Innenminister begeistert vom Allgäu

Festwocheneröffnung im neuen Stil

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Der neue Schwaben IHK-Präsident Hans-Peter Rauch (links) unterhielt sich mit OB Thomas Kiechle über Tradition und Innovation.

Kempten – Unter dem Motto: „Unsere Allgäuer Festwoche: Tradition erhalten – Neues gestalten“ war es vergangenen Samstag nach 18 Jahren OB Dr. Ulrich Netzer als Hausherr, nun als Präsident des Bayerischen Sparkassenverbandes zu Gast, nicht nur ein neues Gesicht, das im brechend vollen Kornhaus hunderte von Gästen und Innenminister Joachim Herrmann als Festredner begrüßte.

Auch durch die Veranstaltung zur Eröffnung der 65. Allgäuer Festwoche selbst wehte mit OB Thomas Kiechle auf der Bühne ein frischer Wind. Die Frage „kann er’s oder kann er’s nicht“, darf jedenfalls getrost mit: „Ja, er kann’s“ beantwortet werden.

Ein Novum auf der Bühne stach sofort ins Auge. Die Frau an Kiechles Seite. In diesem Fall allerdings nicht seine Ehefrau, die sich zuvor bei der persönlichen Begrüßung der Gäste als charmante Gastgeberin gezeigt hatte. Die Rede ist von der Dolmetscherin für Gebärdensprache Ute Fieger, die das gesamte Programm begleitet, „da wir dieses Jahr unter unseren Gästen gehörlose Menschen haben“, wie Kiechle aufklärte. Es sei „ein Zeichen für Inklusion , für unsere Bemühungen zur Integration und Teilhabe aller“, meinte er.

Kurzweilige Interviews

Ein weiteres Novum: Neben dem Rahmenprogramm mit der Bläserformation „Quattro Poly“, den „Wertacher Singföhla“, der Stadtkapelle Kempten und der Sängerin Gertrud Hiemer-Haslach, lockerte Kiechle seine Begrüßung durch kleine, kurzweilige Interviews mit Vertretern unterschiedlicher Bereiche auf. So war vom Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dr. Gerd Müller, unter anderem zu erfahren, dass Bilder von Schloß Neuschwanstein nicht nur in Japan zu finden seien, sondern er auch eines in einem Krankenhaus in Moldawien an der Wand hängend gesehen habe. An die Festwochenbesuche seiner Kindheit mit der Familie erinnerte er sich noch lebhaft und erzählte von seinem Vater, der die Landwirtschafts-Maschinen anschaute, der Mutter, die die Nähmaschinen in Augenschein nahm – und keine bekam – und daran, dass die Kinder jedes Jahr „a Goisl“ bekamen zum Vieh treiben.

Als „Glanzpunkt im Jahr“ bezeichnete der neue Oberallgäuer Landrat Toni Klotz die Allgäuer Festwoche, die er in Kindheitserinnerungen schwelgend mit drei Schlagworten verband: „Prospekte“ – „ich habe als Kind immer zwei bis drei Kilo davon gesammelt“, „Wurstsemmel“ mittags im Bierzelt und „Glücksrad“, das ihn an eine eher unglückliche Geschichte um einen Teddybären und seine Schwester erinnerte, bei der er erfahren habe, „wie stur Allgäuer ‚Föhla’ sein können“. Er bestätigte dem Kemptener Stadtoberhaupt die gute Zusammenarbeit und versprach, auch nach 65 Jahren den Slogan „Stadt und Land, Hand in Hand“ weiter pflegen zu wollen, unter anderem durch die weiterhin enge Zusammenarbeit verschiedener Zweckverbände.

Gut aufgestellt

„Nix gsagt isch globt gnua“ sei nicht immer die richtige Grundhaltung, um die Vorzüge einer Region herauszustellen schwenkte Kiechle elegant auf das Thema Wirtschaft. Als ein herausragendes Merkmal sah er, „dass 147 Allgäuer Kommunen eine durchschnittliche Arbeitslosenquote von drei Prozent aufweisen“. Dennoch, mahnte er, müsse man die wirtschaftlichen Risiken im Blick behalten. Eine zentrale Frage sei dabei, „wie wir an Robustheit, an Widerstandskraft, an Stabilität und insgesamt an Nachhaltigkeit gewinnen.“ Neben den Wegbereitern „Bildung, Ausbildung, Studium, Weiterbildung, Fachwissen und Expertentum“ hielt er den Allgäu Airport für die „weiterhin erfolgreiche Entwicklung der Region für „unverzichtbar“, weshalb er seinen Dank für die jüngst zehn Millionen Euro staatlicher Unterstützung für den Flughafen an Innenminister Joachim Herrmann richtete.

Weder im Handwerk noch angesichts des Wandels der Festwoche vom Schwerpunkt Landwirtschaft zu Wirtschaft sah Hans-Peter Rauch, frisch gewählter Präsident der Handwerkskammer Schwaben, einen „Widerspruch zwischen Tradition und Innovation“. Das Problem Glücksrad und Schwester scheint er damals jedenfalls besser gelöst zu haben als Toni Klotz, wie aus dem leider etwas verspäteten Tipp Rauchs ersichtlich war.

Für Kiechle sind „Kultur, Kunst und Musik“ Bereiche, „die das Wesen eines Menschen ganz maßgeblich prägen“. Auch bei der Festwoche habe von Anfang eine Kunstausstellung dazu gehört, die seit 1949 jährlich mit dem Berufsverband Bildender Künstler (BBK) Schwaben-Süd durchgeführt werde. BBK-Vorsitzender Gerhard Menger hob die „auch im Allgäu unglaublich große, facettenreiche Kultur“ hervor, die es nicht nur auf der Festwoche gebe. Einen „sehr engen Bezug“ sah er zwischen Kunst und Jugend. Denn „Bildende Kunst eckt an und Jugend eckt auch an“ in ihrer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen, wofür beide auch gebraucht würden.

Durchaus selbstironisch zeigte sich ein launiger Innenminister Joachim Herrmann in seiner Festrede und nannte als einen von drei Gründen, warum er heute hier sei, „weil der neue Oberbürgermeister im Gegensatz zu seinem Vorgänger versprochen hat, mich nicht zu bitten einen Bagger zu besteigen“. An Lob fürs Allgäu sparte er nicht, das eine „aufsteigende Region“ sei in der Landkreise und Städte „gut aufgestellt sind“. Bayern werde alles dafür tun, die bäuerlichen Landwirtschaft des Allgäus nicht auf dem Altar der EU zu opfern, wie er versicherte. Er versprach den vierspurigen Ausbau der B12 voranzutreiben, sich für die Elektrifizierung der Bahn im Allgäu – der „größten Dieselinsel“ – stark zu machen und auch den Allgäu Airport weiterhin „mit Nachdruck zu unterstützen“. Zudem werde das Allgäu bei der Mittelvergabe für die Städtebauförderung „nicht zu kurz kommen“, wie er verkündete.

Einen „großartigen Job“ attestierte er der hiesigen Polizei, der es zu verdanken sei, dass die Sicherheit „im Allgäu noch besser ist als im restlichen Bayern“, selbst wenn man „manchmal auch in den eigenen Reihen aufklären muss“, spielte er nach Polizeipräsident Hans-Jürgen Memel Ausschau haltend in flockigem Ton auf die Kokain-Affäre an. Eins aber stand für Herrmann fest; „Egal wohin man blickt, das Allgäu ist gut aufgestellt.“

Christine Tröger

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