Versteckte Altersarmut

Die Schuldnerberatungsstelle der Diakonie in der Illerstraße 13 hilft Menschen mit Geldsorgen. Foto: Läufle

„Bis Gestern ging’s noch…“ – eine Aussage, die Susanne Greiner, Dieter Streit und Alfred Stoffel von der Schuldnerberatung der Diakonie Kempten Allgäu nur zu gut kennen. Immer öfter kommen ältere Menschen in die Beratungsstelle. „Wir erreichen aber immer noch viel zu wenig, denn die Hürde, sich zu offenbaren, ist hoch“, so die Sozialpädagogin und Leiterin der Stelle.

„Die ältere Generation lebt in der Regel sehr sparsam, kommt mit geringsten Mitteln aus – aber irgendwo ist Schluss“, erzählte Susanne Greiner in einem Gespräch. Erst vor kurzem sei eine 67-jährige Dame bei ihr gewesen, die gerade mal 680 Euro Rente erhielt. Weil sie nicht „zum Amt“ wollte, verdiente sie sich mit putzen noch 100 Euro dazu. Vom Rest, der nach Zahlung von 432 Euro für Miete und Strom noch blieb, zahlte sie an zwei Inkassobüros monatliche Raten von 20 Euro. Sie hatte die telefonischen und schriftlichen Drohungen mit Haftbefehl und Gerichtsvollzieher nicht mehr ausgehalten. Zu groß war die Angst, man könne ihr die ganze Rente pfänden. Mit der Ratenzahlung hatte sie sich „Ruhe verschafft“. Geld für einen neuen Herd hatte sie allerdings nicht. Auch dass sie durch ihre freiwilligen Zahlungen nicht mal die Zinsen decken konnte, hatte sie gar nicht bemerkt. Der Schuldnerberatung gelang es, ihr durch Aufklärung und Kontaktaufnahme mit den Gläubigern die Angst zu nehmen und zur finanziellen Entlastung beizutragen. Die Erleichterung war groß: „End- lich kann ich wieder ruhig schlafen“. Scham und Angst waren auch die Gründe für eine ehemals betuchte Kemptenerin, all ihre Habe zu veräußern, um nach außen hin ja nicht sichtbar zu machen: „Meine Rente reicht nicht aus.“ Dabei stehe der Frau Wohngeld und Grundsicherung zu, setzt sich Alfred Stoffel inzwischen für die Belange der alten Frau ein. Der ehemaliger Richter und Leitende Oberstaatsanwalt unter-stützt die Beratungsstelle ehrenamtlich und ist als Seniorenberater tätig. Senioren überfordert In zahlreichen Gesprächen haben er und Susanne Greiner festgestellt, dass gerade ältere Menschen immer häufiger kaltblütig abgezockt werden. „Sie sind einfach überfordert bei Angeboten mit Gewinnversprechen, Haustürgeschäften, Telefonwerbung, Lockangeboten vom Versandhandel und vielem mehr“, so Greiner. Hinzu komme, immer mehr Senioren würden allein leben, hätten niemanden, den sie fragen könnten, Kinder würden oft weit entfernt leben und auch die Nachbarschaftshilfe falle immer öfter aus, ergänzte Stoffel. Manche kommen mit dem Übergang Lohn/Rente nicht klar oder haben sich für Familienangehörige verschuldet. Oder sie fallen in ein tiefes (finanzielles) Loch beim Tod des Partners, sie kennen sich mit Finanzangelegenheiten überhaupt nicht aus oder wissen nicht, dass sie ein überschuldetes Erbe ausschlagen können. Die meisten erfahren von dem kostenfreien, vertraulichen und vorurteilsfreien Beratungsangebot der Schuldner- beratungsstelle über Gerichtsvollzieher, Angehörige, Banken oder auch durch Mundpropaganda. „Wir können nur helfen, wenn wir von der Not erfahren“, ist Susanne Greiner ein wenig ratlos angesichts der versteckten Altersarmut. Eine Zahlungsverpflichtung nicht erfüllen zu können, ist gerade bei der älteren Generation mit einem hohen Schuldgefühl verbunden. „Es darf einfach nicht vorkommen, dass Inkassobüros auf Altforderungen aus der Zeit von 1980 einem 70-jährigen Senior noch das letzte bisserl Rente schröpfen können“, betonte sie. Hier müsse die absolute Verjährung der Forde- rungen nach 30 Jahren gesetzlich geregelt werden.

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