"Es werden mehr gesunde Tiere mit Antibiotika behandelt, als kranke Menschen"

Tödliche Fleischeslust

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Seit Jahren ein Team, wenn es um den Kampf zum Stopp der Massentierhaltung geht: die Referentin des Abends Angelika Demmerschmidt (l.), Communication Managerin von Prof. Dr. Klaus Buchner, ÖDP, MEP, Michael Finger (M.), stellvertretender Vorsitzender der ÖDP Oberallgäu, und Michael Hofer (r.), Vorsitzender der ÖDP Oberallgäu.

Sulzberg – Fast täglich nehmen Menschen Fleisch als Nahrung zu sich. Und das nicht nur in westlichen Ländern sondern zunehmend auch in Schwellenländern wie China oder Indien. Diese international erhöhte Nachfrage nach Fleisch hat weitreichende Folgen und lässt sich fast nur noch über eine agroindustrielle Fleischproduktion bedienen. Massentierhaltung mit entsprechender ausgeweiteter Futtermittelherstellung und ungenügender Verklappung der entstehenden Gülle hat negative Folgen für die Menschen, die Tiere und die Natur.

Über diese negativen Auswirkungen eines weltweit exzessiv gestiegenen Fleischkonsums sprach am vergangene Woche Angelika Demmerschmidt im Auftrag des Europaabgeordneten der ÖDP, Prof. Dr. Klaus Buchner, im Gasthof „Zum Hirsch“ in Sulzberg zu Besuchern der Veranstaltung „Klaus graust‘s“. Eingeladen zur Veranstaltung hatte die ÖDP Kempten-Oberallgäu und so war es Stadtrat Michael Hofer aus Kempten, der die zahlreichen Gäste am Abend begrüßte und die Referentin des Abends vorstellte.

Kernthema des Abends war die von Antibiotika resistenten Keimen ausgehende Gefahr für Mensch, Tier und Natur. Eine Fleischproduktion, die rein auf Masse angelegt ist, benötigt zwangsläufig eine Massentierhaltung, bei der viele Tiere der gleichen Art in großer Zahl bei hoher Dichte und mit möglichst wenig individuellem Bewegungsraum gehalten und gemästet werden. Das führt zwangsläufig zur Gefahr, dass einzelne, erkrankte Tiere unmittelbar ihre Artgenossen mit gefährlichen Keimen infizieren können. Um dieser Gefahr vorbeugend entgegenzuwirken, wird in der modernen Massentierhaltung den „Fleischlieferanten“ Antibiotika und sogar Reserveantibiotika in hohen Dosen verabreicht. Reserveantibiotika sind Antibiotika, die bei Menschen nur bei schwerwiegenden Erkrankungen eingesetzt werden dürfen.

"Der Stall rächt sich"

Da in der Massentierhaltung vermehrt Antibiotika prophylaktisch verabreicht werden, kommt es bei den Tieren zunehmend zur Bildung von multirestistenten Tierkeimen, die auch auf den Menschen übertragbar sind. So wurde durch Studien festgestellt, dass unter anderem Landwirte und Tierärzte oftmals mit diesen Antibiotika resistenten Keimen infiziert wurden. Werden diese Keime dann von Mensch zu Mensch übertragen, können gesundheitlich angeschlagene Menschen durch diese lebensbedrohlich erkranken – an Krankheiten, bei denen dann keine Antibiotika mehr helfen können. So belegt eine aktuelle Studie, dass jährlich rund 700.000 Menschen weltweit durch Antibiotika resistente Keime sterben, eine Zahl die laut Experten im Jahr 2050 auf zehn Millionen ansteigen könnte.

„Die Rache aus dem Stall“, so zitiert Angelika Demmerschmidt die Schlagzeile der Tageszeitung „Die Zeit“ zu diesem Thema. Daher fordert die Referentin gemeinsam mit ihrem Mentor Prof. Dr. Klaus Buchner ein schnelles Handeln, denn „…wenn jetzt nicht schnell etwas unternommen wird, könnten nach einer Studie des Universitätsklinikums Charité bald weltweit mehr Menschen an Antibiotika resistenten Keimen sterben als an Krebs.“

Viele Profiteure

„Der Fehler liegt im System“, so Demmerschmidt, denn in Deutschland fungiert der Tierarzt zugleich als Arzt wie Apotheker. Nutznießer dieses Umstandes ist unter anderem die Pharmaindustrie, die neben der industriellen Fleischproduktion, ein großes Interesse an möglichst hohem Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung hat, gilt doch hier wie da die Maxime, den internationalen Märkten Billigfleisch zu Dumpingpreisen zu generieren. Ein solches System, das auf Masse statt Klasse zielt, benötigt Unmengen von Futtermitteln für die Tiermast. Futtermittel, die heutzutage vielfach aus genetisch verändertem Soja oder Mais bestehen und deren Einsatz in der modernen Tiermast mit einem enormen Flächenverbrauch einhergeht. So werden unter anderem in Südamerika riesige Urwaldflächen gerodet, um Platz für Futtermittelanbau zu schaffen. Auch die enormen Mengen von entstehender Gülle bei der Massentierhaltung stellen ein großes Problem dar, wenn diese, kontaminiert mit multiresistenten Keimen, im Grundwasser versickern.

Aus der Sicht der Referentin stellen die geplanten Freihandelsabkommen CETA und TTIP eine weitere Forcierung des Problems dar, weil großzügige, zollfreie Importquoten für Fleischimporte, zum Beispiel aus Kanada in die EU, aus ihrer Sicht zu noch mehr Fleischkonsum führen könnten. Demmerschmidt rät daher zum Verzicht, spricht den guten alten „Sonntagsbraten“ an, der einmal in der Woche aufgetischt wurde und gibt den Zuhörern die Mahnung mit auf den Weg: „Es werden heute mehr gesunde Tiere mit Antibiotika behandelt, als kranke Menschen.“

Jörg Spielberg

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