr erstes Engagement in Linz wird jäh durch Hitlers Einmarsch ein Ende gesetzt. Als Nachtklubsängerin tingelt sie durch die Schweiz, die sie ebenfalls bald verlassen muss. In die USA emigriert, avanciert sie zum Sexsymbol und macht Karriere. Dennoch einsam und unglücklich flüchtet sie sich in Alkohol. Ein Anruf ihrer alten Liebe Leo erreicht sie nach Hitlers Tod und sie beschließt, nach Österreich zurückzukehren. Allein die Menschen dort haben sich nicht verändert und so sagt sie der glamourösen Bühnenwelt Lebwohl, um sich fortan dem politischen Kabarett zu verschreiben. Glaubhaft schlüpfte Graue in die facettenreichen Gefühlsebenen, die den Weg der naiv unpolitischen zur abgeklärt hinterfragenden Lola Blau zeichnen. Nuanciert beherrschte sie den schwierigen Spagat, das gesamte Spektrum zwischen Sing-Sprechstimme und voluminösem Musicalgesang abzudecken. Frivol kokettierte sie mit dem Publikum, während sie in „Die Wahrheit vertragen sie nicht“ mit den Männern abrechnete. Spöttisch ließ sie sich auch ebenso schwungvoll über „den zweitältesten Frauenberuf der Welt“ aus, den der Dame. Stürmischen Beifall erntete sie für „Im Theater ist was los“, einer der Höhepunkte des Abends, in dem sie ihre ganze Wandlungsfähigkeit zeigen konnte. Wieder in Wien versucht Lola darin den Theaterdirektor beim Vorsingen zu überzeugen und zieht alle Register: Verführerisch à la Paris, wienerisch, berlinerisch und sogar ungarisch, was der dahinter stehenden Verzweiflung nicht nur durch die wechselnden Akzente eine herbe Komik verlieh. Das Groteske von Situationen wurde durch historische Ton- und Filmeinspielungen bisweilen auf die Spitze getrieben. „Davon geht die Welt nicht unter“ erklang unschuldig vom Band, während Lola die Koffer in der Schweiz packen muss – nur einer von vielen heiteren Gassenhauern alter Tage, die zu Bildern von Bomben und Zerstörung liefen. Wahrlicher Kraftakt Das weitgehend gleich bleibende Bühnenbild – wie auch die Videos von Héctor Solari – eines Hotelzimmers versinnbildlicht geradezu die Unveränderlichkeit von Menschen als auch das von Ort zu Ort getriebene Leben der Protagonistin. Die wenigen Monologe anderer Personen erscheinen als Videoprojektionen. Bis auf seltene kurze Szenen mit Syperek verzichtet die Inszenierung auf Nebendarsteller. Nur wenig Zeit blieb Graue, um zwischendurch Luft zu holen. Ein Kraftakt, der ihr mit Bravour gelang und mit tosendem Applaus für sie, Syperek und das Team um „Heute Abend: Lola Blau“ belohnt wurde. Weitere Vorstellungen gibt es am 19. und 21. Dezember im Theater in Kempten. ct

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