Von Zukunftsangst und Familienzusammenhalt – Simon Schnetzer aus Kempten führt derzeit seine dritte bundesweite Studie durch

Wie tickt eigentlich die junge Generation von heute?

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Tourstart im Allgäu: Für seine Studien war der Kemptener Simon Schnetzer in ganz Deutschland unterwegs, um Interviews zu führen und Studienpartner zu treffen.

Kempten – Mit seinem Fahrrad ist Simon Schnetzer aus Kempten im Jahr 2010 erstmals auf Deutschlandtour gegangen, um Interviews für seine Studie „Junge Deutsche“ zu führen. Vom Allgäu aus ging es bis nach Norddeutschland und wieder zurück. Aktuell läuft seine bereits dritte Studie, die im kommenden Jahr veröffentlicht werden soll. Wie aus reinen Zahlen am Ende Geschichten und wichtige Erkenntnisse werden, hat er im Interview mit dem Kreisbote erklärt.

Wann und warum haben Sie angefangen, Studien durchzuführen?

Simon Schnetzer: „Ich habe die erste Studie im Jahr 2010 betrieben, um aus Sicht junger Menschen Politik zu beeinflussen und die Gesellschaft auf den Prüfstand stellen. Zwei Monate lang bin ich damals mit meinem Fahrrad quer durch Deutschland gefahren, von Kempten über Berlin, zur Ostsee und Nordsee und wieder zurück ins Allgäu. Ich habe damals überall selbst die Befragungen bei Wegrand-Interviews durchgeführt.“

Was hat sich seit der ersten Studie an Ihrer Vorgehensweise geändert?

Schnetzer: „Am Anfang habe ich selbst darauf geachtet, dass ganz viele Menschen mitmachen. Aber mir war klar, dass ich mich allein nicht darum kümmern kann, dass für alle jungen Leute die Welt verbessert wird. Weltverbesserung klingt so groß, aber tatsächlich ist es ja die eigene Lebenswelt, auf die die Stadt, die Bildungseinrichtungen, Vereine und Unternehmen Einfluss haben. Mein Ziel war daher eine Veränderung zumindest auf lokaler Ebene. Also habe ich versucht, dass es künftig Stadtstudien gibt, so wie schließlich in Kempten im Jahr 2013.“

Haben sich an den Stadtstudien dann lokale Akteure beteiligt?

Schnetzer: „Genau, ich habe also Engagierte gesucht, die ihre eigene Studie auf lokaler Ebene durchgeführt und im Anschluss die Ergebnisse bei ihrem Bürgermeister präsentiert haben. Da konnte ich dann als Unterstützer dabei sein, aber habe andere Leute an der Studie beteiligt. Leider ist es in einigen Städten wieder verlaufen. Das war für mich natürlich schade und ich wollte es besser machen und es schaffen, dass die Leute künftig dran bleiben.“

Haben Sie das geschafft?

Schnetzer:  „Zwischenzeitlich hatte ich mich als Vortragsredner und Trainer für das Thema Junge Generationen positioniert und habe Unternehmen und Regionen geholfen, junge Leute zu finden, zu motivieren und zu binden. Ehrlich gesagt, wusste ich aber nicht so richtig wie ich die Studie weiterentwickeln kann. Ich konnte nicht noch eine dritte Studie aus Ersparnissen finanzieren und hoffen, dass danach etwas bewegt wird. Dann kamen aber Anfragen beispielsweise von Unternehmen, die Studien auch zu personalisieren und in einem kleineren, speziellen Kreis an Mitarbeitern durchzuführen.“

Welche Fragen werden in Ihren Studien gestellt?

Schnetzer:  „Es fängt mit demographischen Fragen zu Alter, Geschlecht, Region und Bildungsgrad an. Dann folgen Fragen zur Lebenssituation. Mit der Frage zur aktuellen Beziehungsphase beispielsweise kann ich die Lebensphase verstehen und erkennen, ob Die- oder Derjenige sich noch in der Schulphase befindet und damit stationär an die Region gebunden ist, weil die Eltern dort leben, oder ob sich die Person schon in der Ausbildungsphase befindet und dadurch zwar bereit wäre die Heimat zu verlassen, aber das notwendige Geld fehlt. In der Berufsphase sind die jungen Menschen dann total mobil, wenn sie Single sind. In einer festen Partnerschaft sind dann schon zwei Personen an der Entscheidung über den Wohnsitz beteiligt, in der Kinderphase folgt dann der Nestbau. Mit Hilfe der Fragen nach Beziehungsstatus und schulischer/beruflicher Situation kann man also sehr viel erfahren.“

Wie kann eine Region oder ein Unternehmen das Ergebnis dieser Fragen sinnvoll nutzen? 

Schnetzer: „Meine Studienpartner wollen verstehen, was die junge Generation (Y und Z) will. Wenn ich verstehe, wie zufrieden jemand in der Lebensphase mit Grundparametern in der Stadt oder in der Arbeit ist, kann ich relativ viel damit arbeiten. Sobald jemand seine Grundbedürfnisse vor Ort decken kann, habe ich als Kommune oder Unternehmen ziemlich gute Chancen Denjenigen zu halten und zu binden. Die Erkenntnisse und Zahlen der Studie fließen aber auch in meine Workshops und Vorträge mit ein. Ich nehme sozusagen eine Mittlerrolle zwischen den Bedürfnissen der jungen Generation und den Unternehmen, Behörden und Regionen ein. “

Haben Sie Zahlen schon immer fasziniert?

Schnetzer: „Ich habe Volkswirtschaft studiert und fand Statistiken nicht so spannend, aber jetzt habe ich die Zahlen mit Geschichten verknüpft und finde es richtig interessant. Anfangs hat man bei der Auswertung einen allgemeinen Wert, aber wenn man sich die Ergebnisse einzeln ansieht, erkennt man, wie stark die Antworten bei den Altersgruppen doch variieren. So werden die Daten plötzlich interessant. Wenn ich jemanden beraten soll, ob das Einrichten eines Facebook-Kanals sinnvoll ist, muss erst geklärt werden, wer damit erreicht werden soll und in welchem Alter und in welcher Lebensphase sich die Zielgruppe befindet.“

Welche Rolle spielen Kommunikation und Smartphone heute?

Schnetzer: „Das Telefon/Handy/Smartphone dringt in immer mehr Lebensbereiche vor und Kommunikation besteht heute nicht mehr nur aus Telefonieren und SMS, sondern hat so viel mehr Möglichkeiten zu bieten, wie beispielsweise Live- und Team-Chats. Dadurch verschwimmen auch die Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit immer mehr.“

Ihre aktuelle Studie Junge Deutsche 2017 läuft noch. Können Sie in den Antworten bisher schon Tendenzen sehen, wie die junge Generation aktuell tickt?

Schnetzer: „Das Thema Leistungsdruck scheint auch wie in den letzten Studien konstant hoch zu sein. Die Bedeutung von Zusammenhalt in der Familie ist gestiegen, das mag auch damit zusammenhängen, dass viele der bisherigen Teilnehmer aus ländlichen Regionen kommen und dort der Zusammenhalt generell noch wichtiger ist als in größeren Städten. Je stärker wir uns digitalisieren und je weniger Kontakte, die wir pflegen, im alltäglichen Leben greifbar sind, desto mehr wird die Familie als Anker und Stabilität im Leben gesehen. “

Was beschäftigt die Teenager?

Schnetzer: „Bei den 14- bis 17-Jährigen ist Zukunftsangst ein großes Thema, weil alles so unsicher wirkt, und sie heute so viele Möglichkeiten haben, dass nicht die Vielfalt geschätzt wird sondern vielmehr die Angst dominiert, sich falsch zu entscheiden. Die Schwierigkeit Entscheidungen zu treffen geht fast Hand in Hand mit der Angst vor der Zukunft.“

Wie unterscheidet sich die Kemptener Jugend im deutschlandweiten Vergleich?

Schnetzer: „Das soziale Engagement ist deutschlandweit gesehen stärker ausgeprägt als in Kempten, hier ist der familiäre Zusammenhalt dafür wichtiger. Die größeren Städte haben weniger von starken Bindungsfaktoren, da bildet sich eher ein Miteinander unter Freunden stärker aus. “

Was konnte mit der Kemptener Studie von 2013 bewegt werden?

Schnetzer: „Als Ergebnis von dieser Studie wurden die Wahlprüfsteine – Anfragen von Interessenverbänden und die darauf erfolgten Antworten der befragten Parteien, die vor Wahlen veröffentlicht werden und politische Entscheidungen beeinflussen sollen – für die Landtagswahlen 2013 gestellt. Der Stadtjugendring hat damals auch nachverfolgt, welche dieser Wahlprüfsteine schließlich von Politikern umgesetzt wurden. Konkret eingeflossen sind damals die Ergebnisse z.B. bei den Wahlprüfsteinen Nr. 13, 14, 15, 16, 21 – jedoch in einer pädagogischen Auswertung der Themen/Bedarfe bezüglich ÖPNV, Leistungsdruck, Übergang von Schule zu Beruf. Die Studie war so gesehen die informative Unterfütterung für die Frage nach den Bedürfnissen der jungen Menschen und ist dann konkret umgesetzt worden. Für mich natürlich ziemlich cool, wenn diese Ergebnisse dann nicht nur als Zahlen auf dem Bildschirm zu sehen sind, sondern wirklich etwas damit passiert.“

Waren Sie für Ihre aktuelle Studie wieder auf Tour?

Schnetzer: „Diesen Sommer war ich etwa sieben Wochen in Deutschland unterwegs und habe dieses Mal aber hauptsächlich Studienpartner, also beispielsweise Unternehmen oder Regionen, die mit der Studie ihre jungen Beschäftigten oder Bewohner befragen, getroffen. Unterwegs habe ich aber trotzdem Interviews geführt.“

Worauf lag der Schwerpunkt in Ihren Befragungen?

Schnetzer: „Ich hatte auf meiner diesjährigen Tour bestimmte Tagesthemen, beispielsweise Werte oder Mobilität. Beim Thema Mobilität bin ich mit dem Flixbus von Kempten nach Berlin gefahren, um selbst verschiedene Mobilitätsformen auszuprobieren. Auf dem Weg dorthin habe ich mich dann mit einem Mikrofon in den Bus gestellt und die Mitfahrer gefragt, warum sie denn Flix-bus fahren. Es kamen dann so überraschende Antworten wie „Ich fühl mich im Bus sicherer als in der Bahn“. Aber genau deshalb führe ich die Interviews: um die verschiedenen Sichtweisen der Menschen kennenzulernen. Die Ergebnisse der Tagesthemen habe ich dann in meinem Blog aufbereitet.“

Wann kann man mit der Veröffentlichung der neuen Studie rechnen?

Schnetzer: „Ich plane die neue Studie ‚Junge Deutsche 2017 – die Lebens- und Arbeitswelten der jungen Generation in Deutschland‘ Ende Januar 2017 zusammen mit den Meinungsforschern von aserto aus Hannover herauszugeben. Dieses Mal sind übrigens zwei Sachen neu: Zum Einen kann jeder Studienteilnehmer direkt nach der Onlineteilnahme die Ergebnisse der Gesamtstudie einsehen und zum anderen führen wir zusätzlich eine Repräsentativbefragung durch. So können wir mit Studienpartnern immer auch den deutschlandweiten Vergleich beleuchten.“

Wer zwischen 14 und 39 alt ist, kann im Internet unter www.jungedeutsche.de noch an der aktuell laufenden Studie Junge Deutsche 2017 teilnehmen.

Von Lea Stäsche

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