"Viele erliegen den Verlockungen"

Wolfgang Grieshammer, Geschäftsführer der Diakonie, dankte Schuldnerberaterin Susanne Greiner für ihre verdienstvolle Arbeit – ebenso wie dem Team, zu dem auch Alfred Stoffel gehört, der als ehemaliger Staatsanwalt und Richter juristischen Sachverstand einbringe. Zu der Feier waren zahlreiche Vertreter und Kooperationspartner gekommen. Fotos: moriprint

1607 wurde dem Bürger Kaspar Schübel ein Aufschub von einem Jahr gewährt, um seine Schulden zu vergleichen – allerdings mit der Auflage, „er muss sich des Zechens und Zehrens enthalten“. Und darüber wachte ein Kurator der Stadt… Mehr als 400 Jahre später werden immer noch Schulden gemacht. Dennoch dachte man 1990 bei der Stadt Kempten, die finanzielle Unterstützung für die Schuldnerberatung der Diakonie hätte sich nach zwei Jahren erledigt. Aber heute, 20 Jahre nach Einrichtung der Beratungsstelle, existiert sie immer noch und hat jüngst ihren Geburtstag im Rathaus gefeiert.

Die Anfragen der Haushalte werden immer mehr. Dementsprechend war die Geburtstagsfeier in der Schrannenhalle im Kemptener Rathaus mit dem Titel überschrieben: „Ein Grund zum Feiern – und zum Nachdenken“. Die Chronologie der Schuldnerberatung macht die Notwendigkeit der Einrichtung deutlich: 1990 gab es Beratung für 47 Haushalten bei einem Schuldenvolumen von 4,2 Millionen Mark. Zehn Jahre später, 2000, waren 73 Haushalten in langfristiger Begleitung bei insgesamt 423 Anfragen aus Stadt und Landkreis. 2009 schließlich kamen von 360 beratenen Haushalten 201 in langfristige Beratung, 66 davon gingen anschließend in die Verbraucherinsolvenz. Das Gesamtschuldenvolumen lag bei 6,2 Millionen Euro. „Die Schuldnerbratungsstelle ist eine unverzichtbare Komponente im sozialen Geflecht der Stadt Kempten geworden“, würdigte OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) bei der „Geburtstagsfeier“ in der Schrannenhalle. „Susanne Greiner – seit 17 Jahren in der Schuldnerberatung – hat einen Berg von Erfahrungen, viel Engagement, viel Durchhaltevermögen sowie Fantasie bei Wegen aus der Überschuldung.“ Wer hat Schuld? Die Diakonie wirke mit ihrer Arbeit in der Schuldnerberatung einem wahren Teufelskreis entgegen, denn Familien würden daran zerbrechen, Menschen in seelische Not geraten, Arbeit verlieren und/oder die Gesundheit. Die Frage nach der Schuld werde aber nicht gestellt. Dennoch, so merkte Susanne Greiner an, sei es für Menschen trotz ihrer Verzweiflung oft schwer, sich Hilfe zu holen. „Stattdessen wenden sie sich aus Scham an unseriöse Kreditgeber und rutschen noch tiefer in die Schuldenspirale.“ Sorge bereitet ihr auch: viele bekommen bedingt durch negative Schufa-Eintragungen keine günstigere Wohnung mehr, „obwohl keine Mietschulden vorliegen“. Außerdem kämen immer mehr Menschen in die Beratungsstelle, die nicht in der Lage seien, die Zusatzbeträge bei einer ärztlichen Behandlung zu zahlen. Die Ursachen für die Überschuldung seien vielfältig. „Viele sind einfach überfordert, erliegen den Verlockungen des Konsums.“ Sie wünschte sich mehr Kompetenz im Umgang mit Geld – das sei vielen nicht mehr bekannt. Richtige Entscheidung Wolfgang Grieshammer, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes Kempten-Allgäu, zitierte abschließend aus dem ersten Jahresbericht der Schuldnerberatung: „Es ist ohne Vorbehalte festzustellen, dass die Entscheidung der Stadt Kempten, diese Beratungsstelle forciert einzurichten und zu bezuschussen, richtig war und eine wichtige Hilfe für die Bürger darstellt.“ Das gelte bis heute. Schulden gab es freilich auch in früheren Jahrhunderten: Schauspielerin Cordula Weber stellte den Schuldner Friedrich Schiller vor, dessen finanzielles Debakel mit seinen „Räubern“ anfing. Stadtarchivar Dr. Franz Rasso Böck plauderte aus der Kemptener Geschichte, als es noch einen Schuldturm (das heutige Waisentor) gab. Manchmal drohte den Schuldnern Haft, manchmal Prügel, unbelehrbare Schuldner jagte man aus der Stadt. Unterschiede wurden nicht gemacht – die „Bankrotteure“ groß und klein wurden bestraft. Vom Heilig-Geist-Spital anno 600 bis in die heutige Diakonie hinein habe es in Kempten auch Hilfen bei Überschuldung gegeben, so Böck. Dafür seien die sogenannten Kuratoren zuständig gewesen.

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