Trauriger Spitzenreiter

Christine Räder (v.l.), BN-Geschäftsführerin Ostallgäu, Erich Jörg, Kreisvorsitzender BN Lindau, Thomas Frey, BN-Regionalreferent Schwaben, Richard Mergner, BN-Landesbeauftragter Bayern, Julia Wehnert, BN-Geschäftsführerin Oberallgäu, Joachim Stiba, stellvertretender Kreisvorsitzender BN Unterallgäu, ziehen Bilanz. Foto: Tröger

Mit dem Hinweis, dass die Region Allgäu bayernweit „Spitzenreiter im Flächenverbrauch ist“, brachte Richard Mergner, Landesbeauftragter des Bund Naturschutz (BN), seine Sorge zum Ausdruck, dass das Allgäu durch eine „neue Erschließungswelle“ sein Gesicht verliere. In einer Pressebilanz vergangene Woche in Kempten benannte der BN damit einen seiner Schwerpunkte für das Jahr 2011.

Rund 4000 Hektar sind laut Mergner in den letzten Jahren Allgäu weit für Wohn- und Gewerbegebiete sowie Straßen verbaut worden. Für Touristen sei „die schöne Landschaft“ ein Hauptgrund um ins Allgäu zu kommen, meinte der BN-Regionalreferent für Schwaben, Thomas Frey. Das sieht er durch die „erschreckenden Zahlen“ beim Flächenverbrauch (siehe Infokasten) gefährdet. Rund 50 Prozent der Neubebauungen gingen dabei auf das Konto Wohngebiete. Wegen der bislang nur wenigen Erfolge im Kampf gegen den Flächenverbrauch geht der BN nun auch juristische Wege: Beispielsweise „wurde zum Entsetzen der Gemeinde“ gegen ein geplantes, zwei Hektar großes Gewerbegebiet ohne Anbindung im Außenbereich der Gemeinde Weißensee „Klage eingereicht“, berichtete der BN-Kreisvorsitzende Lindau, Erich Jörg. Außerdem seien Klagen gegen die Bebauung eines Trenngrüns zwischen den Schwangauer Ortsteilen Horn und Altersschrofen im Ostallgäu und eine Gewerbehalle ohne Ortsanbindung im Unterreitnau, Landkreis Lindau, in Vorbereitung. „Sehr kritisch“ sieht der BN auch den Bau der Nordspange in Kempten, den Julia Wehnert, BN-Kreisvorsitzende Kempten-Oberallgäu, vor allem wegen des immensen Flächenverbrauchs und dem Einsatz öffentlicher Finanzmittel als „Brennpunkt“ sah. Erfolg in Immenstadt Als Erfolg verbuchte sie das Ergebnis des Bürgerentscheids zur B-308-Umfahrung in Immenstadt, wo sich der BN und die Schutzgemeinschaft schon seit 30 Jahren für den Landschaftsschutz am großen und kleinen Alpsee engagiere. Ab nächstem Jahr wolle der BN im bereits im Bau befindlichen AlpSeeHaus in Immenstadt mit naturverträglichem Tourismus „mit mischen“. Kritisch betrachtet der BN neue Erschließungswellen im Alpenraum, unter anderem die Pläne für Skigebietszusammenschlüsse am Riedberger Horn, oder in Nesselwang, wo eine Möblierung der Alpspitze mit Aussichtsplattform, Hängebrücke und Zippline droht. Die Beteiligung an einer Klage gegen die geplante Ausweitung der Betriebszeiten des Allgäu Airports in Memmingerberg bis 23.30 Uhr kündigte der stellvertretende BN-Kreisvorsitzende Unterallgäu, Joachim Stiba, an. Allein „was da an Infrastrukturmaßnahmen auf uns zurollen wird, ist ungeheuerlich“, stieß er in das gleiche Horn wie der BN-Landesvorsitzende, der die Verwendung von Steuergeldern dafür als „Skandal“ bezeichnete. Zumal der Flughafen „sein Ziel eigentlich verfehlt“ habe, innerdeutsche Fluggäste ins Allgäu zu bringen. Den Bannwald retten Als „falschen Weg“ in der Allgäuer Landwirtschaft nannte Mergner die zum Teil der Erneuerbaren-Energien-Wirtschaft geschuldete, so genannte Vermaisung der Landschaft. Der immense Anbau von Mais für Biogasanlagen stelle unter anderem eine Gefahr für die Artenvielfalt dar. Ein weiterer BN-Schwerpunkt in 2011 sei deshalb auf europäischer Ebene für eine massive Verlagerung der Fördergelder weg von industriellen Agrarfabriken und Massentierhaltung hin zu Betrieben einer bäuerlichen, ökologischen Landwirtschaft zu kämpfen. In Kaufbeuren im benachbarten Ostallgäu will der BN laut Christine Räder, BN-Geschäftsführerin Ostallgäu, verhindern, dass „der letzte Bannwald abgeholzt wird“. Positive Bilanzen im Rückblick auf 2010 verzeichnet der BN unter anderem beim Moorschutz oder den Biodiversitätsprojekten Löffelkraut- und Bachmuschel. Und auch über mehr Rückhalt in der Allgäuer Bevölkerung kann sich der BN freuen, dessen Mitgliederzahl in den vier Allgäuer Landkreisen im vergangenen Jahr von 9498 auf mittlerweile 9704 Personen gestiegen sei. Die von den Ehrenamtlichen geleistete Arbeitszeit im Jahr 2010 bezifferte Mergner mit „fast 30 000 Stunden“.

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