Unterschiedliche Fertigkeiten beherrschen

Ruhige Hand und gute Augen

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In Helmut Waldmanns Laden sind gut 200 Jahre Uhrengeschichte versammelt, von der antiken französischen Pendule bis zur modernen knallbunten Armbanduhr.

Probstried – Helmut Waldmann hat schon dreihundert Jahre alte, längst verstummte Schätze wieder zum Leben erweckt. Der Probstrieder Uhrmachermeister beherrscht als einer von Wenigen seines Faches noch heute die Kunst, antike Uhren zu reparieren und zu restaurieren.

Bei ihm landen häufig die Familienerbstücke. Kleinode mit großem Erinnerungs- und manchmal auch monetärem Wert. „Ich repariere eigentlich alles, von der kleinsten Armbanduhr bis zur alten Kirchturmuhr“, sagt Helmut Wald- mann. „Eine der ältesten Uhren, die ich je zur Reparatur hatte, stammte aus dem Jahr 1720. Was immer mal wieder hereinkommt, sind Antiquitäten aus der Zeit von 1800 bis 1850.“ Wie etwa die tragbare Kutschenuhr, die er gerade richtet und deren Verwendung er gern erläutert: „Damals gab es ja kein Licht in den Kutschen. Wenn man also die Zeit wissen wollte, schlug die Uhr auf Anforderung zunächst die Stundenzahl, dann die Viertelstunden und zum Schluss die Minuten in jeweils einer anderen Tonlage. 17.49 Uhr wären somit fünf Stundenschläge, drei Viertelstundenschläge und vier Minutenschläge.“ Da hieß es also, aufmerksam mitzuzählen.

Solche Preziosen konnten sich seinerzeit freilich nur die betuchten Gesellschaftsschichten leisten. Der älteste Zeitmesser, der dieser Tage darauf wartet, mit Hilfe des Allgäuer Spezialisten wieder seiner Bestimmung nachzukommen, ist eine antike Pendeluhr, ein sogenannter Seilzugregulator, rund 140 Jahre alt. „Es ist jedes Mal ein schönes Erfolgserlebnis, wenn man eine kaputte Uhr nach vielleicht Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten erstmals wieder zum Laufen bringt“, versucht der 52-Jährige, der seit 36 Jahren Uhrmacher ist, seine Faszination zu erklären. Vor elf Jahren hat er sich in seinem Heimatdorf Probstried bei Dietmannsried selbstständig gemacht. Zunächst mit einer Werkstatt in seinem Wohnhaus, ehe er im April 2013 sein neues Ladengeschäft im Dorfkern von Probstried, in direkter Nachbarschaft des Dorfladens eröffnete.

Das Geschäft mit Namen „Zeitpunkt“ strahlt trotz – oder vielleicht auch wegen – seiner zahlreichen tickenden Bewohner Ruhe und Behaglichkeit aus, ist dabei aber hell und modern. Im vorderen Teil befindet sich eine Verkaufsfläche. Hier kann man (teils leuchtendbunte) Armbanduhren, Armbänder, Wecker, Stand- und Wanduhren bekommen, Silber- und Titanschmuck ergänzen das Sortiment. „Wir haben immer auch immer einige alte, antike Uhren (Wand-, Tisch- und Taschenuhren) im Angebot“, so Waldmann.

Den Rest des offenen Raumes nimmt die Werkstatt ein, mit Drehbank und Wasserdicht-Prüfanlage. Hier kann man dem Meister quasi bei der Arbeit über die Schulter schauen, wie er mit ruhiger Hand seiner filigranen Fertigkeit nachkommt. Bei den antiken Stücken stellt er die Ersatzteile größtenteils selbst her. „Ich kann hier Unruh-Wellen ab 1/10 mm Stärke drehen. Häufig müssen auch Zahnräder von 10 bis 100 mm Durchmesser nachgebaut werden.“ Dazu fräst Waldmann in stundenlanger Zehntelmillimeterarbeit Zahn für Zahn einzeln aus einer Messingscheibe heraus. Ebenso repariert oder fertigt er bei Bedarf Zeiger oder frischt die angeschlagenen Holzgehäuse seiner „Patienten“ fachmännisch auf.

„Genau das mag ich so an meinem Beruf“, sagt er, „man hat mit vielen verschiedenen Materialien zu tun und muss viele unterschiedliche Fertigkeiten beherrschen, wie zum Beispiel Metall-, Holz-, Stein- und Edelmetallbearbeitung.“ Es gibt nicht mehr viele, die das Handwerk in dieser Form ausüben und es werden immer weniger. Daher kommen immer wieder Sammler und Liebhaber oft weite Strecken zu ihm angereist. Sein täglich´ Brot sei aber trotz allem eher das Ersetzen von Batterien, Armbändern, Gläsern oder verloren gegangenen Stiften sowie die Reparatur von Armband- oder Wanduhren, von Funkuhren und Weckern, vom einfachen Gebrauchsstück bis zum hochwertigen modernen Chronographen, stellt der Chef klar, der halbtags von einer Uhrmacherin unterstützt wird.

Wer sich selbst ein Bild von alledem machen möchte, sollte am kommenden Samstag, 25. Oktober, nach Probstried kommen. Dann nämlich lädt Helmut Waldmann zu einem Tag der offenen Tür mit interessanten Vorführungen seines Handwerks ein.

Sabine Stodal

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