Interessante Einblicke

Die im Dunkeln sieht man doch

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Umblätterin Leonie Flaksmann mit dem Pianisten Bengt Forsberg.

Kempten – Vergangenen Sonntag fiel der letzte Vorhang für das 11. Classix-Festival. In den Jahren von 2006 bis 2016 waren insgesamt 150 Musikerinnen und Musiker aus aller Welt anwesend, einige mehrmals. Gespielt haben sie zusammengenommen 366 Werke von 244 Komponisten.

Eine eher unscheinbare – dabei doch gewichtige – Rolle spielen dabei die Personen, die häufig links hinter dem Pianisten hoch konzentriert agieren: die „Umblätterer“. In diesem Jahr waren es Annette Naumann und Leonie Flaksmann.

Bei den Kemptener Classix vergangene Woche sah das Publikum wie gewohnt hochkarätige Musiker auf der Bühne. Dazu ein paar Leute von Ton und Technik und dann noch Sie beide, die Notenumblätterinnen. Wie wird man das denn? 

Naumann: „Man sollte gut Noten lesen können und im besten Fall selbst Klavier spielen.“

Flaksman: „Mitdenken können, Konzentrationsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein sind auch wichtig.“

Was machen Sie denn genau? 

Naumann: „Wir sitzen links vom Pianisten, damit wir ihn nicht verdecken, und verfolgen die Musik in den Noten.“

Flaksman: „Am besten liest man mit, was der Pianist in der linken Hand spielt, weil man die mit im Blickfeld hat. Wenn er in der Mitte der rechten Notenseite angekommen ist, stehe ich auf.“

Naumann: „Und dann kommt der spannende Moment des Umblätterns. Man muss die Notenseite rechts oben anfassen, weil sonst der Pianist nichts mehr sieht, und dann im genau richtigen Moment umblättern.“

Flaksman: „Und zwar möglichst schnell und möglichst leise.“

Da muss das Timing ja ganz genau stimmen. Wenn man zu früh blättert, sitzt der Pianist plötzlich ohne Noten da. Wenn man zu spät blättert, auch.

Naumann: „Die Pianisten nicken meistens kurz. Spätestens wenn das Nicken heftiger wird, sollte man blättern.“

Flaksman: „Man weiß nicht immer so genau, ob er wegen des Blätterns nickt oder gerade einfach nur im Takt der Musik.“

Ein spannender Moment. Kann da etwas schiefgehen? 

Naumann: „Man kann zwei Seiten auf einmal erwischen. Man kann auch Wiederholungszeichen überlesen, oder im schlimmsten Fall fallen einem die Noten runter. Als Klavierspielerin habe ich schon Missgeschicke erlebt. Dann muss man versuchen weiterzuspielen, bis man wieder die richtigen Noten vor Augen hat, und notfalls ein bisschen improvisieren. Aber hier bei den Classix-Konzerten hat es da noch keine Probleme gegeben.“

Flaksman: „Bei einer der Proben ist mir im Luftsog der geblätterten Seite eine zweite einfach hinterhergekommen. Aber im Konzert hat es dann gut geklappt.“

Auch wenn Sie beim Umblättern nicht selber musizieren, so sitzen Sie doch mit im Rampenlicht. Haben Sie Lampenfieber? 

Naumann: „Lampenfieber nicht. Aber es ist sehr spannend. Ich höre dann die Musik nicht so, wie ich sie im Publikum hören würde. Ich sehe dann eher der Spieltechnik dieser hervorragenden Pianisten zu.“

Flaksman: „Eigentlich bin ich kein Lampenfiebertyp. Aber hier habe ich es schon ein bisschen, weil ich für den Pianisten mit Verantwortung trage.“

Nach dem Stück gibt es dann Applaus, bei dem das Publikum aber nur auf die Musiker sieht. Wie geht es Ihnen da? 

Naumann: „Ach, das ist mir ganz angenehm.“

Flaksman: „Positiv ist es ja, wenn der Umblätterer nicht auffällt. Fällt er auf, hat er meistens etwas falsch gemacht.“

Naumann: „Wenn er alles richtig macht, merkt es keiner. Macht er etwas falsch, merken es alle.“

Für welche Instrumente haben Sie schon geblättert? 

Flaksman: „Meistens für Klavier, aber auch schon mal für Orgel. Die anderen Instrumente brauchen das nicht, weil sie viel weniger Noten haben als die Klavierspieler, und eher mal eine Pause, in der sie selber blättern können.“

Wie gefällt Ihnen das Classix-Festival? 

Flaksman: „Ich mag die Atmosphäre hier. Man hat das Gefühl, dass viele der Musiker Freunde sind und Spaß an der modernen Musik haben. Als Umblätterin ist man ja auch hinter der Bühne und lernt die Musiker auf eine ganz andere Weise kennen.“

Naumann: „Es sind tolle Musiker. Oliver Triendl ist ein phantastischer Pianist. Und es gibt viel spannende und selten gehörte Musik.“

Flaksman: „Was das Umblättern nicht leichter macht, denn es sind viele ungewohnte Stücke dabei, unübersichtlich, Taktwechsel.“

Haben Sie beim Festival auch Stücke kennengelernt, die Sie selber spielen möchten?

Flaksman: „Mir hat die 2. Violinsonate von George Antheil sehr gut gefallen. Die werde ich mal angehen.“    (ft)

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