Vegane Ernährung auf dem Vormarsch?

Vegane Ernährung – Sinn oder Unsinn?

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Ein umfangreiches Angebot an veganen Lebensmitteln findet sich mittlerweile in Bioläden wie normalen Supermärkten. Auch für die meisten Lebensmittel mit tierischen Inhaltsstoffen gibt es inzwischen veganen Ersatz.

Kempten – Die Schlagwortsuche bei Google zeigt bei „Vegane Ernährung“ 1.090.000 Einträge an. Vom Vegan Magazin über zahllose (Koch-)Bücher zum Thema oder eine Veganfachmesse gibt es mit „veganz“ auch die, nach eigener Aussage, „Europas erste vegane Supermarktkette“.

Gegründet wurde sie im Februar 2011 in Berlin, wo sie inzwischen zwei Mal vertreten ist, weitere Filialen sind in Frankfurt/Main, in Hamburg und München, seit August 2014 auch in Essen und bald in Leipzig. Im Juni dieses Jahres wurden je eine Filiale in Wien und Prag eröffnet. Bis 2015 will das Unternehmen europaweit 21 Filialen betreiben, wie auf der Firmen-Website zu lesen ist. Rund 6000 vegane Produkte sind bei „veganz“ im Angebot, der Umsatz betrug im Jahr 2013 5,3 Millionen Euro. Auch in Bio-, Naturkostläden, Reformhäusern und zunehmend sogar „normalen“ Supermärkten sind vegane Lebensmittel zu finden. Vegan ist „in“, vegan ist „trendy“, vegan ist ein „Boom“, mit dem sich gutes Geld verdienen lässt – bei steigender Tendenz, wie folgende Zahlen zeigen: Laut der Veganen Gesellschaft Deutschland – unter Berufung auf das Marktforschungsinstitut „biovista“ – lag der Jahresumsatz von veganen Produkten 2011 noch bei rund 194,3 Millionen Euro, 2012 bereits bei 232,1 Millionen Euro. 

Lebensphilosophie: vegan 

Im konsequent vegan gelebten Alltag werden Fleisch- und Wurstwaren, Milch und Molkereiprodukte, Eier, Fisch und Meeresfrüchte ebenso vom Speiseplan gestrichen wie Honig. Tabu sind zudem Lederwaren, Textilien aus Seide oder Wolle, Federn, Pelze und Felle, Borsten – zum Beispiel an Pinseln oder Bürsten, Knochenleim oder auch der aus getrockneten Schildläusen hergestellte rote Farbstoff in Lebensmitteln „cochenille“. Während die Verwendung von Pferdeschweifhaaren für die Bögen mancher Streichinstrumente oder deren Bespannung mit Darmsaiten vermutlich nicht die große Mehrheit der Veganer betrifft, ist die Frage nach tierischen Bestandteilen – auch Tierversuchen in der Entwicklungs- und Zulassungsphase - in Impfstoffen und Arzneimitteln schon brisanter. Zudem findet sich zum Beispiel Wollwachs auch in vielen Naturkosmetika. Vegan in Kempten Der „Vegan-Hype“ hat auch Kempten längst erreicht. Wie andernorts sind es vor allem die jüngeren Generationen, die sich dem ausschließlichen Verzehr von pflanzlichen Lebensmitteln und jeglichem Verzicht tierischer Produkte zuwenden – häufig nachdem sie sich zu- vor bereits vegetarisch ernährt haben. 

So auch die knapp 19-jährige Carina Maria, die aus Gründen des Tierschutzes als 14-Jährige zur Vegetarierin geworden war und durch weitere Recherche seit nunmehr drei Jahren „bewusst vegan“ lebt, als „Einstellung und nicht nur Ernährung“. Erst habe sie gedacht, „geht das überhaupt?“, es dann aber einfach ausprobiert und festgestellt, „dass es ziemlich einfach ist, wenn man es richtig anstellt“. Egal ob Einkaufen oder zum Essen gehen, sei es selbst im Allgäu ziemlich „fortschrittlich“, wie sie es nennt. Bei ihr waren es vor allem ethische Gründe vegan zu werden und damit bei der Ausbeutung von Tieren nicht mehr mitzumachen. Auch dass weltweit „50 Prozent der Getreide- und Sojaernte für Tiernahrung verwendet werden“, will sie nicht mittragen. „Ziemlich schockiert“ war sie, dass die Erzeugung von Milch und Eiern mit der Fleischproduktion zusammenhängen. All diese Fakten zum Thema Welternährung und Umwelt „sieht man nicht in der Werbung“, kritisiert sie. Interessant in diesem Zusammenhang ist ein Blick auf den Wasserverbrauch für die Herstellung von Lebensmitteln: für ein Kilogramm Rindfleisch sind es 5000 bis 20.000 Liter, für ein Kilogramm Getreide 1500 Liter (siehe www.wasserstiftung.de). Auch wenn Vegan „jetzt so ein Trend ist“, findet sie ihn gut – „wenn man es richtig macht“. Lederschuhe jedenfalls gibt es bei ihr ebenso wenig wie tierische Bestandteile in der Kosmetik, was nicht ganz so einfach sei. Die Lösung ist eine App, mit der sie vegane Kosmetik abfragen kann. Weitere Orientierung liefern ihr Vegan-Siegel, Blogs im Internet und gegebenenfalls wird auch mal bei Firmen nachgefragt. Anfangs schwer vermittelbar, respektiert ihr Freun- deskreis die Lebensweise der Schülerin inzwischen. Aber, „meine Mama hat mich wegen möglicher Mängel zum Arzt geschickt“, die Ergebnisse: besser als zu ihren Fleischesszeiten. Argumentieren muss sie in der Familie nicht mehr. Mutter und Großmutter unterstützen sie und dieses Weihnachten gibt es ihr zuliebe bereits zum zweiten Mal ein veganes Festessen. 

Ist vegan ungesund? 

Laut dem Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. kann es bei veganer Ernährung wegen des Verzichts auf jegliche tierische Lebensmittel zu einer Unterversorgung mit Energie, Protein, Eisen, Calcium, Jod, Zink, Vitamin B2 (Riboflavin), Vitamin B12 (Cobalamin) und Vitamin D kommen. Deshalb wird von Fachleuten empfohlen, die Werte regelmäßig medizinisch überprüfen zu lassen und gegebenenfalls mit indi- viduell abgestimmten Nahrungsergänzungsmitteln zu substituieren. Nicht empfohlen wird eine vegane Ernährung für zum Beispiel Schwangere, Stillende, Kinder sowie ältere Menschen oder Menschen mit kontraindizierten Erkrankungen. 

Apothekerin Barbara Schlosser, Spezialistin für Nahrungsergänzungsmittel in der Bahnhofapotheke, findet vegane Ernährung prinzipiell in Ordnung, „wenn man die Zusammenstellung clever macht“. Dennoch ist sie überzeugt, dass „rein vegane Ernährung nicht die natürliche ist“. Wenn man allerdings die Lebensmittel-Qualität von früher mit der heutigen vergleiche, sei vegane Kost mit Blick auf Billigfleisch oder dem Verzehr von zu vielen Milchprodukten „oft die bessere“, wenn man sich Mühe bei der Lebensmittelauswahl gebe. Probleme sieht sie weniger bei der Versorgung mit Calcium, das aus pflanzlichen Lebensmitteln vom Körper besser aufgenommen werde als das aus Kuhmilch, sondern eher bei Eisen, Vitamin B12 – als gute vegane Quellen nennt Schlosser zum Beispiel Miso oder milchsauer vergorenes Sauerkraut – und L-Carnitin, da sie hauptsächlich in Fleisch vorkommen. Dass sich viele Veganer der möglichen Defizite durchaus bewusst sind, sieht sie daran, dass die in der Apotheke angebotenen Untersuchungen von Homo-Cystein (es liefert Hinweise auf Mängel der Vitamine B12 und B6 sowie Folsäure) und Eisen „häufig angenommen werden“. Auch wenn Ihres Erachtens „nichts 100-prozentig für vegan spricht“, sei es doch insofern ein sinnvoller Trend, da man sich Gedanken darüber mache, „woher kommt mein Lebensmittel und man wieder mehr Wert auf Qualität statt Quantität legt.“ 

Gesetzeslücken schaffen Unsicherheit 

Ob sich vegane Ernährung ebenso etablieren wird wie die vegetarische wird sich aus Sicht von Gabriele Greither-Hof, Ernährungsberaterin im Naturkostladen „Pur Natur“, erst auf lange Sicht zeigen. Wie Schlosser, empfiehlt sie Veganern, sich mit vollwertiger Ernährung zu befassen, da sonst „auf Dauer die Nährstoffe fehlen“. Unter Umständen mache sich der Nährstoffmangel bei anfangs „gefülltem Speicher“ allerdings erst nach Jahren bemerkbar. Den Vegan-Trend beobachtet sie vor allem bei jungen Menschen, denen es vor allem um die Ernährung gehe. 

Dass einige Bestandteile von Lebensmitteln oft gar nicht in den Zutatenlisten deklariert werden müssen, ist ein Thema, das die Organisation „foodwatch“ aktuell aufgegriffen hat. Unter anderem ist von Auszügen aus Schweineborsten oder Federn zur Behandlung von Mehl in Großbäckereien die Rede. Oder auch von Gelatine zum Klären von Säften und Wein, wie Greither-Hofs Kollegin Isabelle Wechs bestätigt und eine Flasche Wein mit dem Zusatz „vegan“ auf dem Etikett zeigt. Zudem wird laut Wechs im konventionellen Weinbau häufig Hirschhorn über den Boden gestreut, was im Bio-Anbau zwar nicht üblich aber auch nicht verboten sei. Deshalb der „vegan“ zertifizierte Wein. Vertrauen braucht der vegane Verbraucher dennoch. Denn, wie bei „foodwatch“ zu lesen ist, bieten die Begriffe „vegetarisch“ und „vegan“ keine Verlässlichkeit, da sie lebens- mittelrechtlich nicht definiert sind. 

Ausgewogene Ernährung schwierig 

„Die AOK würde keine veganen Kochkurse anbieten“, vegetarische aber schon, erklärt Susanne Boms, Dipl.-Ökotrophologin der AOK Kempten-Oberallgäu. Vegetarisch ist ihres Erachtens „eine aus- gewogene Ernährung möglich“, vegan ohne Nahrungsergänzung dagegen äußerst schwierig, begründet sie. Das Thema „vegan“ sieht Boms generell eher als eines von Städtern als Landbewohnern. Vor allem das Allgäu sei einfach eine Milch- und Fleischregion, was sich zum Beispiel auch an der Nachfrage von vegetarischen Kochkursen der AOK sichtbar werde. „Die sind in Städten deutlich besser besucht als auf dem Land.“ Ihrer Einschätzung nach hat der vegane Trend die Spitze inzwischen erreicht und „viele Veganer werden wieder Vegetarier“. Auch sie erachtet regelmäßige Untersuchungen als sinnvoll“. Nach ihren Informationen ist dabei „Eisen anscheinend gar nicht mehr so ein Thema“. Stattdessen sieht sie in erster Reihe B12, B2, Jod und Zink. Allerdings, räumt sie ein, sei es „erstaunlich, dass der Körper sich bei bestimmten Stoffen“ – beschrieben seien Eisen und Zink – „auf weniger Verfügbarkeit mit besserer Nutzung einstellt.“ Mit „guter Abwechslung“ vom calciumreichen Mineralwasser über Nüsse und Studentenfutter bis zum „öfter selber kochen“, kann Boms der veganen Ernährung vielerlei positive Aspekte abgewinnen. „Die Leute sind strukturlos geworden“, sieht sie im bewussteren Umgang mit der Ernährung unter anderem einen möglichen Weg, „sich selbst wieder mehr wertzuschätzen und sich etwas Gutes zu tun.“ Neben den ethischen oder modischen Beweggründen, steckt ihrer Erfahrung nach bisweilen ein Krankheitsaspekt, wie Allergien oder auch entzündliche Erkrankungen, hinter der Entscheidung zu veganer Ernährung – manchmal mit erkennbarer Verbesserung der Beschwerden. Und „für Menschen, die sich bislang schlecht ernährt haben, ist es sicher eine Bereicherung, sich vegan zu ernähren und zu entdecken, was für ein Schlaraffenland wir an veganen Lebensmitteln haben.“ 

Auch kritische Stimmen 

Bei aller positiven Einschätzung in Fachkreisen – es gibt natürlich ebenso kritische Stimmen, die sich vor allem gegen „Mode-“, auch „Pudding- Veganer“ genannt, richten. Ob diese Gruppe, die sich – spöttisch formuliert – von Nudeln mit Soße ernährt, ohne sich näher mit der Thematik zu befassen, eine Mehrheit innerhalb der veganen Gemeinde bildet, könnte nur spekulativ beantwortet werden. Auch ob eine Antwort darauf wirklich wichtig ist, sei dahingestellt. Schließlich kann auch das ein Einstieg sein, dem möglicherweise ein bewussterer Umgang mit veganen oder nicht veganen Lebensmitteln folgt.  Christine Tröger

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