Betroffene und Experten sind sich einig: Das Allgäu braucht einen psychiatrischen Krisendienst

Ein eindeutiges "Ja"

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Alfons Berndl, Leiter des SpDi in Fürth.

Kempten – „Brauchen wir im Allgäu einen psychiatrischen Krisendienst?“ Die Antwort darauf war im „Allgäuer Trialog“ ein eindeutiges „Ja“ von Betroffenen, Angehörigen und auch von Experten.

Barbara Holzmann, Leiterin vom Sozialpsychiatrischen Dienst (SpDi) im Oberallgäu und Bezirksrätin, kommentierte dazu: „Die Zeit ist reif, dass wir wieder aktiv werden. Allerdings können der SpDi in Kempten und auch in Sonthofen das personell allein nicht stemmen.“ 

Alfons Berndl, Leiter des SpDi in Fürth und Gastreferent des Abends, stellte den Krisendienst Mittelfranken vor und bestärkte die Besucher im evangelischen Gemeindehaus: „Sie müssen einfach anfangen, sich Kooperationspartner wie Polizei, Gesundheitsamt, Rettungsdienst, Telefonseelsorge, Gemeindepsychiatrischer Verbund (GPV) und ähnliche Organisationen mit ins Boot holen.“ 

Logische Folge 

Für Michael Binzer aus dem Sozialpsychiatrischen Dienst in Kempten war die Frage nach dem psychiatrischen Krisendienst die logische Folge nach der letzten Veranstaltung im vergangenen Jahr, bei der es um Zwangseinweisungen in die Psychiatrie ging. Mit einem Krisendienst, so bestätigte Berndl, lasse sich die Zahl der Einweisungen reduzieren. Er muss es wissen, denn seit 15 Jahren gibt es in der Region Fürth/Nürnberg (und inzwischen in ganz Mittelfranken) einen Förderverein, über den für die Bevölkerung ein psychiatrischer und psychosozialer Krisendienst organisiert wird. 

„2000 haben wir im Auftrag der Regierung von Schwaben für einen Krisendienst bereits einen Anlauf genommen. Damals wurde sogar ein Konzept erstellt, das leider in einer Schublade verschwunden ist. Drei Jahre später wurden Stellen gekürzt. Das hat erstmal gefrustet“, erinnerte sich Barbara Holzmann. Sie sei aber eine Kämpfernatur und habe das Thema daher im vergangenen Jahr erneut in den Bezirkstag gebracht – bisher leider ohne Erfolg. 

Nicht unterkriegen lassen 

Auch in der Tagesstätte vom SpDi in Kempten hat man inzwischen eine Arbeitsgruppe gegründet, die sich mit der Thematik der Krisenintervention auseinandersetzt. „Wir dürfen uns durch ‘Nichtantworten’ nicht unterkriegen lassen“, so einer der Teilnehmer der Arbeitsgruppe. Maria Johler von der Selbsthilfegruppe der Angehörigen Kempten-Oberallgäu und Moderatorin des Abends sagte: „Es scheint so, als wollten alle heute Abend noch Nägel mit Köpfen machen. Das Engagement und der Wille sind da.“ 

Und Holzmann ergänzte: „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, denn gerade wird das psychische Krankenhilfegesetz novelliert.“ Die wichtigsten Ratschläge von Experten Anton Berndl für die Kemptener: – Holen Sie sich Mitstreiter ins Boot, denen auch an einem Krisendienst gelegen ist – beispielsweise die Polizei. – Gründen Sie einen Förderverein, wenn Sie sich an Politiker in ihrer Region. – Fangen Sie im Kleinen an – im SpDi Kempten und Sonthofen. Größer werden Sie von alleine.

Der nächste Allgäuer Trialog findet am 4. Juli um 19 Uhr im evangelischen Gemeindehaus statt. Das Thema: „Depressionen, Ängste, Zwänge – drei verschiedene Erkrankungen?”

mori

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