Vertrauen, Verantwortung, Loyalität

Heidi und Ulrich Netzer (v.l.), Staatssekretär Franz Pschierer, stellvertretender Ministerpräsident Martin Zeil und Landtagsabgeordneter Thomas Kreuzer (CSU) bei der obligatorischen Käseprobe im Rahmen des Rundgangs über das Festwochen-Gelände. Fotos: Tröger

Wissenschaftliche Institute für das Allgäu – das ist der Wunsch den OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) am Samstagvormittag bei der Eröffnung der 61. Allgäuer Festwoche formulierte. In einem gut zweistündigen Festakt überzeugte vor allem der Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwaben, Dr. Andreas Kopton, mit seiner Rede über Vertrauen, Verantwortung und Loyalität die Gäste um den stellvertretenden Ministerpräsidenten Martin Zeil (FDP) im vollbesetzten Kornhaus. Zeil selbst vertraute in seiner Rede eher auf Zahlen und Fakten.

Mit den Worten „geschafft, ich darf im Allgäu reden“ begann Kopton. Der Präsident der IHK-Schwaben zog seine Rede an den drei Begriffen Vertrauen, Verantwortung und Loyalität auf. Das seien Worte, die jeder kennt, gebraucht oder irgendwo liest und doch gebe es komischer Weise keine einheitliche Definition, so Kopton. In seinen Augen bedeutet Vertrauen „das Überlassen von Verfügungsgewalt ohne Rückversicherung“. Um seine Definition zu veranschaulichen erzählte er aus seinem jüngsten Urlaub. „Meine siebenjährige Tochter ist vom Beckenrand gesprungen und hat gesagt 'Papa, fang mich'“. Sie habe sich darauf verlassen, dass er sie auffängt, konnte jedoch nicht sicher gehen, ob er es wirklich macht. Kopton zufolge gibt es zum Vertrauen nicht nur ein Gegenteil. „Das negative Gegenteil von Vertrauen ist Misstrauen, die positive Form von Gegenteil ist die Anleitung zur Selbstkontrolle.“ Er hätte seiner Tochter auch sagen können, dass sie so springen soll, dass sie auch ohne dass er sie fängt sicher landet. Gegen Rücktritte Einen Sonderapplaus erntete Kopton mit seinen Worten zur Verantwortung. Er definiert das Wort folgendermaßen: „Für die Folgen seines Tuns einzustehen und daraus zu lernen.“ In diesem Zusammenhang brachte er die in der Vergangenheit immer häufiger werdenden Politikerrücktritte ins Spiel. „Das geht sogar bis zum Bundespräsidenten“, gab er zu bedenken. „Das ist unmöglich, die haben ein Amt bekommen.“ Anstatt aus ihren Fehlern zu lernen, würden sie immer häufiger zurücktreten. „Ich bin dankbar, dass ich hier mal leise schreien kann“, so Kopton. Auch bei der Verantwortung nannte er wieder das negative und das positive Gegenteil: Gleichgültigkeit und Fehlertoleranz. „Ich habe von meinem ersten Chef gelernt, dass ich jeden Fehler dieser Welt machen darf, aber halt nur einmal“, erläuterte er. Bei seiner Begriffsdefinition zur Loyalität – „nichts Übles über Abwesende reden und solches Reden auch nicht zu dulden“ – sprach er beim Gegenteil die Politik an. In der Politik sei es schließlich normal, dass über Abwesende schlecht gesprochen werde. Oft sei es in der Politik auch so, dass unter einer Regierung Entscheidungen getroffen werden, die unter der nächsten nicht mehr gelten. Des weiteren meinte Kopton, dass es manchmal sinnvoll ist etwas neues aufzubauen, wenn das Fundament des alten nicht mehr ausreicht. „Das Vertrauen der Menschen in die Politik ist mittlerweile ein gutes Fundament, etwas neues aufzubauen“, führte er an und erntete erneut Applaus. Zur IHK meinte der Präsident der IHK-Schwaben, dass er ihr vertraue, da sie parteineutral und langfristig angelegt sei. Drei Bs stünden für die IHK: Bilden, Bündeln und Beraten. Abschließend stellte er klar, dass er sich laut seiner Definition loyal verhalten habe. „Wenn ich etwas Übles gesagt habe, dann nicht über Abwesende, es waren alle da.“ Die Festwoche sei ein Anlass miteinander zu sprechen und nicht übereinander, betonte er. Zu wenig Institute „Die Allgäuer Festwoche ist nicht einfach eine Wirtschaftsausstellung. Sie ist nicht allein ein Volksfest, ein großes Sportereignis oder ein kulturelles Highlight – sie ist alles zusammen“, beschrieb OB Dr. Ulrich Netzer. Zudem spiegle die Allgäuer Festwoche die Identität, die Emotionen und das Lebensgefühl der Allgäuer wider. Auf einem guten Weg befindet sich laut dem OB auch das gesamte Allgäu. Mit der Entwicklung der Marke „Allgäu“ soll das Allgäu gestärkt und mit einer klaren Botschaft Gäste, Unternehmer, Fachkräfte und alle Bürger für das Allgäu begeistert werden. Mit einigen Beispielen machte Netzer deutlich, dass das Allgäu eine Innovations- und Investitionsregion ist. Jedoch stach er einen Punkt heraus, der ihm für die zukünftige Entwicklung der Region zunehmend Sorge bereitet. „Wir sind als Region deutlich unterversorgt mit wissenschaftlichen Instituten“, sagte er. „Wir brauchen mehr an wissenschaftlich-technischem Know-how in Form von Forschungsinstituten im Allgäu“, formulierte er einen kleinen Wunsch für die Region an den Bayerischen Staatsminister für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie, Martin Zeil. Der Staatsminister selbst beschränkte sich in seiner Rede hauptsächlich auf Zahlen und meinte, dass das Allgäu immer schon Heimat innovativer Markttheorien gewesen sei. „Die Region hat sich in den letzten Jahrzehnten gut entwickelt und ist flächendeckend gut aufgestellt“, meinte Zeil. Ein großes Raunen ging durch den Saal, als er das Thema Elektrifizierung der Bahnstrecke München-Memmingen-Lindau und in diesem Zusammenhang die Neigetechnik anschnitt. Viele glauben schon gar nicht mehr an die Verwirklichung. Bis auf eine gute Reaktion, als zu Beginn seiner Rede von der Bühne im Kornhaus Blumenschmuck herunter fiel und Zeil sagte: „Das war glaub ich noch nicht die Wortgewalt meiner Rede“, blieb der Minister blass und konnte nicht mit aktuellen Themen aufwarten. Das Rahmenprogramm zur Eröffnung der 61. Allgäuer Festwoche gestalteten die Stadtkapelle Kempten unter der Leitung von Stadtkapellmeister Thomas Frasch, Gertrud Hiemer-Haslach, die mit ihrer Stimme zu den Stücken „You Raise Me Up“ und „New York, New York“ überzeugte und die Steptanz! Werkstatt Kempten.

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