Unvergessliche Stolpersteine

Am vergangenen Donnerstag wurden die ersten „Stolpersteine“ in der Kemptener Innenstadt verlegt. „Stolpersteine“ sind Betonsteine mit einer aufgesetzten und gravierten Messingplatte (zehn mal zehn Zentimeter), die im Bürgersteig vor der vermutlich letzten selbstgewählten Wohnstätte eines Opfers des NS-Regimes verlegt werden. Die Gravur im Stein trägt Name, Lebensdaten und den Zeitpunkt seiner Deportation und Ermordung.

OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) hat gerne die Schirmherrschaft für die Initiative „Stolpersteine“ in Kempten übernommen. Die Ziele fügten sich gut in den Umgang der Stadt Kempten mit der finsteren Geschichte der Deutschen ein. Es sei wichtig, „die Geschichte nicht zu vergessen für eine humane Gegenwart“, so der OB. Er freue sich besonders, dass aus Toronto Luigi Kastania, Nachfahre des Architekten Andor Àkos, extra zu den ersten Stolpersteinlegung gekommen ist. „Wir dürfen nicht nachlassen psychische und physische Gewalt anzuprangern. Wir dürfen nicht zulassen, dass Anderen widerfährt, was wir selbst nicht wollen. Wir dürfen nicht schweigen, wegschauen, weghören“, führte Netzer weiter aus. Besonderes Denkmal Ibo Gauter Vorsitzende des Vereins Initiative Stolpersteine für Kempten betont, dass die Stolpersteine „Teil eines Denkmals“ seien, dessen Besonderheit es ist, dass es nicht irgendwo unverrückbar an einem Ort steht. Ganz im Gegenteil: Das Denkmal sei überall dort, wo sich Menschen zusammen gefunden hätten und weiterhin zusammenfänden, um etwas unsägliches sagbar zu machen. Alle Stolpersteine seien identisch in Form, Größe und Gewicht. Sie seien aus dem gleichen Material – ein mit golden glänzendem Messing überzogener Stein – und alle liegen auf dem Boden, über den täglich viele Menschen laufen. Eines unterscheidet jeden Stolperstein vom anderen: Im Messing ist ein Name eingraviert, dazu Geburtsdatum und Todesdatum. „Und dieser Name ist einmalig. Genauso einmalig wie der Mensch, dem dieser Name einmal gehört hat und den man versucht hat, ihm zu nehmen“, erklärte Gauter. „Der Name gehört einem Menschen, der ermordet wurde. Der Stein liegt vor seiner letzten Wohnung, die er selbst gewählt hat“, so die Vorsitzende weiter. Die Stolpersteine bilden zusammen das größte „Dezentrale Denkmal“. Sie liegen bis jetzt in mehr als 530 Städten und Gemeinden Deutschlands, aber auch in Österreich, Belgien, Niederlande, Polen, Ungarn, Tschechien, Ukraine und seit Januar auch in Italien. Der Initiator der Stolpersteinbewegung ist Gunter Demnig. Seinen ersten Stolperstein verlegte er 1997 in Berlin-Kreuzberg, erst nicht genehmigt, später aber legalisiert. „Dem ersten Stolperstein folgten viele, und es werden viele folgen. Denn mit jedem Stolperstein ist ein Signal verbunden: Es ist einem Ermordeten allergrößtes Unrecht geschehen. Und damit auch den vielen Menschen, die ihm nahe waren, und denen er vielleicht das Liebste war“, erläutert Gauter. Weiter erklärt sie, die Zeit müsse endlich vorbei sein, als Minderheit sich geschämt haben, weil sie diskriminiert und ausgegrenzt wurden. Weil jemand in der Familien zu denen gehörte, die gedemütigt und ermordet wurden. „Die Zeit des Schweigens und des Verschweigens muss ein Ende haben“, forderte die Vorsitzende. Für manchen ist die Vorstellung, dass auf den Namen eines gequälten und ermordeten Menschen vielleicht bewusst oder unbewusst achtlos getreten wird, nicht einfach. Aber Gunter Demnig sagte: „Man verbeugt sich vor einem Opfer, wenn man seinen Namen auf dem Stein lesen will.“ Prominente Opfer Unter anderen wurde ein Stolperstein für Andor Àkos, Kemptener Architekt, Innenarchitekt und Künstler, verlegt. Àkos prägte mit seinen Bauwerken das Stadtbild von Kempten. Zum Beispiel durch Kirchenbauten wie die Himmelfahrtskirche an der Iller oder Maria Hilf, Rathaus- und Kornhausumbau und Gasthöfe. Er wurde vom Regime wegen seiner Abstammung zum Suizid getrieben. Luigi Kastania, Nachfahre von Andor Àkos, ist aus Toronto gekommen, um OB Netzer Briefe und Baupläne von Àkos in einer Mappe zu überreichen. Damit weiter Stolpersteine verlegt werden können, ist die Initiative auf Spenden angewiesen. Weitere Informationen dazu gibt es unter stolpersteine-kempten@gmx.de.

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