Unterirdische Stollenanlage am Kemptener Illerufer wiederentdeckt

Unterirdisches Kempten

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Sämtliche Böden der von Wilhelm Fehr (li.) wiederentdeckten Stollengänge sind mittlerweile von Geröll bedeckt.

Große Aufmerksamkeit bei Spaziergängern hat sie wohl nie erregt, die kleine Öffnung am Illersteilhang, wie die zu einer Tierhöhle.

Auch sonst war sie, beziehungsweise das, was sich hinter dieser Öffnung offenbart, in Vergessenheit geraten, nachdem sie im Juni 1997 und noch einmal im September 1999 durch eine Gruppe des THW begutachtet worden war - bis vor einigen Wochen das geschulte Auge von Wilhelm Fehr darauf fiel. 

Schon seit einigen Jahren befasst sich der Mitarbeiter im Geoinformations- und Vermessungsservice der Stadt Kempten damit, ein so genanntes Hohlraumkataster zu erstellen, in das für die Planung von Sicherungsmaßnahmen alle größeren unterirdischen Gewölbe, Bunker, Tiefkeller und Stollen eingetragen werden. 

Bereits die erste Freilegung ließ ahnen, dass sich hier etwas Spektakuläres entfalten könnte, denn es wurde ein mit Ziegeln ummauerter Eingangsschacht sichtbar, der in ein Tunnelsystem führte, welches in den Molasse-Felsen des Steilufers getrieben worden war. 

Inzwischen haben Fachleute für Bergbau, Geologie, Archäologie, Tiefbau und Vermessung das gewaltig große Stollenbauwerk erkundet. Insgesamt mehr als 500 Meter aus Sandstein gemeißelte Stollen fanden sie in dem Tunnelsystem vor, das sich in Form eines Rasters aus rechtwinklig aufeinander treffenden Gängen weit in den Hang hinein zieht. Nach Einschätzung des Bergbauexperten Günther Hiederer seien hier professionelle Bergleute unter Einsatz von Maschinen monatelang mit dem Stollenvortrieb beschäftigt gewesen. 

Rüstungsbetrieb als Auftraggeber? 

Bauwerkdetails und auch die wenigen Funde in den Gängen – Kleingeldmünzen aus der Zeit des Dritten Reichs, Lederschuhe und einige Bierflaschen, darunter eine der Kemptener Storchenbrauerei, die noch bis in die 1960er Jahre produzierte – nährten die Vermutung, dass die Stollengänge in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sein müssen. Weshalb aber wurde ein so gewaltiges Bauwerk in Angriff genommen? Die Vermutungen der Fachleute richteten sich auf die Firma Helmuth Sachse KG als Auftraggeber. Diese produzierte während der Kriegsjahre in der Textilfabrik an der Keselstraße als Zulieferer für BMW Teile für Flugzeugmotoren. Die Firma setzte dafür Tausende von Zwangsarbeitern ein, die in nahe gelegenen Baracken untergebracht waren. 

Erfolgreiche Recherche 

Informationen zum Tunnelsystem fand die Historikerin Birgit Kata vom Stadtarchiv in alten Akten. Demnach wurde die Anlage im Sommer 1944 geplant, als die Wahrscheinlichkeit von Luftangriffen auch im Süden Bayerns zugenommen hatte. „Am 19. Juli 1944 fielen zum ersten Mal Bomben auf Kempten, vom 26. Juli stammt der Entwurfsplan, der eingereicht wurde“, erklärt sie. Den Unterlagen zufolge war vorgesehen, einen Luftschutzstollen für 1600 Personen zu erstellen, in den an allen Eingängen Gasschleusen und im rückwärtigen Bereich Abortanlagen und Trinkwasserbrunnen eingebaut werden sollten. Ein Zeitzeuge vermute, so Kata, dass man diese riesige Schutzanlage für die Fabrikarbeiter „eventuell mit unterirdischen Produktionsstätten erweitern wollte“, was so jedoch nicht ausgeführt worden sei. Ein Bestandsplan vom September 1945 zeigt die heute noch vorhandene, viel kleinere und einfachere Ausführung des Stollensystems. Ob die hohen Kosten Grund für die abgespeckte Variante gewesen seien und ob das Kriegsende zur Einstellung des Baus geführt hat, sollen weitere Forschungen ans Licht bringen. 

Heute Lebensgefahr! 

Noch bei Dauerfrost fand die letzte Begehung in diesem Winter statt – aus Sicherheitsgründen. Denn Witterung, die Bewegung der Felsschichten und die stetig durchdringende Feuchtigkeit haben dem Molassefelsen über die Jahre zugesetzt. Felsbrocken, die im Lauf der letzten 70 Jahre von Decken und Wänden heruntergebrochen sind, bedecken den gesamten Boden in den Gängen. Dass die an manchen Stellen glatten Decken nur vermeintliche Stabilität bedeuten, erläutert Kata eindrücklich: „Ursprünglich als stabiles Tonnengewölbe ausgeformt, entstanden sie durch das Herunterbrechen von Felsschichten. Durch den horizontalen Verlauf der Schichten brachen mehrere Quadratmeter große und circa fünf bis 20 Zentimeter starke Felsplatten ab. Diese so genannten ‚Sargdeckel’ machen eine Begehung des Tunnelsystems bei Tauwetter lebensgefährlich.“ Einzelne Felsnasen an den Wänden sind bereits so porös, dass sie mit der bloßen Hand weggebrochen werden können. Deshalb und auch zum Schutz vor Wind und Wetter wurde der Eingang mit einer massiven Stahltüre verschlossen.  Christine Tröger

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