"Unser tägliches Brot"

„Hinsehen“ und einen „Blick dahinter“ werfen wollten bereits zur Eröffnung der Ausstellung über häusliche Gewalt gegen Frauen zahlreiche Besucher. Foto: Tröger

Die gängigen Vorurteile auflösen, für das Thema sensibilisieren und die bereits bestehenden Unterstützungsangebote noch bekannter machen will das Bayerische Sozialministerium mit der Wanderausstellung „Blick dahinter – Häusliche Gewalt gegen Frauen“. Zu sehen ist sie derzeit in der Kemptener Stadtbibliothek in der Orangerie.

Der „Blick dahinter“ offenbart die vielen Gesichter häuslicher Gewalt die, so OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) bei der Eröffnung der Präsentation, „sich durch alle Schichten und Altersgruppen zieht“. Mit dem noch immer „tabuisierten Thema“ werde, so Netzer, laut einer seit Jahren gleich bleibenden Hochrechnung „jede vierte Frau in Deutschland“ konfrontiert. Da diese Gewalt „ja gerade dort passiert, wo Menschen ihren Schutzraum suchen“, bleibe sie oft lange im Verborgenen. Es ist keine textlastige Ausstellung, das geschriebene Wort dient eher als Ergänzung. Vielmehr setzt sie auf die Macht der Bilder – großformatige „Wackelbilder“ beziehungsweise „Lenticularwände“: Ändert man seinen Blickwinkel, ändert sich das Bild, respektive Schein und Wirklichkeit der gezeigten Alltagssituationen. Die gemütliche Sitzgruppe mit zwei Paar Kopfhörern täuscht: Dort werden Aussagen betroffener Kinder und Frauen hörbar. Mit dem „Blick unter den Teppich“ schließlich eröffnet sich im wahrsten Sinne des Wortes die Spirale der Gewalt, die durch Mechanismen wie Kontrolle, Abwertung, Zuschlagen, Entsetzen, Reue, Verliebtheit, Schuldfrage und Spannung ihre immer enger werdende Bahn zieht. "Viele Einsätze" Als quasi „tägliches Brot“ bezeichnete Günter Hackenberg, Leiter der Polizei-Inspektion Kempten, gegenüber dem KREISBOTEN die „vielen Einsätze“ bei häuslicher Gewalt. Mit 80 bis 90 Prozent bezifferte er Frauen als Opfer der Übergriffe. Treffe es Männer, seien es meist ausgerechnet die, „die Verständnis für die Reaktionen der Frau“ zeigten. Wie Netzer, betonte auch Hackenberg, dass das Thema in allen Schichten und Altersgruppen vorkomme – „manchmal sogar in Altersheimen“, berichtete er. Es sei auch nicht selten, dass sie „regelmäßig bei den Gleichen“ eingreifen müssten. Viele Frauen „gehen immer wieder zurück“, wobei die Gründe neben emotionalen auch wirtschaftliche Abhängigkeiten sein könnten. Das Phänomen „Stalking“ sah er bei Frauen „nicht verbreitet“. Hier seien „so gut wie nur Männer die Täter“. Für die Einsätze bei häuslicher Gewalt habe die Polizei speziell geschulte Kräfte, meist Frauen, um es den Opfern zu erleichtern ihre Hemmschwelle und Scham zu überwinden. Bei der Polizei bekämen die Opfer zudem Ansprech- und Hilfsstellen genannt, an die sie sich wenden könnten, erklärte er den sensiblen Umgang mit dem Thema. Führungen für Schüler Vertreterinnen der Beratungsstellen – von Frauenhaus, Frauennotruf, Jugendamt, Weißer Ring und Polizei – sind während der Ausstellungsdauer zu bestimmten Zeiten für Gespräche anwesend (siehe Infokasten). Für Schulklassen werden zudem nachmittags Führungen von Fachkräften angeboten. Anmeldungen werden per Email unter Jugendarbeit@kempten.de oder telefonisch bei Renata Traut unter der Telefonnummer 0831/25 256 32 entgegen genommen. Die Ausstellung „Blick dahinter” kann noch bis zum 2. März in der Stadtbibliothek (Orangerieweg 20-22) von Dienstag mit Freitag von 9 bis 18 Uhr besucht werden.

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