Bemerkenswerte Details

Ein Kirchturm der Bürger

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Kirchenpfleger Remigius Hiepp führt gerne Interessierte auf den Turm der Lenzfrieder Kirche.

Kempten – Die ehemalige Klosterkirche – heute Pfarrkirche – St. Magnus des 1461 gegründeten, aufgehobenen Franziskanerklosters in Lenzfried hat einige bemerkenswerte historische und bauliche Details zu bieten, die einen Besuch lohnend machen.

Eine spezielle Besonderheit aber betrifft den Kirchturm, der im nördlichen Chorwinkel 1892/93 anstelle eines einfachen franziskanischen Dachreiters erbaut wurde.

Dieser Turm gehört nämlich nicht wie die restliche Kirche dem Bayerischen Staat. „Der Turm gehört der Pfarrgemeinde Lenzfried“, erklärt Kirchenpfleger Remigius Hiepp, die Besitzverhältnisse des mit Geldern vom Kirchenbauverein errichteten Gebäudes. Die nächtliche Anstrahlung sei allerdings wiederum Sache der Stadt Kempten. „Wenn die Lampen ausgewechselt werden müssen, wenden wir uns an das Kulturamt“, schmunzelt er.

Durch das Kirchenschiff geht es in Richtung Turm, von dessen Spitze aus Hiepp eine grandiose Aussicht verspricht. Beim Vorbeigehen am Seitenaltar linker Hand erzählt er beiläufig, dass darunter „die Gruft des Frauenklosters ist“, das sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet und „keine eigene Gruft hatte.“ Auch das immer wieder aufflammende Gerücht um einen unterirdischen Geheimgang zwischen den beiden ehemaligen Klöstern von Franziskanern und Franziskanerinnen weiß er zu befeuern. Als im Hof vor dem Eingang des Frauenklosters wegen Bauarbeiten einmal aufgegraben gewesen sei, habe er etwa an der Stelle, „wo der große Baum steht“, mit eigenen Augen eine Art Torbogen gesehen, „wie sie früher für nach unten führende Stufen gebaut wurden.“ Damals sei der Fund aber nicht weiter verfolgt worden, bedauert er.

Fundgrube Archiv

Schon stehen wir am Aufgang zum 56 Meter hohen Kirchturm. Zwischen engen, steilen Holztreppen drängen sich neben- und übereinander sieben von einer Holzkonstruktion getragene Glocken, gegossen 1949 von der Glockengießerei Grüninger in Villingen. Wie die meisten anderen Kirchenglocken auch, seien die Vorgängermodelle im Krieg abgenommen und „auch auf dem Glockenfriedhof bei Hamburg nicht mehr gefunden worden.“ Seit den 1960er Jahren werden die Lenzfrieder Kirchturmglocken laut Hiepp elektrisch betrieben, nur die an den Decken und Treppen noch vorhandenen Seilführungen erinnern an das einst manuelle Schwingen der „Instrumente“. Zwischen 2,5 Tonnen – mit einem Durchmesser von 1,66 Metern – und 220 Kilogramm – Durchmesser 73 Zentimeter – wiegen die von B‘ bis c‘‘ gestimmten Glocken; so steht es im Vertrag zwischen der Katholischen Kirchenverwaltung Lenzfried und der Firma B. Grüninger & Söhne, der im Jahr 1948 geschlossen worden war.

Wie im kirchlichen Archiv ebenfalls zu entdecken ist, wurde der Turm „mit Natursteinen erbaut, die seinerzeit zum größten Teil in den naheliegenden Steinbrüchen gewonnen wurden.“ Einen Eindruck von den am Sockel mit 165 Zentimeter und am Oktogen immerhin noch mit 75 Zentimeter bezifferten Mauerstärken bekommt man an den Fensterausschnitten.

Eine Leiter und ein paar – nun auch moderne Metallstufenblöcke weiter, öffnet Hiepp eine Deckenluke und der an diesem Tag strahlend blaue Himmel wird sichtbar. Viel Platz ist nicht auf der Fläche in luftiger Höhe. Dafür liegt einem die Stadt zu Füßen, der Stadtteil Lenzfried mit seinen beiden Klosteranlagen, der Golfplatz und die Allgäuer Berge. Hiepp hatte nicht zu viel versprochen. Der Blick in alle Himmelsrichtungen ist reichlich Lohn für den staubig-engen Aufstieg.

Auf dem Rückweg – mit kurzem Blick ins „Wohnzimmer” einer jungen Falkenfamilie – hat der Kirchenpfleger im Kirchendachstuhl noch eine ganz besondere Überraschung parat: Eine mumifizierte Katze. „Sie ist bei der Renovierung 2008 im Petruswinkel zum Vorschein gekommen.“ Beim Pfarrfest am 20. Juli will Hiepp Interessierten eine Turmführung anbieten und auch sonst stehe er dafür auf Anfrage gerne zur Verfügung, wie er signalisiert.

Christine Tröger

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