"Vom Gerichtsplatz zum Beinhaus"

Stadtführerin Silvia Damiani-Huber legt dem „leprakranken“ Tobias Klöck nahe, welche Vorschriften er einhalten muss und wie er sich zu verhalten hat. Fotos: Läufle

„Ihr seid ja krank, junger Mann“, ruft die Frau entsetzt. „Ab sofort bist du ausgesondert und musst die Vorschriften für Aussätzige befolgen.“ Ein Raunen geht durchs Volk. „Es ist Dir verboten, auf den Markt und zu den Mühlen zu gehen! Jede Menschenansammlung hast du zu meiden!“ Der angeblich Leprakranke schlägt sich erschrocken die Hände vors Gesicht. „Betteln ist Dir nur an festgelegten Tagen und an bestimmten Plätzen in der Stadt erlaubt!“, warnt die Frau mit erhobenem Finger. „Ferner wird Dir befohlen, wenn auf dem Wege Dir jemand begegnet und Dich befragt, dass Du aus der Windrichtung gehst, bevor du antwortest! Damit er sich nicht ansteckt!“, poltert sie weiter und der Kranke tritt verängstigt zwei Schritte zurück.

Das Volk beobachtet das Geschehen gebannt. „Zudem sollst Du spezielle Kleidung tragen, damit Du von den anderen erkannt wirst!“, tönt sie weiter. Aus einem Sack, den sie bei sich trägt, verteilt sie verschiedene Gegenstände und Kleidungsstücke an das Volk, drückt dem Aussätzigen den Sack in die Hand und erklärt ihm, was er mit den einzelnen Gegenständen zu tun hat. „Hier hast du eine Brottasche zum Betteln und einen Becher zum Wasser schöpfen. Mit den Handschuhen sollst du deine eitrigen Wunden verdecken“, sagt sie mit einem bösen Blick in Richtung des jungen Mannes, der nur eingeschüchtert nickt. Aus dem Volk ist ein Klappern zu hören. Die Frau nimmt von einer anderen eine Klapper entgegen und meint zu dem Aussätzigen: „Mit dieser Klapper musst du laut klappern, damit man dich hört.“ Sie wendet sich von dem jungen Mann ab, hält kurz inne, dreht sich wieder zurück und schreit erschrocken: „Aber was ist das? Das ist ja nur Dreck, Du bist gar nicht krank! Gibt den Sack wieder her!“ Gelächter beim Volk. Stadtführerin Silvia Damiani-Huber und Tobias Klöck gaben diese Szene am Dienstag vergangener Woche bei der Premiere der neuen Erlebnisführung „Vom Gerichtsplatz zum Beinhaus – Rund um Sanct Mangen Kirch“ zum Besten. Mit der neuen Führung soll die Stadt den Besuchern auf eine interessante und amüsante Art nahe gebracht werden, erklärte Heinz Buhmann, Geschäftsführer von Kempten Tourismus- und Veranstaltungsservice. Von der Tourismusinformation werden die Teilnehmer von Stadtführer Thomas Hilmer über den Rathausplatz, den Marktplatz im Mittelalter, in die Reichsstraße geführt. „Hört ihr das Geschrei der Händler?“, fragt er. Nachdem er die Geschichte des „Brieftürmleins“ erzählt hat, lässt er die Teilnehmer der Führung durch ein virtuelles Tor in den Kirchenbezirk eintreten. Es geht weiter zum ehemaligen Gerichtsplatz bei der St.-Mang-Kirche. "Harte Strafe" „Vier Bürger haben eine Anklageschrift erhalten, sie haben ein schreckliches Vergehen begangen.“ Die vier Bürger präsentieren sich dem Volk und lesen ihre Anklageschriften vor. Angeklagt sind sie beispielsweise wegen übler Nachrede oder Dieberei. Einer der Angeklagten (Heinz Buhmann) hat einen Meineid geschworen. „Schande“, hallt es aus dem Volk. „Der Angeklagte erhält eine spiegelnde Strafe. Ihm werden die Schwurfinger oder gleich die ganze Schwurhand abgeschlagen“, droht der „Richter“ (Stadtführer Hilmer). „Da der Angeklagte aber ein Knecht ist, darf er seine Hand behalten und ihm er bekommt stattdessen einen Schlitz ins Ohr.“ Am Ende fällt das Urteil für alle jedoch relativ mild aus. Die Bestrafung für ihre schreckliche Vergehen war, dass sie weiter an der Stadtführung teilnehmen müssen, was das „Volk“ mit einem lauten „Jaaa“ befürwortet. Auf dem St.-Mang-Platz befand sich im Mittelalter neben dem Brunnen ein Friedhof, erklärt Hilmer, und grenzt mit seinen Händen den Friedhof ab. Kinder wurden direkt an der Kirche begraben, damit sie nahe an Gott sind, schildert er und bückt sich zur besseren Veranschaulichung. Reiche Menschen ließen sich in der Kirche begraben und die Armen fanden weiter weg von der Kirche ihre letzte Ruhe. Viele Bürger hielten sich früher auf dem Friedhof auf, auf dem es auch eine doppelstöckige Friedhofskapelle gab. „Im Mittelalter waren Kirchen und Friedhöfe besondere Orte“, erläutert Hilmer. „Es waren Freistätten, in denen sich die Bürger quasi der Gerichtsbarkeit entziehen konnten.“ Vom ehemaligen Friedhof führt Theresia Wölfle die Gruppe in die Bäckerstraße. „Viele Bäcker der Reichsstadt waren hier angesiedelt.“ Zum einen führte die Straße vom Illertor zum Markt, zum anderen konnte, wenn eine Backstube brannte, schnell eine Löschkette zur Iller gebildet werden, um das Feuer zu löschen. Nach einigen weiteren interessanten Geschichten zu den Bäckern gibt es zur Stärkung für die Gruppe Brezen von der Bäckerei Höhe und einen Schluck Bier, da schon früher das Bäcker- und das Brauereihandwerk nahe beieinander lagen. Reisende suchen Herberge Silvia Damiani-Huber übernimmt nach der Stärkung die weitere Führung und verlässt durch das Ankergässele die Stadt. „Wir sind Reisende und haben einen langen, beschwerlichen Weg hinter uns“, bindet sie die Führungsteilnehmer ein. „Unser Ziel ist eine Herberge, die von Beginen bewirtschaftet wird.“ Zuerst müssen die Reisenden allerdings durch das Stadttor durch. „Ich sehe, das erste Tor ist geöffnet, sobald die Leuchtsäule (Ampel) auf grün schaltet, können wir rüber gehen“, meint sie und sorgt für Gelächter unter den „Reisenden“. Zwischen den beiden alten Stadttoren, erklärt sie, stellte man den Reisenden viele Fragen. Wo kommst du her? Was willst du hier? Bist du krank? Nachdem das Stadttor passiert ist, geht es weiter zum Beginenhaus. „Als Begine zu leben, bedeutete in Gemein- schaft mit Frauen zu leben“, erklärt Damiani-Huber. Sie haben Kranken gepflegt, waren Handwerkerinnen oder haben eben Herbergen geführt. Nach weiteren Erklärungen zum Nonnenturm und zur Stadtmauer geht es weiter zur Arkadenwand an der Burgstraße. In der Wand gibt es zwei Nischen, in denen wohl Lampenschälchen standen. Mit einem Bild eines solchen Lampenschälchen „leuchtet“ Stadtführerin Theresia Wölfe den Weg zur Erasmuskapelle aus. Zum Abschluss der rund eineinhalbstündigen Führung bekommen die Teilnehmer mit der Multivisionsshow im früheren Beinhaus die Geschichte der ehemaligen Friedhofskapelle näher gebracht. Weitere Informationen zur Führung gibt es bei der Tourist Information unter der Telefonnummer 0831/ 25 25 522 oder per E-mail an fuehrungen@kempten.de.

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