Unheimlicher Pakt

Ihren guten Draht zum Wettergott stellten die Organisatoren des Kemptener Jazzfrühlings auch bei der 46. Festivaleröffnung am Samstag eindrücklich unter Beweis. Zusammen mit der an allen Ecken swingenden und groovenden Kemptener Innenstadt war so bei strahlendem Sonnenschein ein fulminanter Auftakt zu über einer Woche mit rund 100 Konzerten garantiert.

Kein Wunder also, dass sich gut gelaunte Menschenscharen einmal mehr den kulinarischen und musikalischen Genüssen am Rathausplatz hingaben, wo die „Gout Big Band“ gleich zu Beginn ordentlich loslegte. Währenddessen machte sich die „Brass Band Prague“, gefolgt von zahlreichen Musikbegeisterten, Fröhlichkeit verbreitend auf den Weg durch Altstadt und Wochenmarkt. Auch hier hatten sich vor allen spielenden Bands bereits längst riesige Menschentrauben gebildet, die sich wippend von der Musik mitreißen ließen. Auf ein begeistertes Publikum stieß man auch bei der Eröffnungsgala abends im ausverkauften Kornhaus. Dort boten „Pianoentertainment mit Martin Schmitt und Band“ über drei Stunden lang eine energiegeladene, intelligent-humorvolle Show, der die musikalische Mischung aus Soul und Blues in nichts nachstand. Ein genagelt volles Haus bescherte der Jazz-Gottesdienst, dem in diesem Jahr das „Ekkehard Wölk Trio“ mit feinem Sound das besondere Etwas verlieh, am Sonntag auch der St. Lorenz-Basilika. Weniger zurückhaltend bestritt zeitgleich „Ludwig Seuss und Band“ den ersten Teil der Bluesgala nebenan im erneut proppenvollen Kornhaus. War die Stimmung im Saal hier bereits gut angeheizt, setzte das US-Amerikanische Energiebündel Lisa Haley – bei der laut Cheforganisator Hansjürg Hensler bis zuletzt unsicher gewesen sei, ob sie wegen des Flugchaos überhaupt kommen könne – und „The Zydekats“ noch munter einen drauf. Reichte es im Kornhaus aus Platzgründen nur für groovend zuckende Körper im Sitzen, drängten sich im voll besetzten „Stift“ zahlreiche Tänzer auf kleiner Fläche vor der Bühne zu Salsa und Merengue der Band „Café con Leche“. Aber auch diejenigen, die Musik nicht nur mit dem Bauch, sondern ebenso mit dem Intellekt erfassen möchten, mussten am Eröffnungswochenende des Jazzfrühlings nicht darben. Im mit rund 180 Zuhörern recht gut besuchten TheaterOben besetzte das ausgezeichnete Aki Takase/Louis Sclavis Duo die Sparte zeitgenössischer Jazz recht eindrucksvoll. Die in Berlin lebende Japanerin beschränkte sich dabei nicht nur auf die Tasten ihres Instruments, sondern zupfte ebenso die Seiten im aufgeklappten Bauch des Flügels. Kein Ende in Sicht Als mindestens ebenbürtiger Meister an Klarinetten und Saxophon erwies sich Sclavis, der seinen Instrumenten ungewohnte wenngleich sehr interessante Klänge zu entlocken vermochte. Nach dem gelungenen Start des 26. Jazzfrühlings finden sich noch eine ganze Reihe weiterer Highlights im Programmheft – mit Entdeckerpotential. So manch unbekannter Programmpunkt könnte sich nämlich durchaus als ungeahnter Höhepunkt erweisen. Beispielsweise bei den AÜW-Jazzperlen mit dem Ortner-Roberts-Duo, der bayerisch-österreichischen Folkjazz-Posie-Einmaligkeit von „ZUG – Hammerling trifft Michaela Dietl“, oder bei Piano Jazz aus Russland mit dem „Wanja Belaga solo“. Für noch unentschlossene Jazzfans hatte Hensler jedenfalls gute Neuigkeiten: „Es gibt noch für fast alle Veranstaltungen Karten“. Einzige Ausnahme sei das Konzert von „John McLaughlin and the 4th Dimension“ am kommenden Samstag im Kornhaus. Wohl eher ein kleiner Wermutstropfen angesichts der sicher ebenso lohnenswerten Konkurrenz.

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