Ungewolltes Hochmoor

Die Anwohner fürchten um „ihr“ Naturparadies Schorenmoos und hoffen, die Abholzung des Waldes im Spätherbst verhindern zu können. Das Motiv des Schildes, das am Beginn des Waldweges steht, wurde 2000-fach auf Postkarten gedruckt, die an vielen öffentlichen Stellen ausliegen. Montage: Stodal

Der Freistaat Bayern plant die Renaturierung des zwischen Dietmannsried und Bad Grönenbach gelegenen Schorenmooses. Das staatseigene, 50 Hektar große Areal soll wieder zu einem intakten Hochmoor werden. Doch was zunächst nach einer uneingeschränkt guten Sache klingt, hat auch seine Kehrseiten: Die Anwohner des seit 60 Jahren nahezu unberührten, biotopartigen Waldgebietes wollen den zur Renaturierung nötigen Kahlschlag „ihres“ Waldes jedenfalls verhindern.

Das Schorenmoos ist ein außergewöhnlich schöner, schattiger Wald, in dem unter Kiefern und Fichten üppig Moose, Pilze und Beeren gedeihen und ausgedehnte Moospolsterflächen an das Moor erinnern, das sich hier einst erstreckte. Bis in die 1960er Jahre wurde hier Torf abgebaut, worunter das Hochmoor stark gelitten hat. Danach wurde das Gebiet weitgehend sich selbst überlassen, sodass sich Flora und Fauna über Jahrzehnte nahezu ungestört entwickeln konnten. Jetzt soll das Gebiet durch Wiedervernässung wieder zum ursprünglichen Hochmoor werden. Was so positiv klingt, geht allerdings mit einschneidenden Eingriffen einher. Zwar bleiben die Teile des Geländes, die noch oder bereits wieder Hochmoor sind, unangetastet und auch rund um das Schorenmoos soll ein Waldgürtel stehen bleiben, da dieser aufgrund der Bodenbeschaffenheit für das Projekt uninte- ressant ist. „Aber auf größeren Teilflächen wird es einen Kahlschlag geben müssen“, erläutert Wolfgang Haugg, Forstbetriebsleiter der Bayrischen Staatsforsten in Ottobeuren, die mit der Umsetzung des Projektes betraut sind, die notwendigen Maßnahmen. „Da, wo jetzt hohe Bäume stehen, ist das Moor im Schwinden begriffen, weil diese Bäume eine Pumpwirkung haben, die dem Moor Wasser entzieht.“ Deshalb müssten alle großen Fichten gefällt und die Entwässerungsgräben zugemacht werden. „Anders kann man den Prozess der Wiedervernässung nicht anstoßen.“ Eine Horror-Vorstellung für die Anwohner: 45 Familien, die durch Zufall von den Plänen erfahren haben und die sich, um „das Moos, das sie schon ein Leben lang kennen und lieben“ zu retten, zu der Initiative „Schorenmoos-Allianz“ zusammengeschlossen haben. In gemeinsamen Aktionen möchten sie die Renaturierungs-Pläne in der jetzigen Form stoppen, denn sie sind der Überzeugung, dass hier ein schützenswertes Biotop massiv bedroht ist. „Ich persönlich bin nicht gegen die Renaturierung“, sagt Edith Rayner von der Initiative, „aber ich habe etwas gegen die brachiale Gewalt, mit der vorgegangen werden soll. Wenn man mit großen Maschinen da reingeht, sieht es bei uns aus wie nach dem Wirbelsturm Wiebke – und das auf Jahrzehnte.“ Die Mitglieder der Initiative plädieren daher für eine Kompromisslösung mit einem reduzierten, möglichst schonenden Holzeinschlag, der die bestehende Flora und Fauna schützt. Unmöglich, sagt Wolfgang Haugg. Denn den Prozess der Wiedervernässung müsse man richtig angehen, sonst funktioniere das Ganze nicht. „Da gibt es nur entweder – oder. Es stimmt schon, dass es zunächst nicht schön aussehen wird, aber nach drei Jahren ist alles wieder grün“, versichert er. Die Befürworter – neben dem Freistaat als Eigentümer sind dies der Bund Naturschutz, die Allgäuer Moorallianz und die Naturschutzbehörden –, argu- mentieren mit dem klimaschonenden Effekt. Schließlich entziehe ein wachsendes Moor der Atmosphäre sehr viel CO2. Zudem hoffe man, dass sich seltene Tier- und Pflanzenarten ansiedeln werden. Ein Argument, das Edith Rayner erbost: „Mit welchem Recht wird hier über Sein und Nicht-Sein entschieden? Warum sind andere Tiere mehr wert als die, die seit 60 Jahren im jetzigen Biotop leben und die mit Gewalt vertrieben werden, weil man ihren Lebensraum zerstört? Wir glauben, dass das jetzige Konzept vorrangig den wirtschaftlichen Interessen der Bayerischen Staatsforsten dient.“ Neben einigen anderen Politikern machte sich auch der Vertreter der Freien Wähler Oberallgäu im Landtag, Dr. Leopold Herz, persönlich ein Bild von den Gegebenheiten im Schorenmoos und erklärte, dass er die Schorenmoos-Allianz unterstützen und eine Petition an den Landtag stellen werde. Die Erfahrungen hätten immer wieder gezeigt, dass künstlich geschaffene Naturlandschaften keinen Bestand haben und immer wieder kostenträchtige Eingriffe erforderten, so Herz. Wolfgang Haugg indes zeigt sich überrascht von so viel Widerstand: „Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.“ Am kommenden Donnerstag, 25. Oktober, findet ab 20 Uhr im Gasthaus „Goldener Hirsch“ in Schrattenbach eine öffentliche Informationsveranstaltung zum Thema statt. „Dort werden wir alle sachlichen Fragen klären“, ist Haugg zuversichtlich. Doch er weiß auch: „Was am Schluss bleibt, sind Emotionen. Die kann man mit Sachargumenten nicht fassen.“

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