Der rote Faden fehlt

Lustig, leidlich, langweilig

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Bei der Premiere von „Nur über unsere Leiche“ geht alles barfuß über die Bühne. In der Schlussszene interviewt die Jugendzeitschriftreporterin Sandra Lobenstein (Theresa Tögel) die Ruheständler Kurt Schwarz (Benno Glas) und Gundula Jahreisen (Hanni Ruppert), die inzwischen geheiratet haben. Enkelin Julia Jahreisen (Marie Stenger) liegt ihrer Großmutter zu Füßen.

Kempten – Groß waren die Erwartungen an das Erste Allgäuer Seniorentheater nach dem Überraschungserfolg von „Der rote Schal“ im November 2012. Mit der Produktion „Nur über unsere Leiche“ wollten die Theatertherapeutin Johanna Hartmann und ihr Team an diesen Erfolg im Theater in Kempten anknüpfen.

Doch die Premiere am Donnerstagabend war durchwachsen. Das lag nicht am überwiegend guten Darstellerensemble, sondern an der Zähigkeit der Handlung.

Abermals ließ Hartmann die Biografien der Laienschauspieler in das Stück einfließen. Der Anfang erscheint noch vielversprechend. Nach und nach treten die acht weiblichen und zwei männlichen Bewohner einer Alters-WG zur Morgengymnastik an. „Ich bin ganz bei mir“, sagt Elisabeth von Fürs-tenberg, die laut Programmheft eine „vornehme Schlampe“ ist. Sie holt tief Luft und meint: „Ich liebe das Atmen mit euch.“ – „Von mir aus könntest Du ruhig damit aufhören“, antwortet Kurt Schwarz, der ernsthafte Komiker. Eine andere Dame atmet in diesen Momenten schon länger nicht mehr: Susanne Brunnenstein, Villenbesitzerin und Gründerin der WG. Sie schrieb den Bestseller „Wahrhaftigkeit als Schlüssel zur Gemeinschaft“. Das Buch enthält zehn goldene Regeln der Wahrhaftigkeit, die das Zusammenleben in der Senioren-WG bestimmen sollen.

Dass Susanne tot ist, wissen ihre „lieben Mitbewohner“ anfangs noch nicht. „Oh Susanne, schläfst du noch“, singen sie gemeinsam. Als sie die Autorin leblos in deren Bett finden, sitzt der Schock tief. Vor allem Gundula Jahreisen, Kurts heimliche Geliebte, ist traurig und entsetzt. Unter dem Bett der Toten finden die Senioren den Schierlingsbecher, durch den Susanne „wie Sokrates“ aus dem Leben schied. Allerdings trank sie das Gift im Gegensatz zu dem antiken Philosophen freiwillig. Das verrät der Abschiedsbrief, den die WG-Senioren ebenfalls finden. Brunnenstein war demnach schwer krank. Mit ihrem Tod fallen auch die monatli-chen „Finanzspritzen“ weg, mit denen sie ihre Mitbewohner unterstützte.

Zu allem Übel tauchen immer wieder Sandra Lobenstein und Sebastian Grünspan auf, Journalisten des Jugendmagazins „Live it up“. Sie wollen Susanne unbedingt interviewen. In einem Lied fragen sich die betagten Damen und Herren, wie es weitergehen soll. Beim gemeinsamen Sport auf dem Ergometer hoffen sie, die Lösung zu finden. Doch als skurrile Ideen wie ein „begehbarer Kühlschrank“ auftauchen, wirft der jugendliche WG-Praktikant Alex Friedrichs das Handtuch in Form seiner gelb-schwarz gestreiften Bienchenküchenschürze. „Ihr könnt mich alle mal“, ruft er. Die ratlosen Senioren treffen sich schließlich zur Gruppensitzung, wo die zielstrebige Frau Elvira Globenstein die anderen mit Themenvorschlägen wie „Gerüche im Haus“ nervt. Sie wollen sich lieber über Susannes Leiche unterhalten.

Das Ableben der WG-Gründerin beschäftigt vor allem den Praktikanten Alex. Als die drei Enkeltöchter einzelner WG-Damen als Honigbienen verkleidet erscheinen, setzt er sich mit ihnen an den Bühnenrand, um sie behutsam über Susannes Tod aufzuklären. Das war eine der wirklich starken Szenen des Premierenabends. Die Jugendlichen setzen sich ernsthafter mit dem Thema Sterben auseinander als die „Alten“.

Spiel soll entscheiden

Nach der Pause, in der Susannes „Leiche“ abtransportiert wird, sinkt das Niveau weiter. Die WG-Senioren haben den kollektiven Selbstmord beschlossen. Nur über die Art und Weise ist man uneins. Elisabeth plädiert für Schlaftabletten, Helene Talbert, die gesundheitsbewusste Sportlerin, für Gift, Kurt für den Dolch, das gestandene Weib Jenny Sullivan für eine Überdosis Whiskey, andere sprechen sich für Gas aus. Katharina Finkbeiner, die missionierende Lehrerin, hätte vorher noch gern dem anteilnehmenden Helden Georg Siegtaler ihre Liebe gebeichtet. Das Spiel „Reise nach Jerusalem“ soll die Entscheidung bringen, aus dem Jenny als Siegerin hervorgeht. „Das heißt, wir saufen uns zu Tode“, sagt Elvira. Jenny und die anderen entscheiden sich letztlich um und möchten doch weiterleben.

Es wird dunkel auf der Bühne, die Jugendzeitschriftreporter überfallen das Publikum mit hochphilosophischen Fragen zum Thema Wahrhaftigkeit wie „Welche Körperhaltung verbinden Sie mit der Lüge?“ Oft blei-ben die Antworten aus. Das Geschehen verlagert sich für die Schlussszene wieder auf die Bühne. Kurt und Gundula haben geheiratet, die drei Enkel-töchter versprechen ihren Großmüttern die Treue. Alle wollen „im Einklang mit der Natur“ leben. Elisabeth liest aus dem Bestseller der verstorbenen Susanne vor. Dr. Rainer Schmid singt eindrucksvoll den Hit „Heute hier, morgen dort“ von Hannes Wader und begleitet sich selbst am E-Piano.

Schmid und der Saxophonist Ben Beucker kümmerten sich um die Live-Musik an diesem Abend und zeigten eine starke Leistung. Dasselbe gilt für die Darsteller Erika Gäble als Elisabeth, Benno Glas als Kurt, Rudi Köppl als Georg, Hanni Ruppert als Gundula, Hanna Laser als Jenny, Inge Ritter als Elvira, Gudrun Schollenbruch als Katharina, Mario Lauria als WG-Praktikant Alex sowie Carolin Dorn, Marie Stenger und Lara Scheifele als Enkelkinder. Auch Maria-Jörg Hartmann als Helene und Theresa Tögel als Sandra Lobenstein wussten zu überzeugen. Die anderen Darsteller blieben dagegen blass oder waren wegen ihrer undeutlichen Aussprache schwer zu verstehen.

Das größte Manko bleiben jedoch das Stück und dessen Bearbeitung. Es ist weder Lust- noch Trauerspiel, keine Tragikomödie und ebenso wenig eine schwarze Komödie. Einzelne Charaktere sind nicht genug herausgearbeitet. Nach dem Erfolg von „Der rote Schal“ fehlt dieser Theaterproduktion der rote Faden. Eigentlich schade.

Franziska Kampfrath

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